Schweinehaltung auf der Weide

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Was macht ein Schwein, wenn es auf eine Wiese kommt? – Es versenkt seine Schnauze tief im Erdboden, wühlt und sucht darin nach Nahrung. Schweine sind eng mit dem Boden verbunden. Darum sollten sie auf die Weide, meint Karl Schweisfurth, der bei den Herrmannsdorfer Landwerkstätten den landwirtschaftlichen Betrieb leitet.  
Bilder Tobias Köhler
 
Besucht man bei den Herrmannsdorfer Landwerkstätten die Schweine-Weiden, bekommt man schnell ein Gefühl für die Persönlichkeiten der Tiere: Manche Tiere nähern sich neugierig und lassen sich auch mal am Rücken klopfen, andere halten scheu Abstand. Die ganze Zeit ist ein dunkles, sattes Grunzen zu vernehmen, mit dem sich die Tiere untereinander verständigen. Gelegentlich sieht man auch eine ganze Horde über das Gelände fegen – ein Anblick, der viel über die Bewegungsenergie der Tiere erzählt.  
 
„Ein ordentliches Schwein macht auch mal einen Schweinsgalopp“, sagt Landwirt Karl Schweisfurth. „Wenn sie das erste Mal auf die Weide kommen, tun sich die Tiere allerdings schwer. Man merkt, dass sie das nicht gewohnt sind. Im Stall haben zwar Auslauf, aber nicht so viel Bewegung wie hier. Wenn wir sie raustreiben, sind sie erstmal ganz schön geschafft.“
 
Nach einigen Monaten auf der Weide mit viel Bewegung sieht das allerdings anders aus. Dann ist es schwer, die mobilen Tiere zu fassen zu bekommen. Die Zeit auf der Weide zahlt sich aus: Nicht nur für die Tiere, die hier in natürlicher Umgebung wühlen und rennen können. Am Ende steht auch ein Produkt bester Qualität: Das Fleisch der Weideschweine ist dunkel und weist eine feine Marmorierung auf. Mit üblichen Produkten aus dem Supermarkt hat es wenig zu tun.   


Herrmannsdorfer Landwerkstätten: Pionier des Ökolandbaus

Die Herrmannsdorfer Landwerkstätten vereinen landwirtschaftliche Erzeugung mit handwerklicher Verarbeitung und der Vermarktung der Lebensmittel. Zu Ackerbau und Tierhaltung kommen zahlreiche Werkstätten, in denen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse handwerklich zu Brot, Fleisch und Käse verarbeitet werden. Das Unternehmen ist seit seiner Gründung im Jahr 1986 Mitglied im Biokreis.  
 
Auf dem Gut Herrmannsdorf im oberbayerischen Glonn hat die Haltung von Weideschweinen Tradition. Die Idee dazu stammt von Karl-Ludwig Schweisfurth, dem vor kurzem verstorbenen Gründer der Landwerkstätten. Mitte der 1980er-Jahre wandte er sich der handwerklichen Lebensmittelproduktion zu und ersann neue Konzepte für eine landwirtschaftliche Tierhaltung im Einklang mit der Natur. Er investierte Zeit in die Entwicklung von neuen Ideen für mehr Tierwohl in der Landwirtschaft. Dazu gehörte für ihn die Haltung der Tiere draußen in möglichst natürlicher Umgebung unabdinglich dazu.  
Dieser Grundgedanke hat in Herrmannsdorf bis heute Bestand. Deshalb zieht jedes Jahr ein Teil der Herrmannsdorfer Mastschweine auf die Weide. Sie werden zu den „www-Schweinen“: Sie weiden, wühlen und fressen Würmer. Ein Teil ihrer Nahrung finden sie durch das arttypische Umgraben des Bodens.

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Die Nahrung der Schweine ist vom Boden geprägt

Bei unserem Besuch auf den Weiden stapfen wir gemeinsam mit Karl Schweisfurth in Gummistiefeln über den matschigen Boden. In den letzten Tagen hat es viel geregnet und die Schweine-Weideflächen der Herrmannsdorfer Landwerkstätten sind entsprechend nass. Die Schweine stört das wenig. Mit ihrem tastsensiblen Rüssel durchgraben die Tiere den feuchten Boden. „Sie fressen die Erde richtig und filtern sich die Stoffe heraus, die sie brauchen: vor allem Mineralien, aber auch Eiweißbestandteile und Humus“, erklärt Karl Schweisfurth. 
 
