Mit dem Weidegarten die Artenvielfalt stärken

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In einem Weidegarten wird die historische Hutweide nachgeahmt – zum Nutzen der Artenvielfalt, jedoch ohne die zugehörigen Weidetiere. Wie kann das gelingen?
Von Dr. Alois Kapfer | Der Autor ist Agraringenieur, Landschaftsökologe und Vorsitzender des Vereins zu Förderung naturnaher Weidelandschaften Süddeutschlands e.V.


Angestoßen durch mein Interesse an Agrargeschichte beschäftige ich mich seit 40 Jahren mit der Rolle von Weidetieren bei der Entstehung der mitteleuropäischen Kulturlandschaften. Um 2010 bot sich mir am Stadtrand von Tuttlingen (Naturraum Schwäbische Alb) die Gelegenheit, die Artenvielfalt eines rund 2.000 Quadratmeter großen, lange Jahre regelmäßig gemulchten Streuobstgartens als „Weidegarten“ zu optimieren.

Der geschichtliche Hintergrund

Pflanzen und Pflanzenfresser sind wesentliche Glieder von Ökosystemen. Sie haben sich in der Evolution über Jahrmillionen miteinander entwickelt. Doch die meisten großen wilden Pflanzenfresser wie Mammut, Wildpferd und Auerochse wurden in Mitteleuropa seit der letzten Eiszeit durch unsere jagenden Vorfahren verdrängt oder ausgerottet.

Vor etwa 7.500 Jahren übernahmen dann die Nutztiere der eingewanderten Ackerbauern diese Rolle in der Kulturlandschaft und schufen eine außergewöhnliche Artenvielfalt. Seit dem Beginn der „aufgeklärten“ Landwirtschaft an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert mit der ganzjährigen Verbannung fast aller Nutztiere in die Ställe nahm die Artenvielfalt allerdings wieder ab. Mit dem Übergang zur industrialisierten Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten ist unsere Biodiversität sogar im „freien Fall“.

Der Weidegarten – Was würde ich als Kuh heute fressen?

Bei der Anlage und Pflege meines Weidegartens versuche ich, die Bewirtschaftung einer historischen Hutweide nachzuahmen und so die Artenvielfalt zu stärken – jedoch ohne die zugehörigen Weidetiere wie Rinder, Pferde, Schafe, Ziegen und Gänse. Im Hutweidebetrieb wurden die Tiere von Hirten beaufsichtigt und im Laufe der Vegetationsperiode in kurzen Abständen und für jeweils kurze Zeit über dieselben Flächen getrieben, ohne dabei die Vegetation vollständig abfressen zu lassen. Es blieb immer ein mehr oder minder großer Rest stehen.

Im Weidegarten erfolgt das Abweiden durch Mähen, wahlweise mit einem gewöhnlichen Rasenmäher oder einem kleinen Balkenmäher. Wichtig ist die unmittelbar anschließende Ernte und Entsorgung des Mähguts (Grünguthof). „Geweidet“ wird vom Frühjahr bis in den Herbst etwa alle ein bis zwei Wochen, je nach Intensität des Aufwuchses. Dabei mähe ich nicht die gesamte Weidefläche ab, sondern nur etwa zehn Prozent der Fläche. Zudem erfolgt die Mahd nicht systematisch, sondern wie bei der Hutweide zufällig (in „Schlangenlinien“) über die gesamte Fläche, nach dem Motto „Was würde ich als Kuh heute wohl fressen?“. Bei einem „Weidegang“ mähe ich sowohl hohe Vegetation, die vorher noch nie „befressen“ wurde, als auch mittelhohe und kurze Vegetation, die vorher vielleicht schon mehrfach „befressen“ wurde.

In der Summe entsteht so ein kleinräumig gestaffeltes Mosaik mit unterschiedlichen Entwicklungsstadien der Pflanzen, wie es für naturnahe Hutweiden typisch ist. Ergebnis der echten wie künstlichen Hutweide ist ein Blütenreigen vom Frühjahr bis in den Herbst, der blütenbesuchenden Insekten ein durchgehendes Nahrungsangebot gewährleistet. Auch Vögel und Kleinsäuger schätzen die kleinteilige, überschaubare Raumstruktur.

