Zwischen Yaks und russischem Wodka

Bildunterschrift: Yaks sind super Wollproduzenten. Für den Winter legten wir uns schon einmal einen Vorrat an Yak-Socken an. | Bild: Annika Schmid

In Sibirien und der Mongolei können Reisende noch echte Abenteuer erleben.

Von Franziska Heinrich | Die Autorin studiert Landwirtschaft in Weihenstephan-Triesdorf und war im Oktober als Praktikantin beim Biokreis tätig.

 

Wie urgemütlich es sein kann, an einem Feuer aus brennenden Kuhfladen zu sitzen, hätte ich am Anfang unserer Reise nicht erwartet. Große Gedanken machte ich mir vor unserer Abreise sowieso nicht. Vier Wochen Campen ohne Dusche, Toilette und praktisch ohne Internet – wo sollte das Problem liegen? Es konnte ja nicht schaden, seine Komfortzone mal zu verlassen.

Wer kann schon auf die Frage „Wo bist du so braun geworden?“ mit „Sibirien!“ antworten?

 Die Sommerschulen in Sibirien werden jedes Jahr von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf angeboten. Anfang August ging es los. Vier Wochen Sibirien mit 30 so gut wie fremden Deutschen und fast 20 ganz und gar fremden Russen. Auch ein Abstecher in die Mongolei stand auf dem Plan, wenn wir denn die Einreise schaffen sollten.

 

Natürlich sollte das kein reiner Urlaub für uns werden. Fast täglich hatten wir Vorlesungen zum Thema Boden, lokale Flora und Fauna sowie zur Geologie. Unsere russischen Professoren gruben auch bei Regen unerschütterlich Bodenprofile und sammelten Steine und Pflanzen.

 

Vor der Reise teilte man uns mit, das Wetter sei zwar wechselhaft, aber wir sollten uns nicht auf zu viel Regen einstellen. Es kam anders. Wir hatten sogar in der Tschuska-Steppe Regen, in der es statistisch gesehen weniger Niederschlag als in der Sahara gibt. Tatsächlich hätte ich nie erwartet, trotz Zeltaufbau und -abbau im Regen, nassen Schuhen und Klamotten und klammen Schlafsäcken noch so gute Laune zu haben.

 

Um unsere zuvor im Fluss gewaschene Wäsche zu trocknen, mussten wir kreativ werden. Schnell wurden unsere Busse zu Wäscheständern auf Rädern umfunktioniert. So durchquerten wir Sibirien während über unseren Köpfen unsere Unterwäsche an Wäscheleinen im Rhythmus der Straße hin und herschwang.

 

Trotz Regens schaffte ich es, so braun wie noch nie zu werden. Bei anfangs fast 40° Celsius auch kein Wunder. Und wer kann schon auf die Frage „Wo bist du denn so braun geworden?“ mit „Sibirien!“ antworten? Haut zu zeigen war allerdings nicht immer eine gute Idee, es sei denn, man wollte als lebendiger Mückenköder enden. Da ging dann auch der Gang zur „Toilette“ um einiges schneller als sonst.

 

Apropos: Die sanitäre Situation war eher eingeschränkt, um nicht zu sagen: nicht vorhanden. Am Anfang noch beschämt, gewöhnte man sich schnell an den morgendlichen „Shit-Walk“, wie wir ihn nannten. Bald begrüßte man sich freundlich, wenn man sich mit Spaten und Klopapier begegnete.

Bildunterschrift: Damit die Reitpferde nicht zu weit laufen, werden ihnen oft Fußfesseln angelegt. | Bild: Bastian Brokmann.

