Wölfe: Mit Strom gegen den Beutegreifer

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Die Zahl der Wölfe in Deutschland steigt. Zwar hat der Bundesrat im Februar ein Gesetz verabschiedet, das den Abschuss von Wölfen erleichtern soll. Das Wachstum der Population wird dennoch weitergehen. Wir Weidetierhalter sind gefordert, unsere Tiere bestmöglich zu schützen.
Von Peter Schmidt | Der Autor ist Biokreis-Landwirt in Gummersbach, NRW.


Unter den Nutztieren stehen die kleinen Wiederkäuer weit oben auf der Speisenkarte des Wolfs, insbesondere Schafe und Lämmer. Sie sind vergleichsweise leichte Beute. Wenn ein Wolf einmal verstanden hat, dass die Tiere in ihrem Schafzaun kaum entkommen können, dann wird der gut gedeckte Tisch gern des Öfteren besucht.

Weil sich von Seiten der Politik keine schnelle Lösung abzeichnet, müssen Schafhalter auf Abschreckung setzen. Ziel einer effizienten Zaunanlage ist es, den Wolf möglichst wirksam zu vertreiben. Der Wolf muss alsbald lernen: Es tut weh, wenn ich mich an den Schafen vergreifen will. Dann – so kann der Schafhalter hoffen – sucht das Raubtier erstmal leichtere Beute.

Die Empfehlungen aus den verschiedenen Förderrichtlinien sind klar. Meist wird dort festgelegt, ein solider Grundschutz sei beispielsweise ein stromführendes Elektronetz mit einer Höhe von 90 Zentimetern. Doch Fakt ist: Eine wirksame Wolfsabwehr ist ein solcher Zaun nicht. In Nordrhein-Westfalen wird ein Wolf erst dann potenziell als Problemwolf eingestuft und zum Abschuss freigegeben, wenn er mehrfach 1,20 Meter überwindet. Fazit: Wer zäunen will, sollte gleich etwas höher denken. Auch wenn die Arbeit dafür eine echte Plackerei ist.

Vielerorts werden Zaunmaterialien zu 100 oder 80 Prozent oder einem anderen Prozentsatz gefördert, also vom Land übernommen. Allerdings oft nur in ausgewiesenen Wolfsgebieten. Wichtig ist aber die echte Prävention. Eigentlich müsste schon wolfsabweisend gezäunt werden, bevor der Wolf als heimisch anerkannt wird. Wer gut zu seinen Schafen sein will und beim Zäunen früh genug aufrüstet, der zahlt selbst und reduziert damit seine Wirtschaftlichkeit.

Grundsätzlich gilt: Auf dem Zaun muss ordentlich Saft sein, damit es einen kräftigen Schlag auf die Wolfsnase gibt. Und weil Wölfe gerne buddeln, muss es auch einen „Untergrabeschutz“ geben. Bei den Wolfsnetzen gibt es den in verschiedenen Varianten:

  • Das Netz mit der „Wolfsklemme“ – Hersteller ist EuroNetz, also made in Germany. Da ist die gesamte bodenführende Litze ein Erdungsdraht. Will der Wolf sich unten durchgraben, schiebt sich – hoffentlich – die Erdungslitze an die unterste stromführende Litze, ein Kurzschluss entsteht und brennt eine Narbe auf die Nase. Durch die gute Erdung ist gleichzeitig ordentlich Energie auf dem Netz.
  • Plus-Minus-Netze – sie werden von verschiedenen Herstellern angeboten. Der Gedanke dabei: Will der Wolf das Netz überspringen, hat er keinen Erdkontakt, würde also in der Luft keinen Stromschlag erhalten. Streift er jedoch eine Plus- und eine Minus-Litze, kommt es zum erhofften Energiefluss. Der Nachteil: Der Räuber ist bereits in der Luft und landet auf der anderen Seite bei den Schafen.
  • Gerne werden Flatterbänder oder helle Bänder empfohlen, die den Zaun erhöhen und den Wolf verunsichern sollen. Doch das Tier ist ein guter Beobachter – der Gewöhnungseffekt tritt schnell ein.

Alternativ sind auch Festzäune möglich. Die Höhenvorgaben entnehme jeder der landestypischen Förderrichtlinie Wolf. Entscheidend ist auch hier der Untergrabschutz. Dafür werden entweder Stahlmatten oder ein gutes Stück Wildschutzzaun waagerecht im Boden verankert. Oder es wird ein stromführender Draht rund um den Zaun in etwa 20 Zentimetern Höhe geführt.

Ebenfalls möglich sind Zäune mit stromführenden Drähten. Im Sommer müssen diese Zäune allerdings regelmäßig von hochwachsendem Gras befreit werden, um stromführend zu bleiben. Dass dies eine endlose und oft nicht leistbare Arbeit ist, ist wahrscheinlich allen klar. Und: Diese Arbeit wird keinem Tierhalter finanziert. Wer auf einen solchen Zaun setzen will: Der unterste Draht darf nicht mehr als 20 Zentimeter über dem Boden sein, die Zwischenräume sollten ebenfalls nicht größer als 20 Zentimeter sein.

Mit solchen Elektrozäunen lassen sich auch die Weiden für Rinder, Pferde und Co wolfsabweisend zäunen. Es soll schon Landwirte geben, die extra Weideflächen für tragende Rinder eingerichtet haben, auf denen die Kühe dann vergleichsweise sicher kalben können. Die Kälber sind besonders in den ersten Wochen gefährdet, wenn sie sich von der Herde entfernen (oder die Herde sich von ihnen). Dann sind sie eine leichte Beute für Gevatter Isegrim.

Während Schaf- und Ziegenhalter wie auch die Besitzer von Gatterwild meist zumindest ihr Zaunmaterial ersetzt bekommen, ist das üblicherweise bei Rindern, Pferden, Lamas und Co nicht der Fall. Einerseits ist das eine nichtgerechtfertigte Ungleichbehandlung, denn wenn die kleinen Wiederkäuer gut geschützt sind, sucht sich der Wolf andere Beute. Und dass auch die großen Tiere sich nicht gegen die Wolfsrudel wehren können, ist mittlerweile belegt. Aber wer fordert, dass den Rinderbauern die Zäune bezahlt werden, muss wissen: Üblicherweise gilt eine Übergangsfrist von ein bis zwei Jahren. Danach werden nur noch Risse entschädigt, bei denen die Tiere hinter einem wolfsabweisenden Zaun standen.

Und noch eines: Wolfsrisse und Zaunmaterial werden im besten Fall ersetzt. Aber das ist keine Entschädigung für die Tierqualen der gerissenen oder angefressenen Tiere, keine Entschädigung auch für die seelische Belastung der Tierhalter. Zudem sind viele Gelder Teil der de-minimis-Beihilfen für Landwirte und damit dann trotzdem gedeckelt. Gerade größere Betriebe haben schnell die maximalen 20.000 Euro binnen dreier Jahre überschritten, denn in die Berechnung fließen auch LEADER-Förderungen oder die Agrardieselbeihilfe ein.