„Wir müssen JETZT handeln“

Susanna Lindlein ist 14 Jahre alt und besucht die 9. Klasse des Gisela-Gymnasiums Passau-Niedernburg. Sie ist Teil des Organisationsteams von Fridays for Future Passau und setzt sich gemeinsam mit anderen Schülern für mehr Klimaschutz ein. Im Interview spricht sie über die Ziele der Bewegung und darüber, warum es sinnvoll ist, während der Unterrichtszeit zu protestieren.

Image

Susanna, wie kamst du zu Fridays for Future?

Ich habe über Social Media von den großen Demonstrationen, zum Beispiel in Berlin, gehört. Über die Internetseite von Fridays for Future habe ich herausgefunden, dass es auch vor Ort eine Gruppe gibt, die solche Streiks organisiert. Ich habe an der ersten Demo in Passau teilgenommen und inzwischen bin ich gemeinsam mit fünf anderen Schülern im Organisationsteam.

Warum bist du dabei?

Wir wissen alle, dass es den Klimawandel gibt und dass wir jetzt handeln müssen, um ihn aufzuhalten. Die Erderwärmung schreitet voran und das hat viele Folgen: beispielsweise wird der tropische Regenwald absterben, der große Mengen an Kohlenstoff speichert. Dadurch würden große Mengen an Treibhausgasen freigesetzt werden, die die Erderwärmung zusätzlich antreiben würden. Außerdem werden die Gletscher schmelzen. Dann steigt der Meeresspiegel, ganze Regionen werden überflutet und viele Menschen müssen flüchten. Weitere Tierarten werden aussterben und auch für uns Menschen wird das Leben auf der Erde schwieriger werden. Auf das Leben meiner Kinder und Enkel wird sich das massiv auswirken, obwohl sie nichts dafür können! Ich sehe im Moment keine bessere Möglichkeit als die Streiks, um mich im Kampf gegen den Klimawandel einzubringen.

Warum finden die Streiks während der Unterrichtszeit am Vormittag statt?

Wenn wir nachmittags demonstriert hätten, hätte das niemanden interessiert. Die Öffentlichkeit hätte dann einfach nichts davon mitbekommen. Dadurch, dass wir während der Schulzeit streiken, kriegen wir viel mehr Aufmerksamkeit. Momentan behandelt gefühlt jede zweite Talkshow im Fernsehen den Klimawandel. Überall wird auch von den Demos geredet. So wird der Klimawandel zum Thema.

Wie gehen die Schulen mit eurem Engagement um?

Unterschiedlich. Manche Schulen sind sehr streng und erteilen sogar Verweise. Von diesen Schulen nehmen auch weniger Schüler an den Streiks teil. Andere sind nicht so streng und sehen über das Fehlen im Unterricht hinweg. Einige erlauben die Teilnahme sogar ausdrücklich oder akzeptieren Entschuldigungen von den Eltern.


„Unser Ziel ist es, vor allem die Politiker zum Handeln zu bewegen, denn sie können am meisten ändern. Sie sollten verstehen, wie unglaublich wichtig es ist, jetzt etwas zu tun. Im Moment habe ich aber das Gefühl, dass sie den Handlungsbedarf noch nicht erkannt haben.“


Was ist euer Ziel?

Wir wollen die Erderwärmung auf unter 1,5 Grad begrenzen. Dann könnte das Klima einigermaßen stabil gehalten werden. Aber im Moment sieht es nicht so aus, als ob die Politiker das verwirklichen würden. Was ich persönlich besonders beängstigend finde, sind die Kipppunkte des Klimas. Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir die Erderwärmung in rund elf Jahren auch mit dramatischen Einsparmaßnahmen von Treibhausgasen nicht mehr stoppen können. Das heißt, wenn wir jetzt nichts tun, dann können wir später tatsächlich nichts mehr ändern.

Wie sollten die Menschen aus deiner Sicht mit dieser Bedrohung umgehen?

Sie müssen nicht panisch reagieren, aber sie sollten Angst vor dem haben, was passiert, wenn sie nichts verändern. Wenn keine Angst da ist, dann tut niemand etwas, dann sieht niemand einen Grund zu handeln. Und dann ist es vielleicht schon zu spät.

Was muss sich ändern?

Unser Ziel ist es, vor allem die Politiker zum Handeln zu bewegen, denn sie können am meisten ändern. Sie sollten verstehen, wie unglaublich wichtig es ist, jetzt etwas zu tun. Im Moment habe ich aber das Gefühl, dass sie den Handlungsbedarf noch nicht erkannt haben. Was dann genau zu tun ist, das sollten Politiker und Wissenschaftler miteinander klären. Uns als Schülern geht es vor allem darum, dass viel schneller als bisher Maßnahmen ergriffen werden, die auch wirklich etwas bewirken.

Was sagst du zu dem Vorwurf, dass ihr Schüler noch gar nicht wisst, wie Politik funktioniert?

Wir sind zwar Schüler, aber wir haben auf jeden Fall verstanden, dass es wichtig ist zu handeln. 23.000 Wissenschaftler haben unsere Forderungen unterstützt und gesagt: Ja, ihr habt recht, wir müssen handeln! Wenn das so viele Wissenschaftler sagen, dann können wir nicht falsch liegen. Natürlich ist in der Politik alles ein bisschen komplizierter. Aber die kleinen Probleme, die jetzt dadurch entstehen, dass man konsequent gegen den Klimawandel vorgeht, die werden viel größer, wenn man abwartet und nichts tut. Dann kriegen wir echte Probleme. Mit denen wird auch die Politik nicht mehr wirklich klarkommen.

Fridays for Future Deutschland fordert unter anderem, bis Ende 2019 ein Viertel der Kohlekraft in Deutschland abzuschalten und eine CO2-Steuer einzurichten. Für wie realistisch hältst du diese Forderungen?

Das sind natürlich sehr ambitionierte Forderungen, vor allem, weil sie sich auf das laufende Jahr beziehen. Wenn die Politiker das tatsächlich umsetzen, dann: Respekt! Aber es ist auf jeden Fall notwendig, so radikal zu handeln! Diese Forderungen sind ja auch in Absprache mit Wissenschaftlern entstanden.

Was hat sich bei euch in der Familie geändert, seit du bei Fridays for Future dabei bist?

Meine Familie hat sich schon vorher mit diesen Themen befasst. Wir fliegen möglichst nicht und kaufen viele Bio- und Fairtrade-Prdoukte. In der Fastenzeit haben wir weitestgehend auf Plastik verzichtet. Ich bin Vegetarierin und esse nur noch Bio-Milchprodukte. Meine Eltern unterstützen mich dabei.

Bringt dir dein Engagement auch etwas ein?

Ich lerne dadurch ganz viel! Ich weiß jetzt zum Beispiel, dass man eine Demonstration beim Ordnungsamt anmelden muss und dass auch ich so eine Demonstration organisieren könnte, obwohl ich noch nicht 18 bin - also ganz praktische Dinge. Außerdem informiere ich mich selbständig über viele Themen und lerne, mich vor Menschen zu präsentieren.

Geht eure Bewegung auch in Zukunft weiter?

Ja, sie wird auf jeden Fall weiter bestehen, und sie wächst auch immer noch weiter! Wenn wir nicht weiter konsequent demonstrieren, wäre das alles umsonst gewesen.

Sind die Streiks eigentlich für jeden offen?

Ja, jeder kann daran teilnehmen. Alle sind willkommen!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.