biokreis
Aktuelles
13.07.2017
Biokreis-Verarbeiter im Dialog

Sie produzieren Backwaren und Käse, bewirten Gäste, handeln mit Bio-Lebensmitteln, mischen Futter für Bio-Tiere oder verarbeiten Leder von Bio-Rindern − eine bunte Runde von mehr als 30 Biokreis-Mitgliedern aus Verarbeitung, Handel und Gastronomie traf sich am 28. und 29. Juni am Starnberger See zum alljährlichen Austausch.

Abfüllanlagen und Ziegen-Nachwuchs

Schauplatz am Mittwoch war das Dörfchen Andechs – idyllisch gelegen im Hügelland zwischen Starnberger- und Ammersee und Sitz der größten deutschen Bio-Molkerei: Andechser Molkerei Scheitz. Nach einem herzlichen Empfang mit Mittagessen aus hauseigenen Produkten – gebackener Käse auf Salat, Joghurt zum Nachtisch – verwandelte sich die Besuchergruppe in eine Schar Plastik-Gestalten – Hygiene muss sein. Labor und Produktionsanlagen gab es zu sehen – die Ästhetik endloser Schlangen von Joghurt-Gläsern, umrauscht vom Lärm der Abfüllmaschinen und Palettenroboter, ein bunter Kontrast dazu die abgerundeten Hundertwasser-Elemente des Neubaus. Einen kurzen Spaziergang hinter der Andechser Molkerei Scheitz entfernt, wartet der elterliche Betrieb von Barbara und Georg Scheitz auf die Biokreisler. Sie ist Geschäftsführerin der Molkerei, er hat den landwirtschaftlichen Betrieb übernommen und dort 1986 mit Milchziegen-Haltung begonnen – „Betrieb Nr. 1“ der Molkerei. Inzwischen hält er in zwei Gruppen je 180 Tiere, 70 bis 90 Liter Milch gibt eine Ziege pro Jahr. Die Käse-Ausbeute ist dabei höher als bei gleicher Menge Kuhmilch. Besonders freut er sich, dass inzwischen mehrere Bauern in der Region Ziegenmilch produzieren – und dass er offenbar auch seine Azubis von der Milchziegen-Haltung überzeugen kann. In diesem Jahr laufen die Kitze mit den Muttertieren mit: Die Stallgitter spielen für die wenige Wochen alten Tiere keine Rolle, sie schlüpfen hindurch und beschnüffeln neugierig die Besucher. 70 bis 80 Prozent weniger Milch, aber auch gesündere Kitze bedeutet das für den Landwirt. Ein Problem sei jedoch die Vermarktung des männlichen Nachwuchses, sagt Georg Scheitz, und bat dabei auch die Besucher aus Verarbeitung und Handel um Ideen. Neben den Milchziegen mästet er Schweine, und schließt damit einen Kreislauf: Die Wasser-Milch-Mischung aus der Reinigung der Molkereianlagen fließt für die Tränkung an ihn zurück und beschert ihm propere Schweine. Bei seinen Schweinen bewegt ihn zur Zeit das Thema Immunokastration – ein Verfahren, dem er eine klare Absage erteilt.

Ein Schloss am See

Wilder Wein vor gelber Fassade, schmiedeeiserne Fenster, Gewölbe und Freitreppen, eine Parklandschaft am See, Blick auf die Alpen – hat der Biokreis schon mal schöner getagt? Abends im Kavaliersgewölbe des Schlosses Tutzing sprach Barbara Scheitz vom Dialog mit den Verbrauchern und der Vorreiterrolle, die „Bio“ innehabe. Die Rückverfolgbarkeit des individuellen Produkts zum Bio-Milchlieferanten sowie Kuhpatenschaften sind Beispiele für diesen Dialog der Molkerei mit Kunden. Wie erklärt man komplexe Produktionsweisen wie die Bio-Landwirtschaft und wirkt „nahe am Verbraucher“? Als die Molkerei 2005 anfing, nur GVO-freie Milch zu verarbeiten, wurde sie verlacht, heute ist 50 Prozent der Milch in Bayern GVO-frei: Einen Einzelaspekt wie diesen an den Verbraucher zu kommunizieren sei eine mögliche Antwort auf die komplexe Frage „Was ist Bio?“ – und zugleich ein qualitativer Fortschritt, der neue Standards setze. Aktuell biete das neue staatliche Tierschutz-Label die Möglichkeit für die Bio-Bewegung, sich auf ihre ureigenen Themen zu besinnen und die Verbandsstandards zum Tierwohl hochzusetzen. Zugleich wolle die Andechser Molkerei Scheitz den Verbrauchern auch innovative Produkte bieten und reagiere mit fünf bis sechs Neuheiten pro Jahr auf aktuelle Ernährungstrends.

