Kann man mit Landwirtschaft nur aufhören?

Kommentar von Sepp Brunnbauer | Der Autor ist Geschäftsführer des Biokreis e.V.

 

Als ich Ende der 80er-Jahre mein landwirtschaftliches Studium begann, erinnere ich mich daran, dass es in Bayern in etwa 190.000 landwirtschaftliche Betriebe gab – heute, fast 30 Jahre später, liegt die Zahl bei rund der Hälfte. In den Statistiken spricht man von Strukturwandel: Die verbleibenden Betriebe werden immer größer und spezialisierter. Ist ein Betrieb erst einmal eingestellt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser wieder anfängt, gleich Null. Warum gibt es so wenige Menschen, die sich als Landwirt selbständig machen und einen landwirtschaftlichen Betrieb beginnen? Bei anderen Berufsgruppen – ich denke hier an Schreiner, Bäcker, Zimmermänner – kommt es immer wieder zu  Existenzgründungen. Warum funktioniert im Handwerk, was in der Landwirtschaft so schwer möglich  scheint?

 

Ein Selbstversuch: Irgendwie ging es los, als ich Freunden davon erzählte, dass ich Landwirtschaft studiere. Damals kam immer wieder die Frage: Wie das denn möglich sei, da ich nicht im Besitz eines landwirtschaftlichen Betriebes  sei... Das entsprach unwidersprochen der Wahrheit – trotzdem: Auch ein Bankkaufmann besitzt in der Regel keine Bank und darf sich ungefragt für diesen Beruf entscheiden. Warum musste ich mich für die Berufswahl „Landwirt“ derart rechtfertigen? Oder war die Wahrscheinlichkeit doch höher, sich mit einer Bank selbständig machen zu können als mit einem landwirtschaftlichen Betrieb? Bis heute ist mir das in keinem anderen Bereich mehr begegnet. Und da war natürlich der Wunsch, der mich durch mein  Studium begleitete: einen Bauernhof zu bewirtschaften – mit Freunden, ökologisch, romantisch, kitschig. So, wie man sich das vorstellt, wenn man etwas studiert, von dem man nicht die leiseste Ahnung hat. Wie so oft im Leben kommt es dann doch anders als erwartet oder zumindest anders, als man sich die Dinge gedacht hatte. Uns – das waren damals Roland Weber und ich – wurde ein landwirtschaftlicher Betrieb zur Übernahme angeboten.

 

Die Frage beim zuständigen Landwirtschaftsamt, was man beachten müsse bei dem Vorhaben, einen landwirtschaftlichen Betrieb anzufangen, wurde mit einem Schulterzucken und der quittiert: Landwirtschaft könne man nicht anfangen, sondern nur aufhören. Ein solches Vorhaben wurde offensichtlich derart selten vorgetragen, dass es bei den betreffenden Beamten als Option nicht vorkam. Ja, dieses Vorhaben mutete sogar surreal an. Auch war nicht zu klären, inwieweit der betreffende Beamte einen Scherz machte oder die Aussage des Wachsens und Weichens doch einen strategischen Hintergrund im System hatte. Fest stand, es gab keine Formblätter, die den Startschuss für die Mühlen der Bürokratie darstellen konnten. Die Bürokratie, so gefürchtet sie bei den Berufskollegen sei, bedeutet für den Einsteiger eine nahezu unüberwindbare Hürde. Diese mussten wir meistern, und fiel es noch so schwer. Wer nicht Teil dieser Bürokratie wird, für den ist nicht nur der Einstieg, sondern auch das Fortbestehen als Landwirt unweigerlich zum Scheitern verurteilt.

 

Der wirtschaftliche Erfolg eines Betriebes hängt entscheidend von der Bereitstellung von Zahlungsansprüchen und den sich daraus ergebenden Flächenprämien, Ausgleichszulagen sowie von der Honorierung von Umweltleistungen ab. Ohne diese Zahlungen ist weder eine bestehende Bewirtschaftung noch der Neubeginn eines landwirtschaftlichen Betriebes möglich. Für den Neueinsteiger kommt erschwerend hinzu, dass er sich das Recht auf Prämienzahlungen erkaufen muss. Darüber hinaus braucht er Gebäude, Maschinen und Betriebsmittel, damit die Unternehmung starten kann. Der Ökonom stellt fest, dass Landwirtschaft einen hohen Kapitaleinsatz fordert und die Verzinsung dieses eingesetzten Kapitals verhältnismäßig überschaubar ist. Für den Fall, dass man weder eigenen Boden noch eigenes Kapital zu Verfügung hat, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, diese zu beschaffen und durch die Bereitstellung von Arbeit zu bezahlen.  

