Hochtechnologie und Weidegang

Eine Milchkuh auf der Weide.

„Eine erfolgreiche Kombination von AMS und Weidegang ist möglich, aber es kann in der Regel nicht mit einer maximalen Auslastung der Melkstation gerechnet werden.“


Entweder Weidegang oder Melkroboter – muss man sich wirklich entscheiden? Ja, entscheiden muss man sich, aber die Lösung kann auch eine Kombination sein.

Von Dr. Gudrun Plesch | Die Autorin ist Geschäftsführerin des Biokreis Erzeugerring NRW und landwirtschaftliche Beraterin.

 

Automatische Melksysteme (AMS) erfreuen sich zunehmender Beliebtheit und gerade im Ökolandbau ist Weidegang ein wichtiges Verkaufsargument für die Milch. Bei Praktikern und oftmals auch in der Beratung gibt es aber noch viele Vorbehalte, wenn es um die Kombination von AMS und Weidegang geht.

Unter konventionellen Rahmenbedingungen steht beim Einsatz eines AMS die möglichst hohe Auslastung der Melktechnik an erster Stelle. Da der Kauf eines Melkroboters mit nicht unerheblichen Investitionen und laufenden Kosten verbunden ist, sollen die Ausgaben je Kilogramm ermolkener Milch reduziert werden. Auch der Weidegang für Milchkühe hat eine ökonomische Komponente. Durch die Reduktion der Ausgabe für Futterwerbung und –vorlage kann die Produktion kostengünstiger erfolgen. Nicht zu vernachlässigen sind zudem die positiven Effekte hinsichtlich der Tiergerechtheit sowie der Tiergesundheit.

Wo ein Wille ist, da ist auch eine Weide!

Eine Untersuchung zeigte, dass die Einführung eines AMS auf den Betrieben oftmals mit einer Abkehr von der Weidehaltung und mit höherem Kraftfuttereinsatz verbunden ist (Bühlen, 2013). Dass dem nicht so sein muss, zeigen zahlreiche Beispiele aus der Praxis nach dem Motto: Wo ein Wille ist, da ist auch eine Weide! Um AMS und Weide erfolgreich kombinieren zu können, sollte man sich jedoch vorab die vorhandenen Rahmenbedingungen vor Augen führen. Ziel ist es, eine Balance zwischen dem Anreiz des Melkens durch Kraftfuttergaben am AMS und einer hohen Futteraufnahme auf der Weide zu erreichen.

Die konkrete Ausgestaltung der Abläufe mit automatischem Melken und Weidegang im Einzelbetrieb hängt von der Verfügbarkeit von Weideflächen mit direkter Anbindung an den Stall ab. Die Gegebenheiten entscheiden über die grundsätzliche Realisierbarkeit, über das Weidesystem, die tägliche Zugangsdauer und die Besatzstärke.

Den Zugang zur Weide gut regeln

Grundsätzlich wird für ein gutes Wechselspiel ein geregelter Zugang zur Weidefläche empfohlen, um den Aufwand für das Nachtreiben von Einzeltieren zum Roboter möglichst gering zu halten. Um den Nachtreibeaufwand zu minimieren und die Auslastung des AMS zu verbessern, kann Kühen mit bevorstehendem Melkanrecht der Weidegang  verweigert werden.  Entscheidend ist dabei, ob die Kuh seit dem letzten Kontrollgang am AMS war und gemolken wurde oder nicht. Dafür wird entweder ein Selektionstor installiert, das nur Kühen Zugang zur Weide gewährt, die in absehbarer Zeit kein Melkanrecht besitzen, oder die Kühe werden wechselweise in Gruppen auf die Weide gebracht. Letzteres könnte so aussehen, dass nachts alle Tiere im Stall sind, vormittags alle Kühe ohne Melkanrecht innerhalb der nächsten Stunden auf die Weide gehen und im Wechsel nachmittags dann der Rest der Herde. 

Bei ungeregeltem Zugang zu Weideflächen mit attraktivem Futteraufwuchs muss dafür gesorgt werden, dass die Kühe gerne regelmäßig wieder in den Stall kommen, um sich melken zu lassen. Dafür müssen Anreize geschaffen werden: zum Beispiel schmackhaftes Kraftfutter im AMS (das ist viel entscheidender als die Menge!), Zufütterung von attraktivem Grundfutter, ein gutes Stallklima, bequeme Liegeflächen und ausreichendes Platzangebot im Stall.