Schweine sind Allesfresser. Sie ernähren sich vielseitig, fressen Wurzeln, Früchte, Knollen, Insekten und Würmer. Aber sie weiden auch Pflanzenbestände ab. Dabei bevorzugen sie leicht verdauliche energiereiche Pflanzen, zum Beispiel Löwenzahn, Klee und Gräser. Besonders mögen sie das junge Gras und den Klee. Deshalb werden auf den Weideflächen verschiedene Kleesorten, junges Gras und eine Vielfalt an Kräutern für sie angesät. 
 
Dass den Schweinen diese Mischung zusagt, davon können wir uns mit eigenen Augen überzeugen: Sie grasen wie andere Weidetiere, rupfen das kurze Gras und fressen das Grün mit Genuss. In Herrmannsdorf habe man mal getestet, wie viel Kleegras die Tiere pro Tag zu sich nehmen können, erzählt Karl Schweisfurth, und festgestellt: Ein ausgewachsenes Schwein frisst bis zu fünf Kilogramm davon am Tag.
 
„Deshalb ist für uns der Unterschied zwischen Weide und Freiland wichtig“, erklärt der Landwirt. „Freilandhaltung von Schweinen gibt es öfter, allerdings wächst da oft nichts Grünes mehr. Für uns ist es wichtig, dass es Weidehaltung ist, das heißt, es gibt Gras.“ Damit die Vegetation sich von der Wühlarbeit der Tiere erholen kann, müssen die Flächen eine entsprechende Größe aufweisen. In Herrmannsdorf stehen für 44 Schweine drei Hektar Weide zur Verfügung. Der Besatz von etwa 14 bis 15 Tieren pro Hektar hat sich bewährt und gewährleistet, dass immer wieder frisches Gras für die Tiere nachwächst. 
 
Zugefüttert werden müssen die Schweine aber auch draußen. Als Monogaster können sie nicht wie Kühe vom Gras allein leben. Sie brauchen auch Getreide und Schrot, das ihnen an den mobilen Futterstellen bereitgestellt wird. 
 
Alle zwei Jahre werden die Weideflächen gewechselt. Die Futterplätze ziehen dann genauso mit um wie die mobilen Tränken und die Hütten, in denen die Tiere nachts schlafen. Der regelmäßige Wechsel der Flächen ist wichtig, damit sich bodenbürtige Keime nicht verbreiten können. Was vorher Schweine-Weide war, wird dann wieder sechs Jahre für den Ackerbau genutzt. Die Schweine stehen also nicht auf Dauergrünland, sondern auf einem mit Kleegras bewachsenen Acker. Nach zwei Jahren Schweine-Weide wachsen hier dann wieder alte Getreidesorten.
 

Alte Nutztierrasse wiederentdeckt: Schwäbisch-Hällisches Schwein

Auch bei den Schweinen wird auf eine altbewährte Rasse gesetzt: Auf den Weiden und in den Ställen der Herrmannsdorfer Landwerkstätten wachsen Schwäbisch-Hällische Landschweine heran. Kopf, Hals und Hinterbeine der traditionellen Hausschweinerasse sind typischerweise schwarz, der Rest des Körpers nicht pigmentiert. Die Rasse ist robust, weist gute Muttereigenschaften auf und liefert besonders gutes Fleisch. Da die reinrassigen Schwäbisch-Hällischen aber für heutige Verbrauchergewohnheiten eher zu fett sind, werden in Herrmannsdorf Piétrain- und Duroc-Eber eingekreuzt. 
 
