Solawi auf dem Bio-Hof – ein Konzept mit Zukunft

Ein gutes Team: Helena Wiskott, Moritz Sigloch, Therese und Carl-Philipp Brinkmeyer mit Tochter Rahel (v.l.n.r.) | Bild: Jörn Bender

Familie Brinkmeyer geht mit der Umsetzung einer solidarischen Landwirtschaft einen großen Schritt auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Vollerwerbslandwirtschaft.
Von Jörn Bender | Der Autor ist landwirtschaftlicher Berater beim Biokreis in NRW und Niedersachsen.


Erst 2017 haben Therese und Carl-Philipp Brinkmeyer aus Melle im niedersächsischen Landkreis Osnabrück ihren Biokreis-Hof auf ökologische Bewirtschaftung umgestellt. Zu diesem Zeitpunkt bereitete sich Therese Brinkmeyer auf ihren Masterabschluss an der Hochschule Osnabrück vor, Carl-Philipp war und ist noch in einem größeren Maschinenbaubetrieb mit landwirtschaftlichem Schwerpunkt tätig.

Dennoch gab es für die überzeugten Öko-Bauern von Beginn an das Ziel, den „Elshof“ zu einer facettenreichen Vollerwerbslandwirtschaft zu entwickeln. Diese Aufgabe ging die inzwischen um Tochter Rahel gewachsene Familie mit hoher Professionalität und vor allem mit viel Liebe zum Detail an. Davon zeugen kreativ gestaltete Hofschilder und eine gepflegte Geflügelhaltung ebenso wie ansprechende und informative Verkaufsstände für die eigenen Produkte.

In einem ersten Schritt wurden die circa 60 Hektar Ackerfläche um einen Mobilstall für 225 Hühner ergänzt. Inzwischen stehen drei solcher Mobilställe auf dem Hof. Regionale Kreisläufe und hochwertige Vermarktung sind ein Kernanliegen beider Betriebsleiter. So vermarktet der Elshof das erzeugte Futtergetreide vorwiegend auf direktem Weg an die umliegenden Biokreis-Milchviehbetriebe. Eier und inzwischen auch Masthähnchen gibt es im eigenen SB-Hofverkauf und bei weiteren Bio-Läden in der Region.

Die Idee einer Solawi kommt im Landkreis Osnabrück gut an

In die Überlegung, die Tierhaltung mit Hähnchenmast oder Schweinehaltung weiterzuentwickeln, schob sich 2019 relativ spontan der Gedanke, eine solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) einzurichten. Sie sollte schon bald Dreh- und Angelpunkt des Hofes werden.

Erst Ende des vergangenen Winters hatten Brinkmeyers übers Internet den Gärtnermeister Moritz Sigloch kennengelernt, der nach vielen Jahren in einer Demeter-Gärtnerei eine neue berufliche Herausforderung suchte. Inzwischen bewohnt Moritz Sigloch mit Ehefrau Sophia und Tochter Ava Lotta eine Wohnung im großen Hofgebäude von Carl-Philipp und Therese. Zwischen beiden Familien ist eine intensive Freundschaft entstanden.

Zunächst war die Einrichtung einer halben Gärtnerstelle vorgesehen. Die große Resonanz auf das Angebot einer Solawi ermöglichte es aber schnell, auf eine Vollbeschäftigung  aufzustocken. Im Mai wurden nach eiliger Bestellung die ersten Gemüsekulturen auf dem Elshof gepflanzt. Parallel organisierten Brinkmeyers einen Infoabend, bei dem der offizielle Auftakt zur Umsetzung der Solawi stattfinden sollte. Trotz der Lage im deutlich ländlich geprägten Raum war das Echo überwältigend.

Binnen weniger Tage zeichneten etwa 70 Einzelpersonen und Familien einen Anteil im monatlichen Wert von 110 Euro. Damit war die wirtschaftliche Grundlage für das Konzept geschaffen. – Der Traum einer Landwirtschaft, in der hochwertige Lebensmittel zu angemessenen ökologischen und sozialen Konditionen produziert und vermarktet werden können, wurde für den Elshof zur Realität.

