Imkern in Zeiten des Klimawandels

Image

Die Zunahme von Extremwetterlagen stellt Imker vor neue Herausforderungen. Was können sie tun, um den Honigbienen zu helfen? 

Von Marc Schüller | Der Autor ist Imkerberater beim Biokreis.

 

Unsere Honigbienen sind Anpassungskünstler. Weltweit lebt unsere apis mellifera, die in Europa heimische Art, erfolgreich in unterschiedlichsten Klimaregionen. Veränderungen in der Umwelt waren stets Motor für die Entwicklung und Anpassung der Art. Trotzdem ist die Honigbiene heute in freier Lebensweise bei uns kaum mehr überlebensfähig und nahezu ausgestorben.

 

Was bedeutet nun der Klimawandel für die heimische Imkerei? Die zunehmende Erwärmung ist statistisch belegt, wobei diese als Durchschnittswert für die Bienen kaum Bedeutung hat. Es sind die Extreme, die uns wie auch die Bienen aus dem Tritt bringen und vor Herausforderungen stellen. Hitze, Schwüle, Trockenheit, Stürme und Wettersituationen, die die Jahreszeiten vergessen machen. 

Die Erwärmung befördert neue Parasiten und Krankheiten

Da Bienen als Höhlenbrüter ihr eigenes Mikroklima schaffen, können sie grundsätzlich gut mit verschiedenen Wettersituationen umgehen. Durch ihre Fähigkeiten zum Kühlen, zum Heizen, wie auch zum Erkennen von Mangel können sich mit ihrer Kommunikationsstruktur gezielt auf veränderte Gegebenheiten einstellen. Aber das kostet Kraft und Energie, birgt die Gefahr einer verfrühten Alterung und setzt stets Gesundheit und ein intaktes Immunsystem voraus. Genau das ist jedoch derzeit ein Problem. Die Ursachen dafür sind vielfältig und komplex. Zudem greifen wir Imker vielfältig und massiv in das System der Honigbienen ein, sei es durch gezielte Manipulation, zum Beispiel in der Völkerführung, wie auch mit organischen Säuren.

 

Die Bienen sind inzwischen darauf angewiesen, dass der Imker ihnen hilfreich zur Seite steht. Genauso müssen die mit ihnen in Symbiose stehenden Blühpflanzen anpassungs- und überlebensfähig sein, damit Futter in Form von Nektar zur richtigen Zeit bereitgestellt ist. Das Auseinanderdriften dieser Lebenszyklen wird insbesondere den vielen meist solitär lebenden Wildbienenarten zum Verhängnis. Sie sind – anders als die Honigbienen, die Generalisten sind – meist auf einige wenige Blüten spezialisiert.

 

Aber auch die Honigbienen können die neue Situation nicht so leicht wegstecken. Wärmere Winter bedeuten längere Brutphasen, in denen sich Parasiten wie die Varroamilbe mit ihren Krankheitserregern ausbreiten können. Auch ganz neue Schädlinge kommen hinzu, wie der Kleine Beutenkäfer und insbesondere die Hornissenart vespa velutina. Genauso verlängert sich die Zeit der Nahrungssuche, des Umarbeitens von Nektar und des Heizens eines Bienenstockes auf Bruttemperatur. Ruhephasen werden kürzer oder schwinden ganz, was den Bienen nicht guttut. 

Der Mai, ehemals ein Wonnemonat, wird für Bienen zur schwierigen Zeit

Bienen leben zudem ziemlich stur nach dem Sonnenstand. Daher sind sie im März/April manchmal noch gar nicht vorbereitet und zahlenmäßig nicht in der Lage, das üppige Nahrungsangebot auch einfliegen zu können. Sie „verschlafen“ zunehmend eine Phase, in der plötzlich alles auf einmal blüht.