Tiergerechte Wege zwischen Weide und Stall sind Pflicht

 Das A und O für einen reibungslosen Wechsel zwischen Weide und Stall sind mobile, also fußgesunde Kühe. Eine direkte Stall-Weide-Anbindung und möglichst kurze, aber vor allem auch tiergerechte Verbindungswege mit weichem Boden, möglichst ohne Steine und Morast, sorgen ebenfalls für lauffreudige Kühe. Der freie Kuhverkehr zwischen Weide und Stall ist weniger empfehlenswert als die Investition in automatisierte Selektionstore, die zentral über das AMS gesteuert werden und einzeltierbezogen Zugang zur Weide gewähren oder nicht. Zugangsbeschränkungen zur Weide sind ebenso nötig, wenn nur wenig Weidefläche zur Verfügung steht oder die Flächen nass sind und dadurch die Gefahr der Schädigung der Grasnarbe bei zu intensiver Nutzung besteht.  


„Die Gegebenheiten im Betrieb entscheiden über die grundsätzliche Realisierbarkeit, über das Weidesystem, die tägliche Zugangsdauer und die Besatzstärke.“


Folgende Voraussetzungen sollten beim erfolgreichen Betrieb eines automatischen Melksystems im Stall mit Weidegang gegeben sein:

 

  • Weidefläche mit direktem Anschluss an den Stall
  • intakte, tiergerechte Verbindungswege zwischen Weide und Stall
  • freier Zugang für die Tiere von der Weide zurück in den Stall
  •  attraktives, schmackhaftes Kraftfutter als Lockfutter am Melkroboter
  • keine Zufütterung auf der Weide
  • Anpassung der Besatzdichte bzw. der täglichen Weidezeit an nutzbare Weidefläche

Wenn hofnahe Flächen fehlen: (teil)mobile AMS

Nicht jeder Betrieb verfügt über arrondierte und hofnahe Flächen. Um dennoch mit automatischer Melktechnik zu arbeiten, wurden (teil)mobile AMS entwickelt. Auf großen, hoffernen Flächen wird an einem festen Punkt eine gewisse Infrastruktur geschaffen, zum Beispiel ein Stellplatz für den Roboter mit Güllekeller, eine Wasser- und Stromversorgung und ein Milchtank. Während der Weidesaison wird so ohne Stall gemolken.

Um den Arbeitsaufwand gering zu halten, die Auslastung des Melkroboters zu gewährleisten und die Weidenutzung zu optimieren, ist gelenkter Kuhverkehr mit einer zweimaligen, täglichen Verbringung der Herde auf ein weniger attraktives Teilstück, von dem aus die Kühe durch das AMS auf eine attraktivere Weidefläche wechseln können, empfehlenswert. Längere Distanzen zum Roboter, die auf der Weide zurückgelegt werden müssen, sind bei diesem System unproblematisch. Schattenplätze und Witterungsschutz, zum Beispiel durch Stallung, Unterstand, Bäume und Hecken, sollten vorhanden sein. Auf eine reibungslose Wasserversorgung ist zu achten, damit die Kühe ihre Leistung halten können.

Ein ausgeklügeltes Weidemanagement muss sein

Eine erfolgreiche Kombination von AMS und Weidegang ist möglich, aber es kann in der Regel nicht mit einer maximalen Auslastung der Melkstation gerechnet werden. Je nachdem, ob für den Betrieb die Maximierung der Weidefutteraufnahme, eine niedrigere körperliche Arbeitsbelastung oder eine hohe Auslastung der Melkeinheit im Vordergrund steht, müssen betriebsindividuelle Lösungen für das Weidekonzept gefunden werden. Einem ausgeklügelten Weidemanagement kommt dabei eine ebenso große Bedeutung zu wie einer angepassten Zufütterungsstrategie, der Zugangssteuerung zur Weide und dem sinnvollen Einsatz von schmackhaftem Lockfutter am Melkroboter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.