„Die Klimakrise erfordert alle Kräfte dieses Planeten“

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Prof. Dr. Thomas Stocker gehört zu den renommiertesten Klimaforschern weltweit. Der Schweizer Wissenschaftler war Vorsitzender der Arbeitsgruppe I des Weltklimarats, die den Klimabericht 2013 erstellt hat, der 2013 die Grundlage für das Klimaabkommen von Paris bildete. Im Interview spricht er über die Chancen, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen und über die Rolle der Landwirtschaft in der Klimakrise.    

Herr Prof. Stocker, woran forschen Sie?
In der Abteilung für Klima- und Umweltpolitik an der Universität Bern befassen wir uns mit Klimaveränderungen der letzten 800.000 Jahre, die wir aus polaren Eisbohrkernen rekonstruieren. Insbesondere untersuchen wir abrupte Klimaveränderungen, sogenannte Kipppunkte, während der letzten Eiszeit, die uns die Dynamik des Klimasystems zeigen. Gleichzeitig sind wir in der Modellierung des zukünftigen Klimas aktiv.

Anfang Mai wurde ein neuer Höchstwert der CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre bekanntgegeben: Wir haben mittlerweile 415 ppm überschritten. Was bedeutet das?
Die Werte, die wir heute sehen, sind um 35 Prozent höher als der höchste Wert, den wir für die letzten 800.000 Jahre rekonstruieren konnten. Wir sind also bezüglich CO2, aber auch bezüglich Methan, dem anderen wichtigen Treibhausgas in der Atmosphäre, völlig außerhalb der Bandbreite des Systems Erde. Und wir alle wissen, woher das kommt: von der Verbrennung fossiler Brennstoffe – Kohle, Öl, Gas – und der weltweiten Landnutzung und Abholzung.

Wird dieser Wert in Zukunft noch weiter steigen?
Das kommt ganz darauf an, wie die Emissionen sich entwickeln werden. Wenn die Emissionen ungebremst ansteigen wie im Durchschnitt der letzten 20 Jahre, nämlich um etwa zwei Prozent pro Jahr, ist es ganz klar, dass der CO2-Wert weiter ansteigen wird. Das wird die Klimakrise weiter befeuern. Es wird zur Erhitzung mit all den regionalen Konsequenzen führen, die wir im letzten Weltklimabericht von 2013 bereits abgeschätzt haben.
Nun hängt es von den Entscheidungen der Länder und der Bevölkerung ab, wie sich die Emissionen in den nächsten zwanzig Jahren entwickeln werden.
Die Länder haben sich ja auf das Pariser Abkommen geeinigt, das besagt, dass die Erwärmung gegenüber vorindustriellen Zeiten zwei Grad nicht übersteigen soll. Zudem besagt es, dass man sich bemühen sollte, die Erwärmung sogar auf nur 1,5 Grad zu begrenzen. Das bedeutet, dass die Emissionen innerhalb der nächsten dreißig Jahre auf netto Null sinken müssen. Im Moment sehen wir aber, dass die Emissionen noch steigen. Somit sind wir absolut nicht auf dem richtigen Weg.

Wir liegen jetzt bei einem Grad Erwärmung…
Inzwischen bei 1,2 Grad gegenüber 1900.

Da ist zu 1,5 Grad nicht mehr viel Luft.
Überhaupt nicht. Das 1,5-Grad-Ziel wird meiner persönlichen Meinung nach das erste Ziel sein, das die Menschheit vereinbart hat und leider verfehlen wird. Wenn wir die kühlende Wirkung des Rußes und der Luftverschmutzung wegrechnen – das ist ja auch etwas, was wir eigentlich nicht haben möchten – dann sind wir schon heute gut und gerne bei 1,5 Grad.