Partnerschaft und Qualität als Mehrwert

Die Ausführungen von Barbara Scheitz klangen wie die Antwort der Andechser Molkerei Scheitz auf die Frage, die am Donnerstagvormittag die Gemüter bewegte: Welchen Mehrwert können Fachhandel und Verarbeiter dem Kunden angesichts der fortschreitenden Filialisierung der Bio-Branche und der zunehmenden Fokussierung auf den Preis bieten? Als Gesprächspartner war Günther Haidl, Inhaber des Biomarktes Haidls Naturkost und Vorstandsmitglied des Verbandes Naturkost Süd, zu Gast – und bot den Biokreis-Verarbeitern als Impuls seine Antwort auf diese Frage an: Eine „Der Kunde ist König“-Mentalität spreche dem Kunden das selbstständige Interesse an fair produzierten, qualitativ hochwertigen Lebensmitteln ab. Der Fachhandel dagegen verstehe ihn nicht als „manipulierten König“, sondern als Partner, für den der Preis nur einer unter vielen Faktoren sei. Diese Partnerschaft verpflichte den Fachhandel dazu, den Qualitätsanspruch zu bewahren und Verbrauchern als Kommunikationspartner zu dienen. Und so möchte Naturkost Süd sich auch als verlässlicher Ansprechpartner für verarbeitende Betriebe verstanden wissen. Aus der Runde der Biokreis-Verarbeiter gab es Zustimmung aus eigenen Erfahrungen: Die höhere Qualität verbandszertifizierter Ware, persönliche Beratung, Vielfalt, unverpacktes Gemüse, soziale Aspekte und auch die bewusste Hinwendung zum Kleinen und Regionalen finde bei Verbrauchern Anklang. Herausfordernd sei jedoch die Kommunikation dieses Mehrwertes. Auch sorgenvolle Stimmen über potenzielle Bio-Skandale und die Praxis der Re-Zertifizierung erklangen. Zudem müsse sich jeder Erzeuger, Verarbeiter und Händler dem Preiskampf stellen. Und so dominierte auch in der Biokreis-Runde zeitweise die Debatte über den Preis statt über Qualität und Mehrwert – die Konzentration auf die eigenen Werte fällt angesichts des wachsenden Marktes sichtlich schwer. Biokreis-Geschäftsführer Sepp Brunnbauer zog ein Fazit für den Biokreis: Für den Verband sei die ganz eigene Marken-Politik von großer Bedeutung: Im Gegensatz zu den anderen Verbänden hat der Biokreis bewusst keine eigenen Marken für den Lebensmitteleinzelhandel entwickelt. Auch sehe er derzeit keinen Grund, eine strategische Zusammenarbeit mit Discountern einzugehen. Augenmerk des Verbandes liege vielmehr darauf, mit den Verarbeitern gemeinsam regionale Markenprodukte zu entwickeln. Die Auslobung mit dem Biokreis-Zeichen sowie die Auswahl des Vermarktungsweges liege dann in der Freiheit des Verarbeiters, in die der Biokreis sich auch künftig nicht einmischen wolle.


Einen visuellen Eindruck vom Biokreis-Verarbeitertag 2017 vermitteln die Fotos in der Bildergalerie.

   
Anerkennung für Magazin des Biokreis: bioNachrichten-Redakteurin Ronja Zöls für Salus-Medienpreis nominiert (19.07.2017)
Biokreis fordert: Herr Minister, lehnen Sie den Vorschlag zum neuen Bio-Recht ab! (14.07.2017)
Offener Brief an den Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft Christian Schmidt: Bio nach 2020 in Gefahr! (07.07.2017)
Biokreis tritt Qualitätsgemeinschaft Bio-Mineralwasser bei (23.06.2017)
Biokreis fordert: „Bienenkiller“ Neonicotinoide sofort verbieten! (16.05.2017)
Biokreis holt Mitarbeiter der donauhof-werkstätten auf den ersten Arbeitsmarkt (03.05.2017)
   
   
alle Meldungen anzeigen
   
 
Aktuelle Ausgabe:
Juni 2017
<p>
	 </p>
<p>
	 </p>

 

 

<p>
	 </p>
<p>
	 </p>

 

 

<p>
	 </p>
<p>
	 </p>