Von der Herausforderung, Bio-Mastbullen auf der Weide zu halten

Limousin-Mastbullen auf der Weide des Biokreis-Betriebs Blefgen, Lennestadt

Zwei Erfahrungsberichte aus der Biokreis-Praxis - von Jörn Bender und Christian Schmitz | Die Autoren sind landwirtschaftliche Berater beim Biokreis in Niedersachsen und in Bayern

Weidehaltung gilt zu Recht als ein wesentliches Merkmal des ökologischen Landbaus. Die EG-Öko-Verordnungen 834/2007 und 889/2008 geben die Weidehaltung jeweils in Artikel 14 mit deutlichen Worten vor. So heißt es in der Basisverordnung 834: „Die Tiere müssen ständigen Zugang zu Freigelände, vorzugsweise zu Weideland, haben, wann immer die Witterungsbedingungen und der Zustand des Bodens dies erlauben“. In der kommenden Öko-Verordnung 2018/848 findet sich eine entsprechende Formulierung unter Anhang II sogar mit explizitem Bezug zur Ernährung, nicht nur zur Haltung.

Auch der Biokreis fordert in seinen Richtlinien Weidehaltung und hat im Frühjahr 2018 als einer der ersten Ökoverbände eine umfangreiche Regelung zur Weide eingeführt.

Mit Blick auf die Haltung von Bullen im Bio-Betrieb haben all diese Regelwerke aber Ausnahmen vorgesehen, um auf die besonderen Herausforderungen der Mast und entsprechenden Weideführung älterer männlicher Rinder einzugehen. So dürfen über zwölf Monate alte Bullen (nach der neuen Verordnung „männliche Tiere“, also vermutlich auch Ochsen) nach Artikel 14 Absatz (4) der bisherigen EG-Öko-VO 889/2008 wahlweise auf der Weide oder im Auslauf gehalten werden. Die Priorisierung der Weide ist bei diesen Tieren offiziell ausgesetzt.

In der professionellen Bio-Bullenhaltung überwiegt die Haltung im Stall mit Auslauf

Bundesweit ergibt sich ein recht unterschiedliches Bild bei der Haltung von Mastbullen im Ökobetrieb. Ebenso vielfältig sind die Ansichten der Landwirte hierzu. Von: „Bullen kann man nicht guten Gewissens auf der Weide halten“ über: „Auf der Weide bekommst du keine gute Fleischqualität“ bis hin zu: „Weidebullen – wo ist das Problem?“ stößt man in der Praxis auf alle Varianten.

Gerade bei großen ökologisch wirtschaftenden Bullenmastbetrieben überwiegt wohl die Haltung in Ställen mit befestigten Außenausläufen, zumindest in der zweiten Lebenshälfte der Tiere. Da die meisten Mastbullen aus der Fleischrinderhaltung stammen, wächst ein Großteil von ihnen im ersten Lebensjahr ohnehin ganz natürlich am Euter der Mutter auf der Weide auf.

Viele Mastbetriebe halten die spätere Ausmast von Bullen auf der Weide aber für schwierig. Tatsächlich gibt es für diese Sichtweise auch gute Gründe: Gerade gegen Ende der Mast benötigen die männlichen Fleischrinder hohe Energie- und Stärkegehalte im Futter, um neben dem reinen Massezuwachs auch eine spezielle Fleischqualität und eine gewisse Fettauflage als wichtiges Merkmal des hochwertigen Schlachtkörpers ausbilden zu können. Reine Weidebullen gelten umgangssprachlich als „blaue“ Bullen, oft mit der niedrigsten Fettstufe 1. Sie sind nach der Schlachtung mitunter schwierig bezüglich des Reifeprozesses und mit Blick auf den Geschmack des Rindfleisches.


