Wenn nicht wir, wer denn dann?

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Der Biokreis ist 40 Jahre alt, genau wie ich. Ich sage euch, dass wir das perfekte Alter haben, um einen Schritt weiterzugehen.
Von Thorsten Schmale | Der Autor ist Biokreis-Landwirt in Bischoffen-Roßbach, Hessen.

Kurz zu mir: Ich betreibe einen eigenen Hof, den ich vor 14 Jahren gegründet habe. Hauptsächlich bewirtschafte ich Grünland. Zuerst war ich Wanderhirte mit einer Schafherde von 450 Muttertieren und rund 40 Ziegen. Da ich leider körperlich abgebaut habe, musste ich den Betrieb umstellen.

Momentan habe ich neben 80 Mutterschafen eine Handvoll Ziegen, dazu noch Dexter-Kühe und zwei Galloway-Damen. Natürlich flattern auch Hühner herum. Der Höhepunkt für jede Besuchergruppe ist meine Eselbande. Ach ja, Herr Gandalf und Frau Gandalf-Pöbel, die Gänse-Hofpolizei, ist auch da. Hunde und Katzen runden die Tiere ab – ein bunter Laden.

Auf Facebook schreibe ich als „Biobauernhof Schafzucht Schmale“ sonntags immer unter dem Titel „Denken“. Dort versuche ich, meine Art von Landwirtschaft zu erklären. Ich verzichte zum Beispiel auf Gras-Silo, einmal, weil es kein natürliches Futter ist, zum anderen auch wegen des Mülls. Des Weiteren muss Silo früh gemäht werden, und das verhindert die Artenvielfalt auf der Fläche. Die Pflanzentypen verarmen und auch Bodenbrüter wie das Braunkehlchen haben es schwer damit.

Ich habe meine Flächen geviertelt. Das erste Viertel ist für die reine Viehbeweidung. Auf dem zweiten lasse ich am Rand oder am Bach Altgras-Steifen stehen, lege Hecken an oder erhalte Nassflächen. Das dritte ist für die Heugewinnung und der vierte Teil sind die Heuflächen, die ich erst nach dem 15. Juli mähe. Dazu kommen noch meine Blühflächen, die ich ganzjährig stehenlasse.

Allein schon bei den Blühstreifen merke ich, wie wichtig sie für die Natur sind. Vom Frühjahr bis zum Herbst sind sie Futterfläche für Insekten. Im Sommer, wenn die Ernte läuft, stehen dort die Rehe und hoppeln die Hasen. Ab Herbst holen sich die Vögel dort ihr Futter. Und das funktioniert mit wenig Aufwand. Zusätzlich sind die Blüten ein Farbtupfer in der Landschaft. Ich lege auch wieder Heckenstreifen an, die ja in der modernen Landwirtschaft verschwinden. Oder ich vernässe Randbezirke wieder mit Wasserlöchern.

Ich beobachte oft das Leben in und auf meinen Flächen. Was eindeutig sichtbar ist: Die Vielfalt ist bei mir größer als bei meinem Bio-Nachbarn, ganz zu schweigen von den anderen. Das ist das, was ich meine. Wenn nicht wir, wer dann? Wir Bio-Betriebe müssen noch einen Schritt weitergehen! Die Landwirtschaft der Monokulturen darf keinen Einzug in Bio-Betrieben finden. Auch Biogasanlagen sollten nicht mit Monokulturen gefüttert werden. Welche Menschlichkeit zeigen wir nach außen, wenn wir darin Lebensmittel verbrauchen und Menschen auf der Welt Hunger leiden. Mais und Getreide sind kein Energiestoff, sie sind Lebensmittel!

Jeder Meter, den ich bewirtschaften kann, wird für die Natur genutzt. Kräuterreiche Wiesen wirken sich auch positiv auf das Wohl der Tiere aus. Von daher sehe ich den Nutzen nicht nur für die Natur, sondern auch direkt bei mir. Gesunde Tiere bedeuten auch weniger Tierarztkosten und bessere Gewichtszunahmen und somit mehr Geld.

Wenn ich am Wasserloch stehe und die bunte Vielfalt der Schmetterlinge sehe, dann weiß ich, dass die fünf Quadratmeter genau so richtig sind. Wir können alle auf unsere Art mit kleinen Maßnahmen eine Dankbarkeit gegenüber der Schöpfung zeigen: Nistkästen bauen, mit Kindern Insektenhotels aufstellen, den Betrieb öffnen oder die Natur mal einfach tolerieren. Es macht uns nicht ärmer, aber es hilft der Natur. Der Grundgedanke dahinter ist bei mir: in der Schöpfung, mit der Schöpfung.

Wir müssen unsere Leistungen mehr nach außen bringen. Die Öffentlichkeitsarbeit muss viel größer werden. Ich hab mittlerweile durchschnittlich zwei Besuchergruppen in der Woche auf dem Hof. Diesen Gruppen zeige ich, wie Landwirtschaft auch anders funktionieren kann. Auch bei meiner Facebook-Seite sehe ich, wie viele Menschen mir da folgen und mit mir diskutieren. Diese Menschen kommen mich besuchen und sind auch Kunden geworden. Weil sie vor Ort sehen, wie ich meinen Betrieb führe, wie ich meinen Betrieb lebe. Ich biete also schmackhaften Naturschutz an.

Im Frühjahr verschenke ich an die Kinder Sonnenblumenkerne, damit sie diese in ihrem Garten pflanzen können und ein wenig den Kreislauf der Natur zuhause erleben können. Ich habe jetzt auch eine Naturschutzgruppe für Jugendliche ins Leben gerufen. Auch dort geht es um die Einzigartigkeit der Schöpfung.

Momentan wird ja vieles laut diskutiert. Doch wir Bios bieten schon jetzt die Lösungen an, und das müssen wir zeigen. Wir können zum Beispiel mit Tierwohl punkten. Gesunder Menschenverstand und die Liebe zur Natur sind der Schlüssel für eine bessere Natur.

Comments 1

  1. Zurück von einer kleinen Deutschlandreise zum Thema „Bildung“ haben wir heute mal wieder einen Nachmittag in Thorstens analogem MakerSpace verbracht. Das Tierwohl ist uns dabei – als wäre es das natürlichste der Welt – auf die Seele geschlagen! Da geht einem wirklich das Herz auf und dann kann auch der Kopf mit. Wie Thorsten seinen Hof führt, seine Einstellungen damit teilt und im wahrsten Sinne des Wortes unter die Leute bringt, macht Hoffnung! Das es (doch auch anders) geht! Danke!

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