Bei welcher Erhöhung werden wir realistischerweise landen?
Eine Begrenzung auf zwei Grad Erwärmung ist noch möglich. Aber mit jedem Jahr, in dem die Emissionen nicht sinken, wird das Ziel ehrgeiziger und schwieriger zu erreichen. Wir haben mal berechnet: Wenn man zehn Jahre wartet und die Emissionen auf dem Niveau von 2020 weitergehen, dann verliert man in diesen zehn Jahren ein halbes Grad. Das bedeutet: Das 2-Grad-Ziel ist jetzt schon ehrgeizig. In zehn Jahren ohne Veränderung wird das 2,5-Grad-Ziel schwierig zu erreichen sein, in zwanzig Jahren ohne Veränderung das 3-Grad-Ziel und so weiter. Wenn die Emissionen nicht zurückgehen, werden wir kontinuierlich unsere Klimaziele unwiederbringlich verlieren.


„Die Klimakrise schlägt nicht bei Mittelwerten zu, sondern bei Extremereignissen. Eine kleine Verschiebung des statistischen Mittelwerts genügt, um die Häufigkeit von Extremereignissen um Faktoren zu vergrößern.“


Wir spüren bereits Auswirkungen des Klimawandels. Geht alles schneller als man dachte?
Da muss man die Daten sehr sorgfältig anschauen. Es gibt eine natürliche Variabilität, die über mehrere Jahrzehnte läuft. Sie hat mit der langfristigen Klimaentwicklung wenig zu tun. Man kann aber einige verlässliche Aussagen zum Klimawandel treffen, zum Beispiel: Die Häufigkeit und Intensität von Hitzewellen in den mittleren geographischen Breiten haben deutlich zugenommen. Auch die Abschmelzrate von Grönland hat sich in den letzten zwanzig Jahren beschleunigt. Bei anderen Phänomenen kann man noch keine sicheren Aussagen treffen, beispielsweise bei Wirbelstürmen.
Aber der Punkt ist: Die Klimakrise schlägt nicht bei Mittelwerten zu, sondern bei Extremereignissen. Eine kleine Verschiebung des statistischen Mittelwerts genügt, um die Häufigkeit von Extremereignissen um Faktoren zu vergrößern. Es braucht keine großen Veränderungen des Mittelwerts, um die Häufigkeit von Hitzewellen zu verdoppeln oder zu verfünffachen.

Die Landwirtschaft hatte in den vergangenen Jahren und auch dieses Jahr mit langen Phasen der Trockenheit zu tun. Wird es das in Zukunft häufiger in Deutschland geben?
Absolut. Das ist eine der robusten Aussagen aus der Klimaforschung, die wir mit großem Vertrauen treffen können. Wenn es wärmer wird, werden die warmen Extreme sehr viel häufiger sein. Warme Extreme manifestieren sich durch Trockenheit und Dürren, die auftreten können.

Welche Rolle sollte die Landwirtschaft in Bezug auf den Klimawandel spielen?
Die Landwirtschaft ist ein sehr mächtiger Pfeiler in jeder Gesellschaft: Sie hat ein großes politisches Gewicht und genießt eine große emotionalen Verankerung in der Bevölkerung. Bisher ist die Landwirtschaft bei uns in der Schweiz bezüglich des Klimaschutzes nicht in Erscheinung getreten. Eher das Gegenteil ist der Fall. Aber die Natur lässt sich nicht überspielen. Denken Sie zum Beispiel an das Insektensterben, das durch den Klimawandel beeinflusst wird. Viel bedeutender für die Biodiversität und für die Ökosysteme ist aber die Massenproduktion und Technisierung in der Landwirtschaft. Produktionszyklen werden optimiert, indem man einzelne Elemente eines Ökosystems ausschaltet, zum Beispiel durch den Einsatz von Pestiziden. Ich denke, da wird etwas auf uns zukommen, wovor die Landwirtschaft die Augen nicht verschließen können wird.
Auch die Konsumenten haben eine große Verantwortung, solche Produkte einfach nicht mehr zu unterstützen. Waren, die durch Billigpreise unseren Konsum in den letzten 25 Jahren beschleunigt haben, müssen wieder ihren realen Wert bekommen, genau wie der Abfall seinen wahren Wert bekommen muss. Wir brauchen eine Kreislaufwirtschaft, um die Klimakrise abzuwenden.