Nicht alle Schweine in Herrmannsdorf sind Weideschweine. Zu den gut 150 Tieren, die Jahr auf die Weide gehen, kommen noch einmal genauso viele Tiere, die in Ställen aufwachsen. Auch sie werden kommen im Sommer aber in den Genuss von frischem Kleegras. Und auch sie dürfen im Boden wühlen: Hinter ihrem Stall ist eine Fläche bereitgehalten, auf der sie in langen voneinander abgegrenzten Bahnen auch mal einen Schweinsgalopp hinlegen können. 
 
„Im Ökolandbau sollte es eigentlich für jeden Landwirt machbar sein, den Schweinen zusätzlich zum befestigten Auslauf einen Bereich zur Verfügung zu stellen, in dem sie wühlen können. Es gibt eigentlich immer eine hofnahe Fläche, auf der das ginge. Insbesondere bei den Muttersauen könnte man das in der Tragezeit sofort umsetzen“, meint Karl Schweisfurth. Auch ein Auslauf für die Ferkel, wenn sie noch bei der Mutter sind, sollte aus seiner Sicht drin sein.
 
Ist ein dauerhaft zugänglicher Bereich für die Schweine nicht machbar, ist nach Meinung des überzeugten Ökolandwirts auch Auslauf-Managementsysteme denkbar, bei denen die Tiere ein- bis zweimal in der Woche rausgetrieben werden. Der Arbeitsaufwand wäre überschaubar, wenn die Zäune dafür erst einmal gesetzt sind. Das Mehr an Tierwohl wäre allerdings erheblich. 
 
Nur eines ist bei der Bereitstellung von Außenflächen für Schweine unbedingt zu beachten: Wegen der drohenden Schweinepest müssen alle Außenflächen zweifach umzäunt sein. Die Herrmannsdorfer Weiden haben deshalb außen einen festen Zaun, dessen Pfosten im Boden versenkt sind. Ein Elektrozaun, der innen im Abstand von mindestens zwei Metern gesetzt ist, verhindert, dass die Schweine den Außenzaun erreichen können. 

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Schweine und Hühner weiden zusammen

In Herrmannsdorf gibt es noch eine Besonderheit auf der Schweineweide zu sehen: Hier leben Schweine und Masthühner zusammen. Im Sommer kommen auch noch Rinder dazu. Das in Herrmannsdorf entwickelte Prinzip der symbiotischen Landwirtschaft, soll den Tieren zum gegenseitigen Nutzen gelangen:  Die Rinder halten das Gras für die Schweine kurz, die Schweine schützen die Hühner, die in der frisch aufgewühlten Erde nach Futter suchen können. Außerdem picken sie den Schweinen Parasiten von der Haut.  


Nach drei oder vier Monaten Weidezeit werden die ersten Tiere zur Schlachtung geholt. In der Woche sind es normalerweise drei Schweine, vor Weihnachten auch mal mehr. Alle Tieren werden in der hauseigenen Schlachterei verarbeitet, somit entfällt auch der Transport der Tiere. Bei der Schlachtung sind die Tiere gut ein Jahr alt und haben ein Lebendgewicht von mehr als 170 Kilogramm. Das Schlachtgewicht beläuft sich auf etwa 125 Kilogramm und liegt damit deutlich höher als das der Tiere aus Stallhaltung, die etwa 110 Kilogramm Schlachtgewicht haben.  
 
Als wir auf die Fleischqualität zu sprechen kommen, beginnt Karl Schweifurth zu schwärmen: Der Unterschied sei „gigantisch“ und habe absolut nichts mehr mit konventionellem Fleisch zu tun. Bio-Fleisch sei ja schon per se besser, „wenn man aber ein Kotelett aus dem Discounter neben eines von einem Weideschwein legt, dann denkt man, es handelt sich um eine andere Tierart. Das Fleisch der Weideschweine sieht eher aus wie Rindfleisch und hat auch diese Qualität.“  
 
Klar, hat das Fleisch auch seinen Preis. Aber Fleisch vom Weideschwein ist eben auch kein Massenprodukt und soll auch nie eines werden. Es ist eine Delikatesse. In diesem Sinne, findet Karl Schweisfurth, sind wir mit der aktuellen Debatte um unseren Fleischkonsum auf dem richtigen Weg: Weniger, und dafür in besserer Qualität. Ein schöner Sonntagsbraten eben.