Das Potential des Bodens ausschöpfen

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Hansjörg Beck ist Biokreis-Landwirt im Landkreis Donau-Ries, Schwaben. Seine 120 Hektar Ackerland bewirtschaftet er im Nebenerwerb mit einer Fruchtfolge aus Dinkel, Weizen und Ackerbohnen. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit dem Regenerativem Ackerbau. – Wir waren zu Besuch auf seinen Äckern, um von seinen Erfahrungen mit dieser Methode zu hören.
Von Stephanie Lehmann | Bilder: Tobias Köhler

Auf dem Acker von Hansjörg Beck federn die Schritte. Es ist angenehm an, über diesen Boden zu laufen, er fühlt sich weich und locker unter den Füßen an, gibt beim Auftreten leicht nach. Dazu kommt ein satter und lebendiger Duft nach dunkler Erde. Da ist es überraschend, dass sich die Erde bei näherer Betrachtung als schwer und lehmig erweist. Wie kommt es, dass dieser Boden, der an den Schuhen kleben bleibt, beim Gehen einen so luftigen Eindruck hinterlässt?

Der Weg zum neuen Boden beginnt im Kopf

Als Hansjörg Beck vor beinahe 20 Jahren auf Ökolandbau umstellte, war seine Denkweise noch nicht auf die neuen Anforderungen eingestellt. Schon bald machte es sich auf seinem Acker bemerkbar, dass er zunächst nichts an seinem Anbausystem änderte. Bald bereiteten ihm Ackerfuchsschwanz und Disteln einige Probleme.

Dann kam der Ampfer, der aber zugleich die Lösung brachte. Denn den Ampfer jedes Jahr auf etlichen Hektar Fläche auszustechen, dass konnte – und wollte – sich Hansjörg Beck nicht vorstellen. „Da habe ich nach anderen Lösungen gesucht.“

Damals stieß er auf Friedrich Wenz und den pfluglosen Ackerbau, der für ihn aber zunächst keinen Sinn ergab. „Mir hat das nicht eingeleuchtet. Ich dachte: Da macht man ja aus einer Wurzel zwei und multipliziert den Ampfer noch.“

Für die pfluglose Ampferbekämpfung kommt ein Grubber zum Einsatz. Der sieht aus wie ein Hackgerät, schneidet aber statt zu hacken. Mit dem Grubber schneidet man die Wurzeln im Boden nach der Ernte wieder und wieder ab. Erst flach, dann immer tiefer; so oft es die Feuchtigkeit zulässt.

Weil sich bald herausstellte, dass die pfluglose Ampferbekämpfung funktioniert, begann Hansjörg Beck seine bisherigen Überzeugungen infrage zu stellen. Sein Schritt zum pfluglosen Ackerbau war nur der erste auf einem Weg, den er seitdem konsequent vorangeht.

Die jungen Dinkelpflanzen sind in gutem Zustand - gute Voraussetzungen für eine hohen Ertrag.

Ein gesunder Boden erzeugt gesunde Früchte

Der Kontakt zu Friedrich Wenz führt Hansjörg Beck zur Grünen Brücke, einem Unternehmen, das sich als Vorreiter der Regenerativen Landwirtschaft versteht. Die von Friedrich Wenz, Dietmar Näser und Dr. Ingrid Hörner entwickelte Methode soll für fruchtbare Böden sorgen, auch ohne den Einsatz konventioneller Düngung. Im Mittelpunkt stehen die natürlichen Prozesse, die den Boden im gesunden Gleichgewicht halten.

Hansjörg Beck hatte schon länger den Bodenkurs der Grünen Brücke im Blick, verschob die Teilnahme aber Jahr um Jahr. Dann merkte er, dass er mit seinem bisherigen Wissen an Grenzen kam. „Ich habe auf einem meiner Äcker 80 Doppelzentner Weizen gedroschen. Ohne jegliche Düngung. Und ich wusste nicht, warum. Ich habe nur gewusst, dass die Böden das Potential haben, aber ich irgendetwas falsch mache.“

Der Kurs im Jahr 2016 brachte ihn einen weiteren großen Schritt auf seinem Weg voran. Und er brachte Erklärungen für Probleme und Beobachtungen, die er bis zu diesem Zeitpunkt nicht hatte einordnen können. Hansjörg Beck hat die Grundsätze der Regenerativen Landwirtschaft seitdem verinnerlicht: Ziel ist der Humusaufbau und die Förderung des Bodenlebens. Der Acker soll immer grün sein; auf Eingriffe in den Boden wird so weit wie möglich verzichtet. Nur Nährstoffe, die dem Boden fehlen, werden zugeführt. Dafür gilt es, sich mit der Bodenchemie, Bodenstruktur und Bodenbiologie auseinanderzusetzen.

