Live aus dem Pansen

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Ein Abend außer Haus, ein Kurz- oder auch mal ein längerer Urlaub … Derartige Pläne führen bei Betriebsleitern oftmals zu Kopfzerbrechen. Im Urlaub angekommen, schweifen die Gedanken immer wieder ab in den Stall. Geht alles gut? Wird Kuh Elsa wie erwartet kalben? Kommt es nach der Kalbung wieder zu Schwierigkeiten? Sind meine Mitarbeiter oder der Betriebshelfer ausreichend geschult? Haben sie den Blick und das Feingefühl, um die Situationen gekonnt einzuschätzen? Es ist schwer, als verantwortungsbewusster Landwirt abzuschalten und die Ruhe zu genießen. 

Gerade für uns ökologisch wirtschaftende Bauern ist es eine Herausforderung, präventiv zu handeln und lösungsorientierte Systeme zu erschaffen. Mit dem Einsatz neuester Technologien - auch im Kuhstall - wächst der Wunsch vieler Landwirte, Krankheiten frühzeitig zu erkennen oder aber einen möglichen Abkalbezeitpunkt einzugrenzen. Zudem ist es hilfreich, die nächste Brunst zu erkennen, um einen optimalen Zeitpunkt für die künstliche Besamung zu erhalten. Viele Systeme sind auf dem Markt, die zum Beispiel die Bewegungen oder die Wiederkauaktivitäten der Tiere messen, und dadurch eine verbesserte Brunsterkennung und verringerte Besamungs- und Behandlungskosten versprechen.

Das „Kuh-Versteh-System“

Die österreichische Firma SmaXtec wurde 2018 zum zweiten Mal auf der EuroTier ausgezeichnet und erhielt den Innovation Award für deren „Kuh-Versteh-System“. Die Besonderheit dieses Systems liegt in der Art, wie die Daten erhoben werden. Während sich andere Methoden auf äußerliche Messergebnisse, beispielsweise durch Transponder, Responder oder den sogenannten „Moocall“ (ein Abkalbe-Sensor, der die Bewegungen des Schwanzes misst) stützen, forschte die Firma SmaXtec an anderer Stelle.

Den Kühen wird oral ein Boli verabreicht, der aufgrund seines Eigengewichts in der Haube des Pansens verbleibt. Ein Verlust des Boli ist ausgeschlossen und es müssen auch keine anderen Wartungen oder Anpassungen vorgenommen werden. Der Boli, von dem es zwei Varianten gibt, erkennt dann eine herannahende Brunst oder Abkalbung. Ebenfalls erfasst er den Trink- und Temperaturzyklus, die Gesundheitsüberwachung und wenn gewünscht den pH-Wert innerhalb des Pansens.

Hierzu werden alle zehn Minuten Datenpunkte aus der Kuh an das Sensorsystem übertragen. Zusätzlich zu den Sensoren im Boli übernimmt ein sogenannter „Climate Sensor“ die Messung der Außentemperatur und Luftfeuchtigkeit im Stall. Diese gebündelten Daten gelangen über eine Base-Station in die sogenannte SmaXtec-Cloud auf das Smartphone oder Tablet oder aber auf den herkömmlichen PC des Betriebsleiters, der vorab die entsprechende App installiert hat. Mit Hilfe der integrierten Internetverbindung und der Möglichkeit, diese über einen Repeater zu verstärken, ist die Installation einfach über eine Steckdose möglich und an die Größe des Stalls anpassbar. 

Vereinbarkeit mit Weidehaltung?

Natürlich stellt sich für uns Biokreis-Betriebe die Frage, ob sich dieses System mit unseren Richtlinien und der darin vorgeschriebenen Weidehaltung vereinbaren lässt. Das SmaXtec- Team hat eigens für die weidehaltenden Betriebe einen Algorithmus entwickelt, der es ermöglicht, die Kühe auch bei ganztägiger Weidehaltung im Blick zu haben. Zu diesem Zweck kann außerdem ein solarbetriebenes Auslesegerät angebracht werden. Um ein funktionierendes System zu gewährleisten, wird dem Landwirt nach einem ausführlichen Gespräch und Betriebsbesuch eine individuelle Lösung angeboten. 

Die Daten einer jeden Kuh werden in Echtzeit in der zentralen Informationsplattform- SmaXtec-Cloud gespeichert. Die Mitarbeiter von SmaXtec schalten sich bei Bedarf per Fernwartung auf die Geräte ein und unterstützen die Betriebe dann individuell mit Handlungsempfehlungen. Durch die Verwaltung der Daten am Handy ist die Überwachung oder Kontrolle der Herde und des Einzeltieres von überall möglich - auch aus dem Urlaub oder vom Feld. Außerdem können die Daten für Hoftierarzt, Mitarbeiter oder Berater freigegeben und gemeinsam ausgewertet werden. 

Die Sensoren senden regelmäßig Auffälligkeiten an das Smartphone des Landwirts, wodurch dieser die Möglichkeit bekommt, schnellstmöglich zu agieren und beispielsweise Kühe rechtzeitig in die Abkalbebox zu bringen, Vorkehrungen zu treffen oder aber auf eine entstehende Mastitis zu kontrollieren. Beim Öffnen der App erscheint eine Maßnahmenliste, die direkt anzeigt, welche Tiere genauer beobachtet werden sollten oder auch, wie der Fruchtbarkeitszustand der Herde ist. 

Beispiele :
  • Frischwasser ist speziell für Milchkühe von äußerster Bedeutung und sollte immer gut überwacht werden. Eine gute Wasserversorgung führt in der Regel auch zu einer guten Futteraufnahme. Wenn eine Kuh Wasser zu sich nimmt, beginnt der Boli zu schwimmen. Diese Trinkzyklen werden erfasst. Bei plötzlichen Änderungen im Trinkverhalten wird der Landwirt diesbezüglich alarmiert und bekommt den Hinweis, dass eine schwere Erkrankung, etwa eine Klauenerkrankung, vorliegen kann oder aber bei vermehrten Meldungen innerhalb der Herde die Möglichkeit der Trinkwasserverschmutzung.

 

  • Bei einer herannahenden Brunst erkennt das System charakteristische Veränderungen im Bewegungsmuster einer Kuh und sendet dem Landwirt mit Hilfe einer Push-Nachricht auf dem Smartphone oder per E-Mail ein berechnetes Besamungsfenster. Das Besamungsfenster beginnt etwa acht Stunden nach Erreichen der Hauptbrunst und begünstigt die Nutzung des optimalen Besamungszeitpunktes, wodurch eine verbesserte Konzeptionsrate und verkürzte Güstzeit erreicht werden kann.

 

  • Vor der Kalbung: Die App löst einen Piepton aus, verbunden mit dem Hinweis, eine Kuh wird kalben. Dies hat das System durch die typische Absenkung der Körperinnentemperatur einige Stunden vor der Geburt erkannt. Weil auf dem Betrieb bekannt ist, dass diese Kuh immer wieder Probleme mit Milchfieber hat, ist es jetzt möglich, frühzeitig mit Calcium auszuhelfen und einer Gebärparese vorzubeugen. Im Urlaub genügt ein Anruf, um die weitere Vorgehensweise mit dem Betriebshelfer abzusprechen. Kurze Zeit später informiert idealerweise eine SMS darüber, dass es Kuh und Kalb gut geht. Der Urlaub kann in vollen Zügen genossen werden …

 

Die Autorin Dörthe Gronemeyer ist Geschäftsführerin des Biokreis Erzeugerrings NRW.