 

Bienen werden wohl zukünftig ihre Zyklen verändern, ähnlich wie in den heißen und im Sommer trockenen Gebieten Südeuropas. Die Brutpause wird immer mehr in dieser schwierigen Zeit liegen, was Imkereien auch zu neuen Rhythmen der Honigernte führt und damit neue Varroa-Strategien erfordern wird.

 

Ebenso wird sich die Landwirtschaft verändern. Andere Kulturen wie Sonnenblumen werden angebaut. Auch in der Natur werden neue Pflanzenarten auftreten und andere nach und nach verdrängen. Dies könnte einerseits regional Chancen für die Imkerei bergen. Andererseits verhindert die zunehmende Wasserarmut, besonders bei sandigen Böden, einen genügenden Nektarfluss vieler blühender Pflanzen. Der Wonnemonat Mai, der in früheren Zeiten blühreichste und beständigste Monat, ist für die Bienen zur schwierigen Zeit geworden: Nach einer Phase, in der zunehmend alles auf einmal blüht, bricht die Tracht, wie die Imker sagen, regelrecht zusammen. Gleichzeitig ist es oft der Monat mit den höchsten Temperaturschwankungen, von starken Frösten bis eben zu sommerlicher Hitze.

Wie können wir als Imker den Bienen helfen, was sollten wir wissen?

Wenn uns das Wohl der Bienen am Herzen liegt, müssen besonders die vielen Hobby- und Nebenerwerbs-Imker ihre Haltung verändern und sich mehr bescheiden. Nicht der Honig und die weitere Zucht in diese Richtung dürfen im Vordergrund stehen, sondern die Bedürfnisse der Bienen und schlicht ihre Überlebensfähigkeit. Dazu gehört auch die Beschäftigung mit neuen Fragestellungen: Wie zeitgemäß sind unsere Bienenbeuten noch? Wie sind Feuchtigkeits- und Temperaturregulierungen darin möglich? 

 

Die pflegerische Leistung in der Landschaft und der Stellenwert für die Biodiversität sind der wahre Bienen-Ertrag, die echten Nutzen, die als solche endlich auch von der Politik zu honorieren sind. Gleichwohl bedarf es weiterer imkerlicher Anstrengungen, noch mehr Sorgfalt in der Pflege, noch mehr Augenmerk auf Rückstandsfreiheit im Bienenvolk, noch höherer Ansprüche in der Hygiene, um sämtliche Stressfaktoren für die Bienen zu minimieren. 

 

Der Aufwand, ein Bienenvolk gesund durch den Jahresverlauf zu führen, wird weiter zunehmen. Ein Mehrertrag an Honig ist pauschal und seriös aufgrund des Klimawandels nicht zu erwarten. Vielmehr scheint die alte Regel, dass Melezitose, sogenannter Betonhonig, nur alle Jubeljahre ein Problem für Bienen und verzweifelte Imker ist, nicht mehr zu gelten. Durch die Zunahme der Großen Schwarzen Fichtenrindenlaus ist dieses Phänomen fast jährlich zu beobachten.

 

Als Gesellschaft müssen wir die imkerliche Arbeit deutlich mehr wertschätzen, sei es durch politische Rahmenbedingungen oder einen angemessenen Honigpreis. Aber auch unsere Einstellung Insekten und Blühflächen gegenüber muss sich ändern. Die Anpassung an den Klimawandel bedeutet zudem einen großen Umbau unserer Landschaft, der Wälder und Städte. Hierzu braucht es vermehrt andere Baumarten, in den Städten zum Beispiel Silberlinden und Schnurbäume, die mehr Potential für biodiverse Lebensräume bieten.

 

Die Imkerschaft hat sich schon auf den Weg gemacht, nicht zuletzt wegen des Rückgangs der Arten und der Klimakrise. Sie ist jünger und weiblicher geworden. Damit sind traditionelle Motivationen Bienen zu halten aufgebrochen worden: Nicht der Honig steht im Mittelpunkt, sondern die Bienenhaltung als solche. Das bietet unserem Nutztier Honigbiene neue Chancen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.