Warum gedeiht welches Unkraut auf dem Acker?

Im Donau-Ries ist die Landschaft an diesem Tag von Dunst und leichtem Nebel überzogen. Die jungen Dinkelpflanzen auf dem Acker vor uns haben jeweils fünf Triebe und einen weißen Wurzelhals, frei von Schädigungen oder Befall – gute Voraussetzungen für einen hohen Ertrag. Hansjörg Beck steht neben seinem Feld und quetscht mit Hilfe einer Knoblauchpresse Pflanzensaft zuerst aus den jungen Dinkelpflanzen, dann aus den dazwischen wachsenden Kräutern. In einem Refraktometer bestimmt er den Zuckergehalt beider Lösungen. Der Dinkel liegt klar vorne.

Das Ergebnis seiner Messung freut den Landwirt, denn der Zuckergehalt ist ein Schlüssel zum Verständnis der Pflanzenbiologie. Ist die Kultur gut mit Nährstoffen versorgt und wächst sie ohne Stress, dann ist ihre Photosyntheseleistung hoch. Entsprechend viel Zucker kann sie produzieren und an den Boden abgeben. Wie ein gesunder Mensch, der leistungsfähig ist und anderen helfen kann, so unterstützt die Pflanze Kleinstlebewesen im Boden, zum Beispiel Pilze, Bakterien und andere Mikroben. Die wiederum bauen Humus auf und stellen Nährstoffe für die Pflanze bereit.

Der Ökolandbau, so beobachtet es Hansjörg Beck, verändert sich seit einigen Jahren. Natürlich verzichten Bio-Bauern auf Chemie, aber viele von ihnen greifen immer routinierter zu Hacke, Striegel und Grubber, um möglichst hohe Erträge zu erzielen. Nur wenige fragen sich: Warum kommt welches Unkraut auf welchem Acker? Und warum ist es manchmal plötzlich weg?

Der Schlüssel zum Verständnis der Prozesse in einem natürlichen Bodengefüge ist nicht die Nährstoffgabe von außen, sondern die Artenvielfalt im Boden, die die Nährstoffe auf natürliche Weise im Gleichgewicht hält. Ist dieses Gleichgewicht auf die Hauptkultur abgestimmt, kann sie ihr volles Wachstumspotential ausschöpfen.

Untersaaten helfen dabei, den Austausch zwischen Wurzeln und Bodenbewohnern lebendig zu halten. Durch sie wird die Zeit von der Abreife bis zur Ernte überbrückt, sonst würden die Bodenlebewesen in dieser Zeit hungern. – In einer Zeit, in der die Sonnenintensität am stärksten und damit die Photosyntheseleistung am größten ist. „Das ist, als wenn man eine Photovoltaikanlage im Juni, Juli und August ausschalten würde.“

Der Spaten ist ein wichtiges Hilfsmittel, um den Zustand des Bodens zu überprüfen.

Die Sprache der Pflanzen verstehen

Hansjörg Beck sticht mit einem Spaten einen großen Batzen Erde aus dem Boden, geht mit aufmerksamem Blick ein paar Schritte weiter und wiederholt die Prozedur. Die Spatenuntersuchung steht am Anfang einer jeden Auseinandersetzung mit dem eigenen Acker. Sie bringt den Landwirt in direkten Kontakt mit seinem Boden, gibt Aufschluss über dessen Struktur und Beschaffenheit. Dafür muss man nicht viel können, nur genau hinschauen. Aufschlussreich ist besonders der Vergleich: Wo gedeiht die Kultur optimal? Wo dominieren Beikräuter? Spatenproben von gegensätzlich entwickelten Bereichen geben dem aufmerksamen Beobachter viele Hinweise.

„Viele Ökolandwirte sind der Meinung, dass der Stickstoff der begrenzende Faktor fürs Pflanzenwachstum ist. Wenn man aber sieht, welche Unkräuter auf dem Acker aufgehen, stellt man schnell fest, dass es stickstoffbindende Pflanzen sind.“ Also ist oftmals eher zu viel freier Stickstoff als zu wenig da, ist sich Hansjörg Beck sicher.

