„Chronischer Hunger findet weit weg von Nachrichten und Fernsehen statt“

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Bettina Lüscher ist die Chefsprecherin für das UN World Food Programme in Berlin. Im Interview erzählt sie von den Mitteln zum Kampf gegen den Hunger in der Welt, den fatalen Auswirkungen des Klimawandels und einer berührenden Begegnung in Ruanda.

Frau Lüscher, was sind die Aufgaben und Ziele des World Food Programme?
Das World Food Programme ist die größte Hilfsorganisation der Welt. Wir versorgen jedes Jahr rund 90 Millionen Menschen in über 80 Ländern. Das ist so viel, als ob wir jeden Menschen in Deutschland mit Essen versorgen würden.
Unser Ziel ist es irgendwann überflüssig zu werden. In den letzten Jahrzehnten hatten viele Erfolge und konnten Hunger bekämpfen. Aber aufgrund von Kriegen und Konflikten wird unsere Arbeit immer schwieriger und immer wichtiger. Wir sind ja überall an vorderster Front: im Jemen, in Syrien, im Irak, im Südsudan. An all diesen Brennpunkten sind Menschen in Konflikten gefangen. Manche haben ihre Kinder verloren, andere fliehen mit nur wenig Hab und Gut von einem Ort zum nächsten.

Die Zahl der Hungernden ist in den letzten Jahren wieder leicht gestiegen?
Ja. Rund 821 Millionen Menschen auf der Welt bekommen momentan nicht genug zu essen, um gesund und produktiv zu leben. Das waren  vor zehn Jahren schon mal weniger. Ursache für die steigenden Zahlen sind die Kriege. Dazu kommt der Klimawandel: Wenn es Dürreperioden, Überflutungen oder Wirbelstürme gibt, wenn Land allmählich zur Wüste wird und Anbaugebiete wegfallen, dann sind die Menschen in einer ganz schwierigen Lage. Entstehen dann auch noch Konflikte, wird das Leben extrem schwierig.

Merken Sie die Auswirkungen des Klimawandels bereits?
Ja, auf jeden Fall. Zum Beispiel in Mozambik: Das Land wurde vor einigen Monaten innerhalb kürzester Zeit von zwei verheerenden Wirbelstürmen getroffen. Mozambik wurde zwar immer wieder überflutet und von Wirbelstürmen getroffen, aber nicht in dieser Größenordnung, nicht in dieser Stärke und vor allem nicht nach vier Wochen noch einmal. Wir sehen an anderen Orten in Afrika, dass sich die Wüste weiter ausbreitet. Das führt zum Beispiel zu Streit darüber, wo die Farmer ihre Viehherden hintreiben können. Durch die Folgen des Klimawandels sind wir gefordert, neue Lösungen zu finden. Wir haben zum Beispiel Wetter- und Dürreversicherungen als Hilfsmaßnahmen entwickelt, aber auch Frühwarnsysteme, die Krisenherde vorhersagen.

Wie muss man sich Ihre Arbeit konkret vorstellen?
Das World Food Programm gibt es seit Anfang der 1960er-Jahre. Früher haben wir hauptsächlich Essen verteilt: Reis, Mais, Bohnen, Linsen und Öl. Mittlerweile geben wir auch Checkkarten aus, mit denen Familien in Supermärkten oder bei örtlichen Händlern einkaufen können. Das unterstützt die lokale Wirtschaft, ist effizient und schnell.
Aber es geht nicht nur darum, das reine Überleben zu sichern, sondern auch um den Kampf gegen Mangelernährung. Eine der schlimmsten Statistiken für mich ist: Wenn ein Kind in den ersten tausend Tagen seines Lebens – also im Bauch der Mutter und in seinen ersten zwei Lebensjahren – keine gute Ernährung bekommt, wird es sein Leben lang nicht so intelligent, gesund, stark und produktiv sein wie andere Kinder. Deshalb verfolgen wir in dieser Richtung viele Ansätze: Mütterprogramme, Schwangeren- und Teenagerprogramme und Schulspeisungen. Wir wollen ja nicht nur etwas verteilen, sondern wir wollen, dass die Menschen sich langfristig selber helfen können.

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn Menschen hungern?
Die Menschen sind sehr schwach. Ihre Körper sind so stark geschwächt, dass Krankheiten ausbrechen. Sie siechen dahin. Das Tragische ist, dass akute Hungerkatastrophen, wie zum Beispiel vor einigen Jahren in Somalia, vermeidbar sind. Diese Krisen entstehen, weil militante Gruppen die Helfer nicht in die betroffenen Gebiete lassen. Dann kommt man an die Menschen nicht heran und kann nicht helfen, die Kinder nicht in Krankenhäuser bringen, keine Nahrung verteilen.
Die größere Zahl der Menschen – die 821 Millionen Unterernährten – lebt nicht gesund und weiß oft nicht, wo am nächsten Tag die Mahlzeit herkommt. Dieser chronische Hunger findet ganz weit weg von Nachrichten und Fernsehen statt.