 

Naturbelassener Dung – ein rares Gut

Wo gefressen wird, fällt regelmäßig Dung an. In naturnahen Ökosystemen ist Dung eine begehrte Ressource, zum Beispiel für Insekten und damit auch für die weiteren Tiergruppen in der Nahrungskette. Um dieses Gut auch im Weidegarten bereitstellen zu können, sammle ich alle zwei bis drei Wochen zwei bis drei Eimer Dung auf einer naturnahen, extensiv mit Robustrindern betriebenen Auen-Stand¬weide. Ich sammle sowohl tagesfrischen, also noch nicht oder nur wenig von Insekten besiedelten Dung, als auch etwas älteren, schon stärker besiedelten Dung, den ich noch am gleichen Tag in Form künstlicher, möglichst nahe am Original orientierter Dunghaufen nach dem Zufallsprinzip ausbringe. Dabei ist entscheidend, dass die produzierenden Weidetiere nicht vorbeugend mit Tierarzneimitteln zur Parasiten¬bekämpfung behandelt wurden, da diese auch die „guten“ Insekten im Kot und im Boden abtöten.

Ressourcen für Insekten: Weidesträucher, Trittstellen und Totholz

Nicht schmackhafte, giftige und mit Stacheln und Dornen bewehrte Pflanzen werden auf einer Hutweide nur zeitweise, wenig oder gar nicht gefressen. Deshalb machen diese Arten auf Hutweiden einen wesentlichen Bestandteil aus, was wiederum daran angepassten Tierarten zugutekommt. Im Weidegarten schone ich diese Arten gezielt, zum Beispiel Orchideen und Disteln. Zusätzlich habe ich typische Weidesträucher wie Weißdorn und Wacholder gepflanzt.

Weidetiere wälzen sich regelmäßig zur Fellpflege auf dem Boden und treten an Tränken, Trittwegen und Hangkanten den Boden frei. Diese Stellen sind für Insekten wie Schmetterlinge und Wildbienen wichtige Nahrungsressource (Mineralien) oder Lebensraum. Im Weidegarten imitiere ich dies durch regelmäßiges, kleinflächiges Aufgraben des Bodens sowie durch Anlage von Sand-, Lehm- und Tonhaufen.

Alte, naturnahe Weidelandschaften wie Hutewälder weisen typischerweise einen hohen Anteil an alten „Hutebäumen“ sowie stehendem und liegendem Totholz auf, das für bestimmte Insekten einen zentralen Lebensraum darstellt. Im Weidegarten imitiere ich diese Ressource durch Totholzhaufen und künstliche Weidepfosten aus starken Ästen frisch gefällter, nicht entrindeter Bäume.

Weniger Pflegeaufwand, mehr Artenvielfalt

Da die Arbeit im Weidegarten eher regelmäßig und kleindosiert anfällt, ist sie leichter als die in einem klassischen Rasengarten zu bewältigen. Die Wüchsigkeit der Vegetation lässt durch die Ausmagerung des Bodens im Laufe von fünf bis zehn Jahren spürbar nach; so wird auch der Pflegeaufwand immer geringer. Besonders wichtig ist es, schon sehr früh im Jahr mit der „Weide“ zu beginnen, wenn das Gras erst wenige Zentimeter, maximal bis zu Bierkrug-Höhe, aufgewachsen ist. So werden pflanzeninterne Nährstoffe besonders effektiv entzogen.

Mit der Entwicklung zu einem Weidegarten ist mein Garten noch viel interessanter als früher geworden. Ständig gibt es neue, von selbst auftauchende Tiere und Pflanzen zu entdecken. Durch die regelmäßigen Besuche auf der echten Weide, wo die Tiere mich schon gut kennen, fühle ich mich noch intensiver mit der Landschaft, meiner Umwelt, verbunden.

Verein zu Förderung naturnaher Weidelandschaften Süddeutschlands e.V.

Der 2017 gegründete Verein setzt sich mit Fachtagungen, Exkursionen, politischen Stellungnahmen und Abgeordnetengesprächen dafür ein, die naturnahe Beweidung als zentrale Strategie für den Schutz von Natur und Landschaft Mitteleuropas wieder in Politik und Gesellschaft zu verankern.