Vogelmiere und Klettenlabkraut zum Beispiel sind Stickstoffanzeiger. Stehen sie auf dem Acker, dann ist der Boden nicht in der Lage, den freien Stickstoff zu binden. Weil die Natur nichts umkommen lässt, sind sie schnell zur Stelle und nutzen die freien Ressourcen für sich. Andere Beikräuter zeigen an, ob dem Boden Pilze fehlen oder es an Kalk mangelt, ob Strukturschäden das Problem sind oder sich Stickstoffmangel bemerkbar macht.

Hansjörg Beck hat gelernt, auch ungeliebte Kräuter als Hilfsmittel zu sehen. „Man muss bereit sein, eine neue Sprache zu lernen. Das ist am Anfang eine Menge Arbeit. Aber viele, die damit anfangen, sagen: Es ist wie eine Sucht.“ – „Für dich auch?“ – „Ja.“

Einmal, so erzählt er, hatte er in einem zu trockenen Sommer einen schlechten Bestand an Ackerbohnen. Nun, so wurde ihm gesagt, würde er zehn Jahre brauchen, bis der Acker wieder unkrautfrei wäre. Doch das Gegenteil war der Fall: Schon im nächsten Jahr gehörte ausgerechnet dieses Feld zu den saubersten Äckern, und das ohne weiteres Zutun. „Und dann fängt man an nachzudenken.“ Hatte der Boden sich selbst über die Unkräuter mit den fehlenden Nährstoffen versorgt?

 

Humus – der Schlüssel zum Erfolg

„Ich lerne jedes Jahr dazu. Aber mittlerweile kann ich mir vieles von dem erklären, was auf meinen Äckern passiert.“ Zum Beispiel, welche wichtige Rolle Humus im Bodengefüge spielt. Er ist der Schlüssel zum langfristigen Erfolg im Ackerbau.

Bei einem Humusgehalt von fünf bis sechs Prozent im Boden, da ist sich Hansjörg Beck sicher, käme man ganz ohne sonstige Hilfsstoffe aus. Gute Erträge wären dann mit minimalem Aufwand zu erreichen. Auf seinen Äckern liegt der Humusanteil bei etwa drei Prozent. Vor allem aber hat sich die Struktur seines Bodens verbessert, seit er dessen Gesundheit ins Zentrum seiner Bemühungen stellt. Er ist rundkrümeliger, stabiler. Er federt und erholt sich schneller, wenn er befahren wurde. Auch Niederschläge nimmt er jetzt besser auf. Ein Vorteil, der sich in Zeiten des Klimawandels noch auszahlen dürfte.

Untersaaten in den Hauptkulturen haben nach Einschätzung von Hansjörg Beck dabei geholfen, diesen Zustand herzustellen. Nicht nur halten sie den Acker grün, sie übernehmen auch die Bodenbearbeitung, lockern die Erde und erhöhen die Durchlässigkeit. „Meine Erfahrung ist: Wir kriegen das mit der Mechanik nie so gut hin, wie die Natur über die Pflanzen.“

Aber auch Fermente, Komposttee und Heutee sind ein Schlüssel zum Erfolg. Im Komposttee werden Mikroben durch in einem Auszug aus Kompost durch Sauerstoffzugabe unter Wärme vermehrt. Nach 12 bis 24 Stunden ist die Lösung fertig und kann auf dem Acker ausgebracht werden. Melasse und Gesteinsmehl liefern die notwendigen Nährstoffe für die Bakterien. Die vitalisierenden Spritzungen stimulieren mehrmals im Jahr das Bodenleben und tragen so langfristig zum Humusaufbau bei. Ein schnell sichtbarer Effekt ist, dass die Pflanzen mehr Wurzelmasse ausbilden.

Das Schöne daran: Komposttee ist einfach selbst herzustellen. Kennt man sich ein bisschen damit aus und hat man erste Erfahrungen gesammelt, dann sind der Kreativität bei der Zusammensetzung keine Grenzen gesetzt.

Bietet die Regenerative Landwirtschaft dem Ökolandbau also neue Chancen und Wege? – Ja, aber sie fordert Landwirten zugleich ab, sich auf Neues einzulassen. „Das ist aus meiner Sicht die größte Herausforderung: Ich muss mir eingestehen, dass ich bei meiner Bewirtschaftung Fehler gemacht habe. Wer macht das schon gerne?“

Hansjörg Beck lernt immer noch Vieles dazu. Aber in einem Punkt ist er sich sicher: Der Landwirt muss seine Techniken und Methoden hinterfragen. Denn der Boden, der kann nichts falsch machen.

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