„Was mich immer wieder unglaublich beeindruckt: Wie sehr die Menschen darum kämpfen, ihre Familien zu unterstützen. Wie sehr sie hoffen, dass ihre Situation besser wird und wie hart sie daran arbeiten.“


Eigentlich gibt es ausreichend Essen auf der Welt. Welche Strategien verfolgen Sie, damit alle Menschen genug bekommen?
Wir haben viele landwirtschaftliche Projekte, die neue Anbautechniken vermitteln. Außerdem arbeiten wir daran, dass Kleinbauern, die ja weltweit den Hauptteil der Nahrung produzieren, ihre Ernte sicher an den Markt bringen können. Wir bauen zum Beispiel Silos, damit sie die Ernte sicherer aufbewahren können. Wir helfen den Bauern, Kooperativen zu formen, damit sie mehr Verhandlungsmacht haben, und vermitteln Zugang zu Krediten, um Saatgut zu kaufen.
Aber wir müssen bei jedem Schritt mit den Dorfältesten, den Experten und mit den Regierungen zusammenarbeiten, damit wir das alles gemeinsam machen. Es geht nicht, wenn die UN den Leuten sagt, was getan werden muss. Es geht nur in Partnerschaft, Schritt für Schritt gemeinsam.

Welche Momente aus Ihrer Arbeit sind Ihnen in Erinnerung geblieben?
Was mich immer wieder unglaublich beeindruckt: Wie sehr die Menschen darum kämpfen, ihre Familien zu unterstützen. Wie sehr sie hoffen, dass ihre Situation besser wird und wie hart sie daran arbeiten. Eine der Begegnungen, die mich am meisten berührt hat, war eine Frau in Ruanda. Vor zehn Jahren war sie noch völlig abhängig von der Hilfe der UN. Durch Pilotprojekte kam sie zu Land, hat selber angebaut, Mitarbeiter angestellt und Lebensmittel produziert. Schließlich hat sie uns Getreide verkauft. Statt etwas zu verteilen, waren wir auf einmal Kunden dieser Kleinbäuerin. Das ist genau, was wir wollen!

Für welche Länder können Sie Erfolge verzeichnen?
Früher waren wir mal in China, heute ist China eines unserer Geberländer. Auch in Brasilen hat sich viel geändert. Das Land hat zum Beispiel sehr viel in Schulspeisungsprogramme investiert und dadurch Millionen aus dem Hunger geholt.
Ein Schulspeisungsprogramm kostet in etwa 50 Euro pro Jahr. 50 Euro! Wenn man zu zweit in Berlin essen geht, gibt man das an einem Abend aus. Mit diesem Betrag kann man das Leben – gerade von Mädchen – über Jahrzehnte zum Besseren verändern. Die Mädchen bleiben in der Schule, sie kriegen eine Ausbildung, können später mal arbeiten, sie werden später heiraten und weniger Kinder bekommen, die dann gesünder sind. Wenn man solche regionalen Lösungen findet und den Menschen hilft, in ihren Ländern bleiben zu können, ihnen Chancen für die Zukunft und die ihrer Familien gibt, dann bleiben sie dort und gehen nicht Richtung Westen.
Das Schlimme sind die Kriege und die Konflikte. Für unsere Kollegen vor Ort ist es ein täglicher Kampf. Wir haben es in den letzten vier Jahren geschafft, dass es im Jemen trotz größter Not und trotz der humanitären Katastrophe dort keine akute Hungersnot gab. Das ist ein Riesenerfolg. Gleichzeitig ist es eine Schande ohnegleichen, dass dort dieser Krieg mit so vielen internationalen Akteuren stattfindet.

Was kann jeder von uns tun?
Wir haben eine App: „Share the Meal“. Mit der kann man eine kleine Spende geben kann, wenn man selbst essen geht. Man kann sich auch vor Ort engagieren und zum Beispiel Tafeln unterstützen. Das wichtigste ist, dass man mithilft, über das Thema nachzudenken.

Sind Sie optimistisch?
Man darf nie die Hoffnung und den Optimismus verlieren, sonst kann man unsere Arbeit nicht machen. Das Ziel ist ja, dass es bis 2030 null Hunger in der Welt gibt. Das hat die Weltgemeinschaft beschlossen. Mit all den Konflikten, Kriegen, dem Klimawandel sind wir aber skeptisch, dass wir das schaffen werden. Aber wir arbeiten weiter daran und geben nicht auf.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Lüscher!


Hintergrund

Einer von neun Menschen weltweit hat nicht genug zu essen. Das sind 821 Millionen Menschen weltweit. 2015 waren es nur 784 Millionen.

Die internationale Staatengemeinschaft hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 für alle Menschen den Zugang zu Nahrungsmitteln zu sichern, die Ernährung zu verbessern und Hunger zu beenden.

Jeden Tag sind etwa 5.000 Lastwagen, 20 Frachtschiffe und 92 Flugzeuge für das Word Food Programme (WFP) im Einsatz, um die Bedürftigsten mit Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütern zu unterstützen. Jedes Jahr umfasst die WFP-Ernährungshilfe circa 12,6 Milliarden Mahlzeiten. Eine Portion kostet durchschnittlich 0,31 US-Dollar.

Bis zum Jahr 2050 könnten aufgrund des Klimawandels bis zu 140 Millionen Menschen zur Flucht im eigenen Land gezwungen sein.


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