Nachhaltige Konzepte für die Fleischrinderhaltung

Mutterkuhhalter im Vollerwerb aus Passion: Biokreis-Mitglied Michael Buhl aus Friedewald. | Bild: Jörn Bender

Von Jörn Bender | Der Autor ist landwirtschaftlicher Berater beim Biokreis in NRW und Niedersachsen.

Im November 2019 kamen rund 90 Personen zur bundesweiten Öko-Fleischrindertagung zusammen. Die Tierhaltungsreferenten Jörn Bender vom Biokreis und Dr. Ulrich Schumacher hatten dazu ins rheinland-pfälzische Altenkirchen eingeladen. Der Ort im Westerwald ist Teil eines Mutterkuhreviers vom Sauerland im Osten über das Dreiländereck Siegerland (NRW), Lahn-Dill Bergland (Hessen) und Westerwald (RLP) bis zur beginnenden Eifel in östlicher Richtung.

Auf jedem dritten Bio-Betrieb in Rheinland-Pfalz stehen Fleischrinder

Seitens des Biokreis begrüßte Friedhelm Weller die Teilnehmer. Der Vorsitzende des Biokreis Erzeugerrings Mitte, der selbst als Fleischrinderhalter und Viehhändler in der Region ansässig ist, hob die große Bedeutung der Mutterkuhhaltung im Biokreis hervor und unterstrich den gemeinsamen Charakter der Veranstaltung. Das Seminar biete mit seinen produktionstechnischen Fragestellungen und seinen Forderungen nach einer starken Lobbyarbeit in der Branche gute Ansätze, um als Fleischrinderhalter ökonomisch erfolgreich wirtschaften zu können, so Friedhelm Weller.

Hans Jürgen Müller, Bioland-Präsidiumsmitglied und seit einem Jahr Landtagsabgeordneter in Hessen, ging in seiner Begrüßung auf Themen für kommende Tagungen ein. Selbst in einer dem Ökolandbau zugewandten Partei wie den Grünen sei die Diskussion um Tierschutz und Tierhaltung nicht von landwirtschaftlichen Experten, sondern von Verbrauchern geprägt, berichtete Hans Jürgen Müller. Daher empfahl er, bei Fachveranstaltungen auch den Austausch mit Meinungsbildnern außerhalb der Landwirtschaft zu suchen. Dort seien Themen wie Fleischersatzprodukte, die Moral der Nutztierhaltung und die Debatte um Rinder und Klimawandel allgegenwärtig.

Ulrike Höfken, die als Ministerin für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten in Rheinland-Pfalz auch für den Ökolandbau zuständig ist, sprach in ihrem Grußwort am zweiten Tag der Veranstaltung über die regionale Bedeutung der Mutterkuhhaltung. Auf jedem dritten Bio-Betrieb in Rheinland-Pfalz stehen Fleischrinder, jeder elfte Hof im Bundesland wird ökologisch bewirtschaftet. Um das im Koalitionsvertrag festgeschriebene Ziel von 20 Prozent Ökolandbau zu erreichen, hat das Bundesland einen eigenen Öko-Aktionsplan erstellt. In vier Handlungsfeldern werden Maßnahmen umgesetzt: in der Aus- und Weiterbildung im Agrarbereich, in Beratung und Forschung (aktuell 22 Projekte), in der Honorierung von Umweltleistungen der Landwirtschaft sowie in Strukturmaßnahmen. Zu den Strukturmaßnahem gehört die Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten, unter anderem im wachsenden Segment der Außer-Haus- und Gemeinschaftsverpflegung. Ziel sei es, in Kitas und Schulen 30 Prozent ökologische und 50 Prozent regionale Ware zu verwenden. In Rheinland-Pfalz wurden dafür drei Modellregionen im Westerwald, in der Eifel und in der Westpfalz eingerichtet.

Futter: Rohfasergehalt entscheidend für Energieaufnahme

Der produktionstechnische Teil der Tagung wurde durch zwei Vorträge aus der Wissenschaft und zwei Beiträge der Offizialberatung zu den Themen zeitgemäßer Stallbau und JGS-Anlagen bestimmt.

Tierärztin Tatiana Hohnholz stellte die Ergebnisse des Projekts MuKuGreen vor, das unter tierzüchterischen und tiergesundheitlichen Aspekten von der Hochschule Osnabrück und der tierärztlichen Hochschule Hannover durchgeführt worden war. Tiergesundheitliche Aspekte waren zum Beispiel Parasiten, Klauenerkrankungen und die Jungtierentwicklung. An vier Standorten in Deutschland wurden 700 Angus-Fleischrinder untersucht. Bei 40 Prozent der Tiere wurde unter anderem ein Befall mit Endoparasiten festgestellt, gar 60 Prozent der Rinder wiesen Auffälligkeiten im Bereich der Klauen auf. Dagegen traten nur bei etwa 1,5 Prozent der Tiere echte Lahmheiten auf.

