Rinderhaltung: Die Zucht auf den eigenen Betrieb ausrichten

Image

Wer seine Milchkühe decken möchte, bestellt meist über Besamungsgenossenschaften Sperma von leistungsgeprüften Zuchtbullen oder kauft sich einen Deckstier. Doch was, wenn deren Zuchtwerte nicht zu den Standortbedingungen des Betriebs passen?
Von Bernadette Albrecht | Die Autorin ist landwirtschaftliche Beraterin beim Biokreis im Allgäu.

Europäische Vereinigung für Rinderzüchtung

Seit 2013 kann Sperma von Bullen aus naturgemäßer Zucht von der EUNA (Europäische Vereinigung für Naturgemäße Rinderzucht) bezogen werden. Diese Vereinigung aktiver Züchter hat Zuchtmerkmale für die naturgemäße Rinderzucht (Lebensleistungszucht) aufgestellt und selektiert Sperma von Deck- und Besamungsbullen. Das Konzept der Lebensleistungszucht, beschrieben von Prof. Frederik Bakels, ist eine Form der Kuhfamilienzucht.

Von einer Lebensleistungsfamilie spricht man, wenn „in einer Kuhfamilie in direkter Ahnenfolge mehrere überragende Lebensleistungen hintereinander erbracht wurden, oder die Mitglieder der Kuhfamilie sich durch eine überdurchschnittliche Anzahl an Kalbungen auszeichnen.“ Bei diesen Zuchttieren geht man davon aus, dass sie sehr gute Erbanlagen haben, weil sie sonst keine so lange Nutzungsdauer hätten.

Richard Haneberg, Mitglied im Anbauverband Naturland, bezieht Sperma von der EUNA und hat das Prinzip der Lebensleistungszucht auf seinem Betrieb präzisiert: Er züchtet nur mit weiblichen Tieren, deren Mutter und Großmutter noch leben und mindestens 150.000 Kilogramm Milch erzeugt haben. Auch die Mutter des Vaters muss noch am Leben sein. Das Alter der Kühe liegt im Schnitt bei 6,5 bis sieben Jahren bei einer Nutzungsdauer von 4,5 bis fünf Jahre und einer Lebensleistung von 25.000 bis 30.000 Kilogramm Milch.

Mit den eigenen Kuhfamilien züchten

Die Lebensleistungszucht ist jedoch nur eine Form der Familienzucht. Bei der Familienzucht nimmt man Stammkühe mit hervorragenden Eigenschaften, wählt davon männliche und weibliche Zuchttiere aus dem eigenen Betrieb aus und paart diese an. Die Tiere werden unter den Umweltbedingungen des Betriebs aufgezogen und sind deshalb optimal an die Standortbedingungen und Futtergrundlage des Betriebs angepasst.

Innerhalb der Familienzucht gibt es verschiedene Varianten. Üblicherweise zieht man mehrere Deckstiere von verschiedenen Kuhfamilien auf und paart diese mit nicht zu nahe verwandten Kühen an. Alternativ können auch passende Deckstiere von anderen Betrieben ausgeliehen werden. Wem dieses Verfahren zu aufwendig ist, kann den Natursprung mit künstlicher Besamung kombinieren. Dann wird nur ein Stier pro Jahr benötigt.

Josef Schneid vom Wannenhof züchtet bereits seit 30 Jahren nach der Methode der Familienzucht. Dafür hat er seine 35 Milchkühe in fünf Kuhfamilien aufgeteilt. Die Tiere werden auf dem Betrieb aufgezogen und die Selektionskriterien, wie beispielsweise eine lange Nutzungsdauer, können individuell ausgewählt werden. Der Landwirt zieht einen Deckstier pro Jahr selbst nach. Bei der Auswahl des Bullen kommt es auf dem Wannnehof insbesondere auf den Charakter der Mutter an. Da die Kälber muttergebunden aufgezogen werden, sind ruhige Tiere, ein ausgeprägtes Mutterverhalten und Zahmheit wichtig. Weitere Zuchtziele sind für Josef Schneid eine hohe Persistenz, Robustheit und eine gute Grundfutterverwertung. Der Betriebsleiter legt beim Exterieur Wert auf einen kleinen Rahmen, eine große Rumpftiefe und ein gut aufgehängtes Euter.

Wenn es um Kuhfamilienzucht geht, ist Inzucht das Schlagwort. Tiere, die den gleichen Vater wie ihre Mutter haben, verkauft Josef Schneid prinzipiell. Bei der Anpaarung achtet er auf einen niedrigen Inzuchtgrad. Aber auch Betriebe mit künstlicher Besamung können ein Problem mit Inzucht bekommen, weil dafür oftmals die immer gleichen Stiere eingesetzt werden. <<

 

Image

Um die Anforderungen ökologisch wirtschaftender Betriebe in der Rinderzucht besser abbilden zu können, haben die Öko-Anbauverbände, Zuchtorganisationen, Besamungsstationen und Forschungsstellen (LfL-Bayern) den Ökologischen Zuchtwert (ÖZW) ins Leben gerufen. Der ÖZW kennzeichnet konventionelle Besamungsbullen insbesondere im Hinblick auf Fitnessmerkmale wie Nutzungsdauer, Fruchtbarkeit, Kalbeverlauf oder Eutergesundheit. Den ÖZW findet man in den üblichen Bullenkatalogen oder in Listen für ÖZW-Stiere.


Natursprung oder künstliche Besamung?
Vor allem aus Sicherheitsgründen entscheiden sich 90 Prozent der Bio-Betriebe für die künstliche Besamung. Natürlicher und artgemäßer ist jedoch der Natursprung. Bei der künstlichen Besamung kann sowohl der Stier als auch die zu besamende Kuh Stress haben. Das Sperma wird technologisch aufbereitet und gelagert. Es wird vermutet, dass sich die Reproduktionsmethode auch auf die gezeugten Tiere auswirkt. Außerdem kann man davon ausgehen, dass die lokalen Natursprungbullen besser zum Bio-Betrieb passen.