Die Bienenweide

Image

Auch Bienen sind Nutztiere des Menschen, die ihre Nahrung aus der umgebenden Landschaft erhalten.
Von Marc Schüller | Der Autor ist Imkerberater beim Biokreis.


Honigbienen sind auf die Blüten ihrer Umgebung angewiesen. Sie beweiden in einem Radius von etwa drei Kilometern alle blühenden Pflanzen, die sogenannten Trachtpflanzen. Aus ihnen sammeln sie Pollen und Nektar, in kleinen Mengen auch Propolis. Beim Pollen handelt es sich um den eiweißreichen Blütenstaub, den die Bienen insbesondere zur Fütterung ihrer Larven benötigen. Nektar ist der zuckerhaltige Blütensaft und die Grundlage des Honigs. Als Propolis werden Blüten- und Pflanzenharze bezeichnet, die im Bienenvolk antibakteriell wirken und das Volk vor Krankheiten schützen.

Die Qualität der Nahrung ist Grundlage für eine gesunde Entwicklung der Bienen

Das Anfliegen der Blüten und das permanente Sammeln stellen die momentane Versorgung des Bienenvolks sicher, bilden aber auch den Grundstock für die eingelagerten Wintervorräte. Dafür wird eine hohe Anzahl von Blüten benötigt; bei einem Jahresverbrauch an Honig teilweise jenseits der einhundert Kilogramm pro Volk geht der Bedarf in die Millionen. Auch wenn jede Trachtpflanze unterschiedlich wertvoll in ihrer Nektarproduktion ist, so kann ein Glas geernteter Honig bis zu zehn Millionen Blüten beinhalten.
Nebenbei bestäuben die Bienen die angeflogenen Pflanzen. Die Fähigkeit zur Kommunikation unter den Bienen bewirkt dabei, dass sich ein Bienenvolk einig wird, von welcher Pflanzenart in einem bestimmten Zeitraum gesammelt wird. Diese sogenannte Blütenstetigkeit macht die Honigbiene besonders bei den Kulturpflanzen zum zentralen Bestäuber.

Wie bei anderen Weidetieren auch, ist die Qualität und die Vielfalt ihrer Nahrung Grundlage für eine gesunde Entwicklung der Tiere, sowohl der einzelnen Bienen als auch des ganzen Volks. Einseitige Ernährung, vielleicht gar belastet mit Rückständen aus der Landwirtschaft, macht Bienen wie andere Lebewesen anfällig und letztlich krank.

Die Trachtsituation ist stark von äußeren Einflüssen abhängig. Trockenheit, geringe Temperaturen und sonstige Wetterkapriolen können trotz Vollblüte eine stete Versorgung der Bienen verhindern. Gerade der Klimawandel mit langen Hitze- und Trockenphasen führt in Verbindung mit sandigen Böden zu Wassernot bei Trachtpflanzen, sodass sie ihre Produktion von Nektar einstellen. Trotzdem werden sie von den Bienen und von anderen Insekten angeflogen, da sie vom Duft der Blüten angelockt werden. Unter Linden finden sich deshalb immer wieder erschöpfte oder tote Bienen und Hummeln.


„Unsere Honigbienen sind ein Teil der Landschaft, ob sie kulturell gepflegt wird oder naturbelassen ist. Sie sind ein wichtiger und unverzichtbarer Motor im gesamten ökologischen Kreislauf. Diese gegenseitige Abhängigkeit bedarf einer guten Balance zwischen der Insektenwelt und deren Nahrung auf der Weide, den Blühpflanzen.“


Die Blühphasen der Pflanzen bestimmen die „Weidezeit“ der Bienen

Gerade in Landschaften, die von Monokulturen und Artenarmut geprägt sind, haben Bienen wie andere Insekten inzwischen große Probleme dauerhaft und gesund zu überleben. Die Blühphase jeder einzelnen Pflanze ist unterschiedlich. Insgesamt gesehen reicht sie in unseren Breiten von Februar bis in den November, in Städten und an geschützten Stellen blühen Pflanzen zunehmend das ganze Jahr hindurch. Die Hauptblühphase, die sogenannten Massentrachten, beschränken sich meist auf das Frühjahr und den Frühsommer. Sie werden von einer einzelnen Pflanze oder einer Baumart dominiert. Klassische Trachtpflanzen sind der Löwenzahn, der Raps und Bäume wie die Robinie und die verschiedenen Lindenarten.

In der Regel handelt sich bei Massentrachten oft um Kulturpflanzen, bei landwirtschaftlichen Kulturpflanzen meist um die aus der konventionellen Bewirtschaftung. Daneben kann auch, wie die Imker sagen, der Wald „honigen“. Hier steht den Bienen, durchaus auch in großen Mengen, der sogenannte Honigtau zur Verfügung, meist ein Baumsekret der Nadelbäume. Diese Zeiten des Überflusses stellen für die Bienen ihren Hauptarbeitseinsatz und ihren Leistungshöhepunkt dar.

Dazwischen kümmern sich die Bienen verstärkt um die Honigreifung, aber auch um sich selbst. In diesen Phasen sind die vielen unterschiedlichen Wildblüten entscheidend, um eine stete und qualitative Versorgung zu gewährleisten. Gute Standorte zeichnen sich insbesondere durch diese Nahrungsmöglichkeiten zwischendurch aus, die imkerlich Läppertrachten genannt werden. Sie finden sich in naturbelassenen und naturnahen Landschaften, jedoch oftmals auch in Städten.

Honigbienen sind ein Motor im ökologischen Kreislauf

Erwerbsimkereien sind aufgrund der viel zu niedrigen Honigpreise von einer quantitativ hohen Honigernte wirtschaftlich abhängig. Sie können es sich deshalb oft nicht leisten, die Bienen an einem Standort zu belassen. Deshalb werden die Bienen zur Weide, den Trachtpflanzen gefahren. Nach der meist etwa zweiwöchigen Phase der Massentracht wird der gesammelte Honig entnommen und die Bienen zum nächsten Standort gefahren, den Blüten hinterher.

Die Bienen produzieren durch dieses System in der Regel erheblich mehr, zudem reine Sortenhonige. Diese unterscheiden sich geschmacklich und damit auch preislich deutlich von den Standorthonigen. Allerdings geht diese Produktionsweise auf Kosten des Tierwohls. Denn durch den deutlich erhöhten Durchsatz an Nektar und Bienen, die hohe Arbeitsintensität ohne Verschnaufpausen, die regelmäßigen Transporte zu neuen Standorten und letztendlich auch durch die imkerliche Praxis leidet die Bienengesundheit.