„Wenn man um den hohen Wert des natürlichen Grünlands für Klimaschutz und Biodiversität weiß sowie um die positive Wirkung der Weidehaltung für das Tierwohl, dann ist die nicht ganz einfache Erzeugung von hochwertigem Bullenfleisch auf der Weide beinahe als Königsdisziplin der ökologischen Rindermast anzusehen.“


Die perfekt ausgewogene Futterversorgung des Tieres im wissenschaftlichen Sinne aktueller Tierernährung lässt sich im Stall besser steuern als auf der Weide – für viele Öko-Rinderprofis ein Grund für eine entsprechende Haltung mit eingestreutem Auslauf.
Dazu kommt die Herausforderung, große Bullenherden sicher in der Weide zu führen. Wer sich die rechtlichen Vorgaben zu entsprechenden Zäunen einmal vergegenwärtigt hat, stellt schnell fest, dass in der gelebten Praxis kaum eine Einzäunung diesen Ansprüchen genügen würde. Weiden zudem weibliche Rinder in der Nachbarschaft, ist oftmals Ärger vorprogrammiert.

Immer wieder ist in der aktuellen Klima- und Nährstoffdiskussion auch zu hören, dass energetisch knapp versorgte Mastrinder und Mastbullen letztlich zu Nährstoffverlusten beitragen, da die hohen Proteingehalte guten Weidefutters nicht umgesetzt werden können und hieraus wesentliche Stickstoff(N)-Ausscheidungen resultieren. Nun könnte der mangelnden Energieversorgung auf der Weide mit mobilen Fütterungseinrichtungen und entsprechender Nährstoffergänzung, zum Beispiel durch Getreide, entgegengewirkt werden. Hier steht in der Praxis aber oft die aufwendige Handhabung einer Umsetzung im Wege, gerade bei großen Einheiten.

Wenn man um den hohen Wert des natürlichen Grünlands für Klimaschutz und Biodiversität weiß sowie um die positive Wirkung der Weidehaltung für das Tierwohl, dann ist die nicht ganz einfache Erzeugung von hochwertigem Bullenfleisch auf der Weide beinahe als Königsdisziplin der ökologischen Rindermast anzusehen.

Nachfolgend berichten wir über zwei Biokreis-Betriebe im Nebenerwerb, die ihren Weg gefunden haben.

Biokreis-Betrieb Uebler: Gute Erfahrung mit Pinzgauer- und Herford-Bullen

Der Betrieb von Familie Uebler in Riglashof im Oberpfälzer Jura wird seit 2008 ökologisch geführt und wirtschaftet mit 80 Hektar im Nebenerwerb. Zwei Drittel der Flächen sind Dauergrünland, die Fruchtfolge im Ackerbau besteht zu etwa 60 Prozent aus Kleegras. Im jährlichen Wechsel werden unter anderem auch Roggen, Weizen, Mais und Erbsen angebaut. Ein erheblicher Teil der Grünlandflächen ist als Weideflächen fest eingezäunt, die übrigen Flächen sind Mähweiden. Die Mutterkuhherde umfasst etwa 45 Herdbuchkühe der Rassen Pinzgauer und Hereford. Vermarktet werden von beiden Rassen Bullen sowie weibliche Tiere zur Zucht.

Männliche Tiere, die sich nicht zur Zucht eignen, werden am eigenen Hof gemästet. In der Vegetationsphase wird ausschließlich auf der Weide gemästet. Die vorhandenen Rassen eignen sich nach Ansicht des Betriebsleiters aufgrund ihrer besonders ruhigen und friedfertigen Art zur Weidemast. Dabei reichen die Weidezäune für Mutterkühe auch für das Weiden von Bullen auf dem Betrieb aus.

Gute Erfahrung machte Familie Uebler damit, zwei erfahrene, tragende Mutterkühe mit männlichem Kalb zur Herdenführung in der Bullenherde mitlaufen zu lassen. In einer Weidehütte gibt es täglich als Zufütterung ein Kilogramm Getreideschrot pro Tier. Das erleichtert auch das regelmäßige Einfangen und Aussortieren eines Schlachttiers. Sehr gut findet die Familie die Tatsache, dass sich über die ganze Weidesaison kein Tier im Stall befindet und somit im Sommer keine Stallarbeiten anfallen – das erhöht die Lebensqualität.