Wer einen Garten besitzt, baut Essbares an

Mehr über die Landwirtschaft in dieser Region zu erfahren, war ebenfalls ein Erlebnis. In Westsibirien fuhren wir an Schlägen vorbei, deren Größe wir uns bis dahin kaum hatten vorstellen können. Betriebe mit 20.000 Hektar Größe sind dort eher die Regel als die Ausnahme. Dennoch sind kaum Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt. Ein solcher Betrieb benötigt nicht viel mehr als fünf bis sechs Mitarbeiter. Auch deshalb ist die Armutsquote in dieser Region hoch, was man schon bei der Durchfahrt durch die Dörfer sieht. Ziergärten wie bei uns gibt es dort praktisch nicht. Wer einen Garten besitzt, baut Essbares an.

 

Beim Grenzübertritt in die Mongolei wurde uns klar, warum in diesem Kontext so oft das Wörtchen „Wenn“ von unserem russischen Team verwendet wurde. Als naive junge Deutsche, die in ihrem Leben nie eine wirkliche Grenze erleben mussten, konnten wir ja nicht ahnen, was auf uns zukommen sollte. Trotz unseres Aufbruchs um drei Uhr morgens erreichten wir die Mongolei erst am frühen Abend, denn wir benötigten wir fast elf Stunden für die Überquerung der russischen Grenze, die Durchquerung des knapp 40 Kilometer langen Niemandslandes zwischen beiden Ländern und die Einreise an der mongolischen Grenze. Unsinnige Gepäckkontrollen, Passkontrollen, Reifenpanne und Bestechung inklusive.

 

In der Mongolei angekommen erwarteten uns Hütten, die für uns unbewohnbar aussahen, dazu Jurten, Yakherden, unendliche Weite und … keine Bäume. Die Russen hatten uns bereits gewarnt, dass wir in diesem Teil der Mongolei höchstens mal auf einen mickrigen Strauch treffen würden. Vor allem der weibliche Teil unserer Reisegruppe zerbrach sich bereits Tage vorher den Kopf darüber, wie man den morgendlichen Toilettengang ohne schützende Bäume gestalten sollte. Plötzlich erschienen auch Felsen und Senken äußerst attraktiv.

 

Nach Bäumen oder Zäunen sucht man in der mongolischen Steppe vergebens

Der Mangel an Bäumen bescherte uns aber noch ein ganz anderes Problem. Wir konnten kein Holz mehr für unsere abendlichen Lagerfeuer sammeln. Wir mussten uns also an den Einheimischen orientieren. Die nehmen schlicht das, was zu Hauf vorhanden ist – Kacke. Durch die weidenden Yak-, Pferde-, Schaf und Ziegenherden findet man davon reichlich. Wer sich nicht die Mühe machen will, die trockenen Fladen selbst zu sammeln, kann sie sogar kaufen. Aus Mangel an Alternativen saßen wir nun also an unserem „Shit-Fire“. Schnell waren wir uns einig, dass dieses ganz besonders schön und gemütlich war.

 

In der Mongolei leben noch sehr viele Menschen von der Viehzucht, teils als Nomaden, die mit ihren Jurten und Viehherden etwa zweimal im Jahr weiterziehen. Nach Zäunen sucht man hier vergeblich. Die Tiere weiden wo sie wollen und werden von den Reitern immer wieder zusammen- und umgetrieben. Das Vieh lebt hier noch mehr oder weniger frei, oft ganz ohne Stall. Trotzdem sieht man leider auch angebundene Kälber oder Pferde mit Fußfesseln.

 

Ob ich mich im Urlaub gut erholt hätte, wurde ich zuhause gefragt. Urlaub? Erholung? Vier Wochen Schlafen im unbequemen Zelt, Baden in eisigen Flüssen und Seen, etliche Reifenpannen und steckengebliebene Fahrzeuge, Kälte, extreme Hitze, Feuchtigkeit und Mückenstiche am ganzen Körper – nicht unbedingt die Definition von Erholung. Andererseits die beste Verpflegung durch unser russisches Küchenteam, die sogar noch mitten in der Nacht für uns kochten, gemütliche Abende am Lagerfeuer mit reichlich Wodka, ein geradezu familiärer Zusammenhalt und unfassbar schöne Landschaften.

 

Nein, es war definitiv keine Erholung.  Es war besser. Es war ein Abenteuer.

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