In einer flotten und mitreißenden Vorlesung referierte Prof. Dr. Heiko Scholz von der Hochschule Anhalt zum Thema „Management und Kondition im geburtsnahen Zeitraum“. Unter anderem berichtete er über Versuche mit Futterrationen, die einen erhöhten Strohanteil aufwiesen – angesichts der knappen Futterlage nach den heißen Sommern ein aktuelles Thema. Scholz wies darauf hin, dass die Aufnahme von Trockenmasse (TM) maßgeblich durch die Konzentration an Rohfaser in der Ration beeinflusst wird. Rohfaserreiche Rationen mit grober Struktur führen zu einer verminderten Futteraufnahme: im Versuch mit Mutterkühen 19,5 Kilogramm TM bei einer TMR gegenüber 16 Kilogramm TM bei reiner Grassilage sowie nochmals zwei Kilogramm weniger bei besonders langer Grassilage. Bedingt durch eine gleichzeitig oft geringere Energiekonzentration hat die verminderte Futteraufnahme im Dopplungseffekt eine deutlich reduzierte Energieaufnahme zur Folge. Der Experte riet zu Rohfasergehalten von nicht über 30 Prozent und deshalb zum Schnitt von Grasaufwüchsen bis spätestens zur Mitte der Blüte.

Auch wenn der Pansen-pH bei sehr strohreichen Rationen kaum verändert ist, sinkt die Aktivität der Mikroorganismen im Pansen bei solch energiearmen, rohfaserreichen Rationen doch erheblich. Darunter leiden die Verdaulichkeit dieser ohnehin nährstoffarmen Rationen und die Möglichkeit des Verdauungsapparates, sich bei Futterwechsel – zum Beispiel durch Weidegang – schnell an die neue Futtergrundlage anzupassen. Entsprechend hohe Verluste und N-Ausscheidungen können die wenig nachhaltige Konsequenz sein.

Zur Kalbung sollte die optimale Körperkondition einer Mutterkuh nach dem BCS-Schema bei etwa 3,0 bis maximal 3,5 liegen. Versuche, passende Körperkonditionen mit sehr mageren Rationen aus vier bis sechs Kilogramm TS Grassilage und zusätzlich Stroh zur freien Aufnahme herbeizuführen, haben laut Scholz negative Konsequenzen gezeigt: eine zu starke Abnahme der Rinder in Kombination mit deutlicher Körperfettmobilisierung und Leberbelastungen im Zuge des Fettumbaus.

Blauzunge: Mittelfristig in Europa ein Normalfall?

Zum Thema Blauzunge gab es im Laufe der Tagung spannende Ansichten. Viele Fleischrinderhalter sehen die Krankheit mit Handelsbeschränkungen als große Belastung. Andere Kollegen geben zu bedenken, dass man mit diesen Herausforderungen auch langfristig leben müsse und ein entsprechendes Impfmanagement zur guten Praxis zeitgemäßer Produktion gehöre. Tierarzt Dr. Matthias Link bestärkte diese Haltung und verwies auf die Erfolge einer etablierten Impfpraxis, mit der man auch andere Krankheiten sicher in den Griff bekommen habe. Dr. Josef Dissen vom Fleischrinder-Herdbuch Bonn (FHB) provozierte angesichts der Auswirkungen ungleicher Handelshemmnisse mit dem Gedanken, ob man sich an Erreger wie den BT-Virus mittelfristig nicht auch in Europa schlicht gewöhnen müsse.

Der zweite Tag der Fachveranstaltung bot Exkursionen zu vier erfolgreichen Fleischrinderbetrieben. Trotz vorwinterlicher Wetterbedingungen präsentierte sich der Biokreis-Mitgliedsbetrieb Michael Buhl eindrucksvoll. Auf knapp 300 Hektar Grünland hält der Landwirt nahe Hachenburg rund 200 Limousin-Mutterkühe und deren Nachzucht. Der Betrieb arbeitet konsequent nach dem Ansatz des Low-Stress-Stockmanship. Der Erfolg dieses Handlings war für die Besucher deutlich spürbar, denn die Tiere, teilweise bereits aufgestallt, waren beeindruckend ruhig.

Die von den Autoren freigegebenen Vorträge der Tagung sind auf Anfrage über Jörn Bender erhältlich: bender@biokreis.de