Zofia Trocha holt mit Maja und Erik ihren Solawi-Anteil ab. | Bild: Norbert Wiegand

Der Umgang mit dem saisonalen Angebot einer Solawi will gelernt sein

Heute fühlt es sich richtig gut an, wenn freitags zwischen 15 und 18 Uhr die Mitglieder zum Abholtag auf den Hof kommen, ihre Waren aussuchen und sich in der ländlichen Idylle des Gartens zu Rezepten und Einkochstrategien austauschen. Neben verschiedensten Gemüsesorten und Kräutern gehören auch Eier, Geflügel und Rindfleisch vom Roten Höhenvieh in das Angebot der solidarischen Landwirtschaft.

Rein vegetarische oder vegane Anteile sind nicht vorgesehen. Nach der Philosophie des Hofes gehört eine vorbildliche Tierhaltung fest zum Konzept einer stimmigen Kreislaufwirtschaft. Die Gemeinschaft muss freilich noch ein wenig lernen, mit dem saisonalen Angebot und Anrecht angemessen umzugehen. Das bedeutet, im Sommer aus dem eigenen Anteil auch Vorräte für den Winter anzulegen, denn es gibt im Jahresverlauf immer reichlich von dem, was gerade frisch auf den Flächen geerntet werden kann.

Und noch eine Beobachtung haben Brinkmeyers machen können: Die Mitglieder der Solawi entstammen dem breiten Querschnitt der Gesellschaft, sind also keine handverlesenen „Exoten“. Das zeigt, dass die Idee Potential zum Wachstum hat und sicherlich auch andernorts umsetzbar ist. Für die 70 Anteile sollen perspektivisch etwa 1,5 Hektar Fläche des Elshofes gartenbaulich bewirtschaftet werden.

Bei der Einrichtung der Solawi war das Netzwerk solidarische Landwirtschaft mit einer sehr guten Internetseite hilfreich: www.solidarische-landwirtschaft.org. Daneben gibt es gute Literatur vom AID Infodienst. Ein Vorzeigehof aus der Region, die CSA Hof Pente der Familie Hartkemeyer (CSA = community supported agriculture), stand ebenfalls unterstützend zur Seite.
 
Insgesamt rund 25.000 Euro mussten in der Startphase der Solawi auf dem Hof Brinkmeyer kurzfristig investiert werden, denn es gab zuvor keinerlei Gartenbau- oder Bewässerungstechnik und auch ein größeres Foliengewächshaus musste zum Anbaustart angeschafft werden. Inzwischen stehen weitere Investitionen an: ein zweiter Folientunnel soll her, die aktuelle Agria-Fräse muss mittelfristig durch einen Kleintraktor oder Geräteträger ersetzt werden.

Die Arbeit hat sich gelohnt: Der Elshof ist fit für die Zukunft

Bei aller Arbeit sehen Carl-Philipp und Therese diesen Investitionen inzwischen weniger skeptisch entgegen, denn nun gibt es endlich eine finanziell verlässliche Grundlage, um allen am Wertschöpfungsprozess Beteiligten eine langfristige Perspektive zu bieten.

Neben Moritz Sigloch und der anteiligen Mitarbeit der Betriebsleiterfamilie wurde die Solawi 2019 auch durch einige freiwillige Helfer unterstützt. So waren unter anderem sogenannte „wwoofer“ (world wide opportunities on organic farms, www.wwoof.de) in Melle im unermüdlichen Einsatz. Sie brachten Erfahrungen aus ihrer Heimat ein und nahmen neue Eindrücke mit auf den Weg.

Carl-Philipp und Therese Brinkmeyer sind indes auf ihrer persönlichen Reise einen großen und vor allem erfüllenden Schritt weiter gekommen, haben mit der Resonanz auf die Solawi Nachhaltigkeit für den Elshof schaffen und Wertschätzung für eine besonders hochwertige ökologische Landwirtschaft in der Region umsetzen können. Es bleibt der Eindruck, einen Ökobetrieb besucht zu haben, wie er stimmiger kaum sein könnte.

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