Die klimafreundliche Kuh frisst Gras

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Der Pansen einer Kuh und ihr gesamter Verdauungstrakt – das wissen wir ja eigentlich alle – sind optimal dafür geeignet, Gras, Kräuter und Blätter in Fleisch und Milch zu verwandeln. In früheren, nicht unbedingt besseren Zeiten, als eine Kuh noch hauptsächlich Gras fraß, konnte sie ihre Vorteile bestens ausspielen.

Mit dem Trend zur Hochleistungskuh veränderte sich einiges: Die Milchleistung ist seit den 1950er-Jahren stark gestiegen, Top-Kühe bringen es heute auf mehr als 10.000 Liter pro Jahr. Bei den Fleischrassen zählen die Tageszunahmen. Die Hochleistungen, die Rinder erbringen, werden jedoch teuer erkauft: Kraftfutter mit und ohne Importsoja sind entscheidende Bestandteile des Futters, bei den Milchkühen scheiden die meisten nach dem 5. oder 6. Lebensjahr aus der Produktion, während parallel eine zweite Kuh gut zwei Jahre gefüttert wurde, um den Platz im Milchkarussell zu übernehmen.

Und zudem stoßen diese Wiederkäuer, zu denen auch die landschaftspflegenden Schafe und Ziegen zählen, klimaschädliches Methan aus. Ja, Rinder produzieren Zeit ihres Daseins Methan. Doch während die Methanproduktion der Kuh verteufelt wird, wird ein anderes klimaschädliches Gas kaum thematisiert: In einer intensiv wirtschaftenden Landwirtschaft entsteht beim Einsatz von chemisch-synthetischen Düngern Lachgas. Wer aus Leistungsgründen seine Kühe mit Mais und Soja füttert, produziert in der konventionellen Landwirtschaft also Lachgas, da beim Anbau der Futterbestandteile gedüngt wird.

Lachgas hat, verglichen mit Kohlendioxid (CO2), die 296fache Klimarelevanz, Methan „nur“ die 25fache. Außerdem verbleibt Lachgas 114 Jahre in der Atmosphäre, Methan „nur“ neun bis 15 Jahre. Zudem werden für Mais, Soja und andere Kraftfutter Wiesen und Wälder zu Acker gewandelt, was wiederum klimaschädlich ist.

Grünland ist ein effektiver CO2-Speicher

Ohne Weidetiere gibt es kein Grünland, denn das Grünland braucht den Verbiss, um wieder Wachstumsimpulse zu erhalten. Wird nicht zugebissen, dann reduziert sich das Wurzelwerk, das Grünland wird zumindest teilweise durch Büsche und Bäume verdrängt. Dabei sind Wiesen und Weiden als CO2-Speicher oft unterschätzt in ihrer Wirkung für den Klimaschutz.

Ein Blick auf die CO2-speichernde Wirkung von Böden zeigt: Besonders Moore und Feuchtgebiete sind als sogenannte CO2-Senken wichtig, alsbald folgt das Grasland. Die Wälder binden nur halb so viel Kohlendioxid im Boden wie das Weideland. Zwar hilft jeder Baum beim Kampf gegen den Klimawandel. Doch stirbt der Baum – durch Dürre, Feuer, Motorsäge – dann ist der CO2-Speicher verloren, es sei denn, das Holz wird als Bauholz verwendet. Holzpellets für die Heizung setzen dagegen das ehemals gespeicherte Kohlendioxid wieder frei.

Beim Grasland ist das anders: Die Kuh, oder eben auch die Ziege oder das Schaf, fressen. Damit regen sie das Wachstum der Pflanze bis in die Wurzel an. Dazu noch ein kräftiger Dunghaufen auf die Wiese – so wird der C02-Speicher gestärkt, weil zusätzlicher Humus aufgebaut wird. Das nutzt ebenfalls dem Klima und gleichzeitig der Biodiversität.

Gerne wird argumentiert, dass die reine Weidehaltung mit weniger Produktionsergebnis verbunden sei. Und das wiederum sei noch klimaschädlicher als eine intensive Milchproduktion mit Kraftfuttereinsatz. So reduziert das Kraftfutter als leicht verdauliches Futtermittel den Methanausstoß und sei damit klimafreundlicher. Darauf weisen einige Untersuchungen hin.  

Weidehaltung verbessert die Klimabilanz

Doch Klimaforschung verlangt Denken in Zusammenhängen. In der Gesamtbilanz wirkt sich die Gabe von Kraftfutter negativ auf die Klimabilanz aus. Das ist das Ergebnis von Untersuchungen der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Dort hat man die Milchproduktion verglichen und dabei die drei relevanten Systeme Stallhaltung, Weidehaltung und kombinierte Haltung berücksichtigt. Während bei der Stallhaltung eine nach heutigem Standard optimale Fütterung mit Gras und Maissilage verwirklicht wird, fressen die Tiere auf der Weide weniger, dafür eben mehr Gras und sie bewegen sich auch noch mehr. Zusätzlich wurden auf den Versuchsbetrieben kleinere Tiere mit weniger Milchleistung eingesetzt. Und trotzdem: „Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die positiven Aspekte der Weidehaltung die höhere Zahl an Kühen, die für dieselbe Milchleistung benötigt wird, ausgleichen können.“ Das sagt Prof. Dr. Friedhelm Taube, Sprecher des Forschungsschwerpunktes Ökologische Landwirtschaft und extensive Landnutzungssysteme an der Kieler Universität, Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung. Und weiter: „Je mehr frisches Gras die Kühe fressen, desto geringer ist der CO2-Fußabdruck der Milch.“

Denn in die Berechnung müssen viele Faktoren einbezogen werden: zum Beispiel der Energieaufwand bei der Futterbergung und bei der Gülleausbringung, der Kraftstoffverbrauch und der Einsatz von Kraftfutter. Zudem haben die Kieler Wissenschaftler festgestellt, dass Tiere mit Weidegang oftmals gesünder sind und eine längere Lebensdauer mit entsprechender Milchproduktion aufweisen. Das Weidekleegras auf dem Versuchsbetrieb mache zudem Soja und Raps in den Futterrationen überflüssig.

Rinder sollten möglichst viel der notwendigen Energie aus dem Gras holen können. In der Konsequenz bedeutet das vielleicht weniger Milch und weniger Fleisch, aber das schrumpft letztlich auch die übervollen Märkte. Nur mit den Wiederkäuern können wir große Teile des Grünlandes als Klimasenke erhalten. Almen, Mittelgebirgslagen, aber auch die nährstoffreichen Böden im Norden Deutschlands sind gute Weiden. Allerdings fehlen vielen Hochleistungs-(Rinder)Rassen die Voraussetzungen dafür, mit dem Weidefutter zurechtzukommen. Dafür braucht es passende Tiere und moderne klimaangepasste Zuchtziele. Denn die Kuh kann Klimaretter sein. Wir Bauern wissen das.