„Der Kampf ist noch längst nicht gewonnen“

Porträt von Felix Prinz zu Löwenstein

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein ist Vorstandvorsitzender des Bund für Ökologische Lebensmittelverarbeitung (BÖLW) und Ökolandwirt in Habitzheim, Hessen. Im Interview spricht er über die Zukunft des Ökolandbaus in Zeiten des Klimawandels und über die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Wandels.

Von Stephanie Lehmann

 

Herr Prinz zu Löwenstein, welche Rolle wird der Ökolandbau in 50 Jahren spielen?

Wir müssen es in 50 Jahren geschafft haben, die gesamte Landwirtschaft ökologisch zu gestalten, sonst enden wir in einer Katastrophe. Wir sehen davon bereits die ersten Ausläufer in Form von Klimawandel und dem Zusammenbruch der biologischen Vielfalt. Auch die gesamte Wirtschaft muss in 50 Jahren CO2-neutral sein, und wir müssen damit aufhören, Stoffe in die Umwelt zu entlassen, die dort nichtkalkulierbare Schäden verursachen.

 

Das heißt, wir brauchen eine gesellschaftliche Wende?

Ja, die brauchen wir, denn die gesamte Gesellschaft marschiert seit zwei, drei Generationen in eine falsche Richtung. Auch in einer Marktwirtschaft kann und sollte man den Gebrauch von Allgemeingütern staatlich regeln. Sogar Adam Smith, Vordenker der Marktwirtschaft, hat gesagt: Man muss der unsichtbaren Hand des Marktes in den Arm fallen. Ihm war bewusst, dass sich der freie Markt nicht um die Gemeingüter kümmert. In seiner Zeit ging es um die soziale Frage, die heutige Umweltfrage konnte er noch nicht vorhersehen.

 

Wird diese Wende tatsächlich kommen?

Davon gehe ich aus, denn die Probleme sind offensichtlich. Unsere Ökosysteme funktionieren nicht mehr, und das merken immer mehr Menschen. In den USA haben sich kürzlich mehr als 3.000 Ökonomen für eine CO2-Steuer ausgesprochen, bei der die erzielten Einnahmen in voller Höhe an die Bürger zurückverteilt werden sollen. Das ist ein sehr spannender Ansatz, weil auf diese Weise auch soziale Probleme gelöst werden. Dieser Vorschlag hat von Seiten der US-amerikanischen Industrie große Zustimmung erhalten. In Deutschland werden bereits ähnliche Modelle diskutiert. Mit anderen Worten: Es geht darum, intelligente Hebel zu finden, um eine Wende herbeizuführen. Das betrifft auch die Landwirtschaft.

 

Wie kann die Bio-Branche zu dieser Wende beitragen?

Wir sind als Bios Spezialisten darin, bei Verbrauchern Veränderungsbereitschaft zu mobilisieren. Trotzdem werden wir nicht alle Menschen dazu bringen, freiwillig die teurere Alternative zu kaufen – auch, wenn es in Wirklichkeit die günstigere ist, weil daraus keine Folgekosten für die Gesellschaft entstehen. Die tatsächliche Veränderung muss von staatlicher Seite kommen. Die Politik muss zum Beispiel dafür sorgen, dass die Preise die Wahrheit sprechen. Aber die Bio-Branche muss zeigen, wie es gehen kann.

 

Wie wird sich das Verhältnis von konventionellem und ökologischem Landbau entwickeln?

Konventionell heißt ja konventionell, weil es der Normalfall ist. In diesem Sinne muss Bio konventionell werden, denn Bio muss der Normalfall werden. Es ist aber klar, dass Bio dann anders aussieht als heute. Es wäre auch schlimm, wenn es nicht so wäre, denn dann käme unsere Entwicklung zum Stillstand und wir könnten uns nicht mehr verbessern. Das heißt natürlich, dass wir Bio überall finden werden, auch beim Discounter. Wie soll das sonst gehen? Ein Modell von Bio, das darauf beruht, klein und überschaubar zu bleiben, unterstütze ich nicht. Dieses Modell schaut hochnäsig dabei zu, wie die Welt zugrunde geht.


„Wir müssen es in 50 Jahren geschafft haben, die gesamte Landwirtschaft ökologisch zu gestalten, sonst enden wir in einer Katastrophe.“


Zurück zur Landwirtschaft: Worauf sollte sich einzelne Landwirte für die Zukunft einstellen?

Im letzten Jahr ist es offensichtlich geworden: Wir müssen unsere Anbausysteme verändern. Das gilt auch für den Ökolandbau. Durch den Klimawandel gibt es immer mehr extreme Wetterlagen. Wir können also nicht einfach so weitermachen wie bisher. Bei uns auf dem Hof haben wir Kulturen, bei denen der Acker eine Zeit lang ganz nackt und bloß ist. Das werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können. Da gibt es auf den allermeisten Bio-Betrieben noch sehr viel zu tun. Es reicht also nicht, dass die konventionellen Bauern zu Ökolandwirten werden.

 

Was machen Sie schon auf Ihrem Hof?

Wir arbeiten mittlerweile fast komplett pfluglos, weil wir der Meinung sind, dass wir auf diese Weise am besten Humusaufbau betreiben können. Humus ist wegen seiner Wasserspeicherfähigkeit entscheidend. Außerdem fördern wir so das Bodenleben und das ist wichtig für widerstandsfähige Böden. Das ist überhaupt eine spannende Frage: Wie kriegen wir stabile Anbausysteme hin, die mit möglichst wenigen Eingriffen zurechtkommen? Letztlich geht es darum, dass wir immer besser verstehen, wie natürliche Systeme funktionieren, um sie immer intelligenter zu nutzen.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Bio-Bewegung?

Wir haben es noch lange nicht geschafft, die Agrarpolitik und alle anderen uns berührenden Politikfelder so zu verändern, dass der Umbau gelingen kann. Insofern liegen unsere Zukunftsaufgaben klar vor uns. Und ich hoffe, dass es uns gelingt, wirklich stabile aus sich selbst heraus funktionierende Produktionssysteme zu schaffen. Deshalb müssen wir mit viel Kraft weiter unsere Arbeit tun. Obwohl wir in der Gesellschaft viel Zustimmung bekommen – die Beharrungskräfte, die keine Veränderung nicht wollen, sind doch sehr groß. Der Kampf ist also noch längst nicht gewonnen.

 

Haben Sie ein persönliches Ziel?

Es gibt keinen Zweig der Wirtschaft, der so von politischen Rahmenbedingungen abhängt wie die Landwirtschaft. Mein Ziel ist, dass wir den Veränderungsprozess nicht als die Aufgabe eines Ressorts begreifen, sondern als Aufgabe aller politischen Kräfte. Es muss deutlich werden, wie entscheidend Ernährung und Landwirtschaft für viele Bereiche sind, zum Beispiel für Forschung, Gesundheit und Erziehung.

 

Was sollten junge Menschen tun?

Es ist unabdingbar, politisch zu sein. Das zeigt die Fridays for Future-Bewegung: Da haben junge Menschen begriffen, dass sie politisch werden müssen, weil niemand anders die Dinge für sie regeln wird. Es macht mir großen Mut, dass das aus dieser Generation kommt. Junge Menschen sollten sich ganz konkret politisch einmischen.

 

Sind Sie denn zuversichtlich, was die Zukunft angeht?

Ich halte Pessimismus für eine nichtproduktive Lebenshaltung. Deswegen bin ich optimistisch. Aber manchmal fällt mir das nicht leicht.

 

Ich danke Ihnen für das Gespräch!

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