Im Winter stehen alle Tiere in Ställen auf Stroh. Die Mastbullen werden im einfachen Offenfront-Tieflaufstall ohne Laufhof gehalten. Gefüttert werden die Bullen mit Gras- und Maissilage plus drei Kilogramm Getreideschrot als TMR.  Die Vermarktung erfolgt zu einem kleinen Teil direkt, weiterhin an Metzgereien sowie über die Öko-Abokiste eines nahegelegenen Gemüsebaubetriebes. Der Metzger würde sich eine etwas bessere Fettabdeckung der etwa 20 bis 24 Monate alten Schlachtkörper wünschen. Der Betrieb überlegt, dies durch höhere Getreidegaben zu erreichen, ist aber der Meinung, dass große Kraftfuttergaben in der Bio-Haltung kritisch zu sehen sind und nicht dem Öko-Gedanken entsprechen.  

 

Weitere Informationen unter: www.pinzgauerzucht.de

Biokreis-Betrieb Blefgen: Bullen auf der Hangweide ohne Zufütterung

Weiter nördlich, im südwestfälischen Sauerland, der Biokreis-Hochburg Nordrhein-Westfalens, liegt der Hof von Familie Blefgen. Neben den 15 Limousin-Mutterkühen werden auch hier sämtliche Nachzuchttiere möglichst aufgezogen und gemästet. Dabei hat Senior Josef Blefgen recht positive Erfahrungen mit Bio-Bullen gemacht. Die Weideführung sieht der langjährige Biokreis-Betrieb als eher unproblematisch an. Bullen sind beinahe sogar ruhiger als Färsen, solange die Futterversorgung stimmt, so der Biokreis-Landwirt.

Im Betrieb Blefgen werden die Bullen auf den hängigen Weiden ohne weitere Zufütterung von Maissilage, Getreide oder Kraftfutter gemästet. Im Winter steht ausschließlich Grassilage zur Verfügung. Einzig Mineralleckmasse wird regelmäßig angeboten. Viel Wert legt der Betrieb auf kurze, gute Grasnarben.

Auch hier gelangen die Mastbullen mit etwa 22 bis 24 Monaten zur Schlachtung. Häufiger Abnehmer ist das Verarbeitungsunternehmen und Biokreis-Mitglied Biofleisch NRW eG in Bergkamen. Ein Blick in die Schlachtabrechnungen zeigt ordentliche Gewichte der Jungbullen von gut 400 Kilogramm. Gleichzeitig tauchen aber auch einzelne Bullen mit der Klassifizierung U1 auf, haben also kaum Fett angesetzt. In der Regel erreichen die Schlachttiere aber die Einstufung U2, sind also vollfleischig mit passender Fettabdeckung. Was allerdings eine „passende“ Fettabdeckung ist, unterscheidet sich von Abnehmer zu Abnehmer. Je nach Kundenwünschen kann auch eine knappe 2er-Abdeckung deutlich zu wenig sein. Da der Schlachtbetrieb im Fall des Betriebs Blefgen eine 1er-Abdeckung aber nicht mit Abzügen versieht, besteht wenig Grund die Fütterung zu verändern.

In manchen Jahren werden die Bullen sogar im Winter auf der Weide gehalten,l bei entsprechender Zufütterung und mit Unterstand. Auch dabei hat der Betrieb eigentlich gute Erfahrungen gemacht. Auf die hervorragende Qualität und den guten Zuwachs seiner Tiere angesprochen, verweist Josef Blefgen auf den ausschließlichen Zukauf von reinrassigen Deckbullen aus einem benachbarten Biokreis-Betrieb, der seinerseits nur gekörte Herdbuchbullen verschiedener Limousin-Herkünfte einsetzt.


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Andreas Steinwidder, Qualitäts-Rindermast im Grünland, Leopold Stocker Verlag 2012, 196 S., 24,90 Euro, ISBN 3-7020-1016-5.