 

Auf dem eigenen Betrieb angekommen, wurde deutlich, dass das Ganze nur durch Selbstausbeutung bei regelmäßiger Nacht- und Wochenendarbeit zu leisten war. Nicht zu erwähnen die Rückschläge durch Schäden an Maschinen, Missernten wegen Witterung oder weil wir einfach Fehler im Anbau gemacht hatten. Wir haben vieles angefangen, vieles versucht und festgestellt, dass nicht alles möglich ist. Schlussendlich sind wir unseren Weg gegangen, einen der wirtschaftlich tragbar und ökologisch sinnvoll war. 

 

Heute steht ein funktionsfähiger landwirtschaftlicher Biobetrieb, wo damals Monokultur ohne Perspektive war. Viele Menschen haben uns begleitet, einige sind geblieben, andere werden den eingeschlagenen Weg weiter gehen.  

 

Heute, fast 20 Jahre nach diesem fragwürdigen Anfang, bin ich fest der Überzeugung: Der Mensch im zuständigen Amt hatte recht: Man kann Landwirtschaft nicht anfangen. – Es sei denn, man hat ein ordentliches Startkapital zur Verfügung - oder eine gehörige Portion Naivität, viel Ausdauer und noch mehr Stehvermögen.

Hintergrund: Wachsen oder Weichen

Im Jahr 1950 gab es in Deutschland rund 1,6 Millionen bäuerliche Betriebe, auf denen etwa 4,8 Millionen Menschen beschäftigt waren. 2019 sind nur noch knapp 300.000 Betriebe übrig. 

Rund 5.000 Betriebe stellen derzeit jährlich ihren Betrieb ein – Tendenz steigend. Laut einer Studie der DZ Bank könnten im Jahr 2040 nur noch 100.000 Höfe in Deutschland existieren. 

Die Bauernfamilie wird zunehmend durch große Agrarproduzenten ersetzt. Die Folgen dieses Strukturwandels sind mittlerweile offenkundig: Es kommt zur Verödung der Dörfer. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft wachsen die ökologischen Probleme und die Biodiversität nimmt – teils rapide – ab. 

Ob es in Zukunft noch kleine und mittlere Höfe in nennenswerte Zahl geben wird, liegt wesentlich an der Politik. Sie kann Maßnahmen ergreifen, von denen kleinere Betriebe profitieren, zum Beispiel eine Umverteilung der Agrarsubventionen. Zudem sind Verbraucher gefragt, sich mit der Herkunft ihrer Lebensmittel auseinanderzusetzen und in Qualität und Regionalität zu investieren. 

Comments 2

  1. Lieber Sepp,

    das sind einerseits die aktuellen Realitäten, wie du richtig ausführst, auf der anderen Seite gibt es eine tiefe Sehnsucht bei vielen Menschen wieder mehr Bodenhaftung zu haben und der Umgang mit Mutter Erde, sprich mit dem Boden und der Produktion von sinnhaften Produkten ist die Lösung und ist auch im kleinen Stil möglich, wie zum Bsp in den vielen Soliwa Projekten.
    Wie du habe ich vor fast 40 jahren mit Biolandwirtschaft begonnen, obwohl ich den elterlichen Betrieb nicht übernehmen konnte und zusammen mit meiner Frau aufgebaut und auch unseren Kindern dieses Gen weitergegeben. Und es gibt mittlerweile wieder viele junge Menschen, die einen Sinn im Gärtnern und Anbauen sehen.
    mein Resümee, trotz aller negativen Entwicklungen zu nur noch größer wird die Graswurzelbewegung ganz allmählich einen alternativen Weg entwickeln, denn unser aller tiefe Sehnsucht ist vebunden mit der Natur zu leben. das ist der einzige Weg eine bessere Welt aufzubauen, deshalb sollten wir mit unserer Erfahrung die jungen Menschen unterstützen und motivieren, es zu wagen. Es gibt alle Möglichkeiten. Wie es so schön heisst, das Geld liegt auf der Straße, letztendlich auf dem Boden, der uns nährt und sinnvolles tun lässt. Also Kopf hoch es geht positiv weiter und alle sogenannten Hochkulturen, die in Dekadenz endeten sind vergangen. Jetzt gilt es mit Freude neues zu entwickeln.
    Liebe Grüße
    Georg

  2. Hallo,

    Mich würde interessieren wie sich im Laufe der Jahre ihre Flächenstruktur entwickelt hat?
    Ackerland/Weideland ist gefragt wie nie zuvor, aus verschiedenen Gründen. Der eine kriegt den Hals nicht voll und will der größte Bauer im Ort sein, der Nächste hat zu wenig Futter für sein Vieh, oder zu wenig Fläche für die daraus resultierenden organischen Dünger! Da aber die Felder nicht wachsen, muss jemand anderes Flächen abgeben!
    Also musste für ihr Flächenwachstum jemand anderes weichen.
    Wachsen oder weichen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.