Im Zuge der Corona-Krise wurden zügig Entscheidungen getroffen. Sollte das auch in Bezug auf den Klimawandel passieren?
Wir haben in der Corona-Krise gelernt, dass nur Staaten und Regierungsformen glaubwürdig sind, die auf wissenschaftlicher Basis ihre Maßnahmen begründen können. Diese Maßnahmen müssen dann von allen übernommen werden und zwar nicht auf Freiwilligkeit beruhend, sondern per Rahmenbedingungen. Beim Klimawandel ist das sehr ähnlich: Wir brauchen die wissenschaftliche Information, um verlässliche Entscheidungen zu fällen und um die Menschen zu überzeugen, und wir brauchen Rahmenbedingungen.
Bei einem Virus ist es einfach zu zeigen, was auf dem Spiel steht. Da geht es um ihre persönliche Gesundheit. Das ist anders, wenn es um die Ablösung fossiler Energieträger durch erneuerbare Energien geht, die Dekarbonisierung. Diese Technologie war in den letzten 150 Jahren extrem erfolgreich und nützlich, aber ihre Auswirkungen verkraften wir nicht mehr. Da braucht es eine schnelle demokratische Umsetzung des Wandels. Aber ich betone: demokratische. Die Corona-Krise hat uns auch gelehrt, dass Parolen und Halbwissen nicht weiterhelfen.


„Die industrielle Revolution der Dekarbonisierung ist DIE ökonomische Chance der 21. Jahrhunderts. Sie wird neue Arbeitsplätze schaffen, sie wird die Lebensgrundlage für die Zukunft sichern und sie wird neue Werte schaffen: die Wertschätzung von Ressourcen.“


Haben Sie persönlich Angst vor den Auswirkungen des Klimawandels?
Angst ist immer ein schlechter Berater, wenn es um Veränderungen geht. Man muss vorwärtsschauen und versuchen, die Menschen zu überzeugen. Seit zwei Jahren gibt es ja die Fridays for Future-Bewegung, mit der junge Menschen tatsächlich zu einer neuen politischen Kraft herangewachsen sind. Damit erzielen sie große Wirkung. Das ist ein Lichtblick, der hoffen lässt, dass es durchaus schneller mit den Veränderungen gehen könnte als das in den letzten zwanzig Jahren der Fall war, als die wesentlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse auch schon bekannt waren, aber gesteuert durch Interessensgruppen konsequent ignoriert oder torpediert wurden.
In der Corona-Krise haben wir auch gesehen, dass sich unsere Gewohnheiten ändern können: Wir haben alle einen Digitalisierungsschub erlebt und gesehen, dass unser Konsumverhalten nicht unbedingt notwendig für unser Wohlbefinden ist. Es gibt viele Lehren, die man aus Corona ziehen kann. Aber in einem Punkt ist die Corona-Pandemie mit dem Klimawandel überhaupt nicht vergleichbar: Corona – so hoffen wir alle – ist in ein paar Monaten vorüber. Die Klimakrise erfordert aber etwas ganz anderes. Sie erfordert eine industrielle Revolution, man kann das gar nicht anders sagen. Sie erfordert alle Kräfte dieses Planeten und sie erfordert vor allem den konsequenten politischen Willen, die Ziele des Pariser Abkommens tatsächlich umzusetzen.

Warum ist es so schwer, auf die Bedrohung angemessen zu reagieren?
Money governs the world. In den fossilen Energieträgern liegen tausende Milliarden Euro, das ist ein Riesengeschäft. Daran hängen natürlich auch sehr viele Arbeitsplätze. Selbstverständlich kann man das nicht von heute auf morgen umstellen. Aber die Schäden, die die Emissionen von fossilen Brennstoffen verursachen, sind in vielen Regionen dieser Welt nicht mehr tragbar. Sie führen zu Ressourcenproblemen und sie können, wenn die Klimakrise andauert, zu Migration führen. Das sind Effekte, die durch unser klassisches industrielles Verhalten nicht mehr zu bewältigen sind. Und schließlich: Die industrielle Revolution der Dekarbonisierung ist DIE ökonomische Chance der 21. Jahrhunderts. Sie wird neue Arbeitsplätze schaffen, sie wird die Lebensgrundlage für die Zukunft sichern und sie wird neue Werte schaffen: die Wertschätzung von Ressourcen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Stocker!