Zwei Seelen in der Bauernbrust

Markus, Wolfgang, Josef, Josef jun. und Rosemarie Liebl teilen ihren Hof mit 29 behinderten Menschen.

Fühlt Ihr Euch noch als Bauern? – Rosemarie (62) und Josef Liebl (66) brauchen keine Sekunde überlegen. Beide nicken. „Es ist ein wichtiger Teil von uns.“ Die zwei Niederbayern aus Velden an der Vils leben seit mehr als 40 Jahren gemeinsam auf dem elterlichen Hof von Josef, hier haben sie ihre drei Buben großgezogen, sie haben Schweine, Kühe und Ziegen gehalten und stets neun Hektar Land bewirtschaftet. Heute sieht es hier anders aus. Auch wenn Alpakas, Pferde, Esel, Ziegen, Sikahirsche und Lamas den Hof besiedeln – die Tiere sind nicht mehr diejenigen, um die sich die Liebls vorrangig kümmern. Im Jahr 2002 wurde auf dem Hof die „Wohngemeinschaft am Giglberg“, eine Einrichtung der Behindertenhilfe, eröffnet. Inzwischen haben hier 29 Menschen mit geistigen und psychischen Behinderungen ein Zuhause gefunden.

Neue Wege gehen – darin sind Rosemarie und Josef Liebl Meister. Bereits 1980 stellten sie auf Bio um, 1984 traten sie dem Biokreis bei. Während eines Klinikaufenthalts hatte sich Josef in einer Zeitschrift aus dem Krankenhauskiosk über ökologische Landwirtschaft informiert. „Die Fakten haben mich zum Umdenken bewegt“, erinnert er sich. Seinen im Nebenerwerb geführten Betrieb wollte er fortan unbedingt biologisch führen. Und dafür ließ er sich vieles einfallen und zeigte eine bewundernswerte Flexibilität und Durchhaltekraft.

Von der Fabrik in die Betreuung

Seinen konventionellen Milchviehbetrieb mit intensiver Schweinehaltung stellte Josef auf Ziegen um. Er erzeugte selbst Käse, baute vermehrt Gemüse an und fuhr viel auf Märkte, um seine Produkte direkt zu vermarkten. Nebenbei arbeitete das Ehepaar in einer Fabrik. Doch dann ereignete sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Der Käse der auf der Weide gehaltenen Ziegen konnte nicht mehr verkauft werden. Die Liebls mussten die Ziegenhaltung aufgeben. Man versuchte es schließlich mit Mutterkuhhaltung, nebenbei arbeitete Josef am Flughafen, Rosemarie weiter in der Fabrik. Das Konzept lief gut – bis die Rinderkrankheit BSE ausbrach: das Aus für die Mutterkuhhaltung. 

Rosemarie hatte die Arbeit in der Fabrik satt. An einem Tag, als der Frust besonders groß war, setzte sie sich ins Auto und fuhr los. „Ich weiß im Nachhinein nicht mehr warum, aber ich landete in einem nahen Heim für Menschen mit Behinderungen. Ich fragte dort einfach nach Arbeit und bekam eine Stelle als Hilfskraft.“ Damit begann ein Wendepunkt im Leben der Liebls. Beide kamen fortan in Kontakt mit behinderten Menschen, begriffen nach und nach, dass diese ihnen am Herzen liegen. Sie arbeiteten beide in der Betreuung, absolvierten berufsbegleitend gemeinsam eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger und ahnten damals noch nicht, dass sie damit ihre Landwirtschaft zukunftsfähig machen würden.

Selbstversorgung und Therapietiere

„Ich hätte die Landwirtschaft nie aufgegeben“, sagt Josef Liebl, „heute bin ich froh, dass sie auch anderen Menschen nützt.“ Der Leiter der Berufsschule motivierte die beiden Absolventen damals, auf ihrem Hof ein Wohnheim für Menschen mit Beeinträchtigungen zu schaffen. Der nahen Werkstätte, wo diese Menschen einen Arbeitsplatz finden, fehlten Wohnplätze. Nach vielen bürokratischen Hürden und mehreren Konzepten und Anläufen konnte 2002 die Wohngemeinschaft am Giglberg eröffnet werden. „Unser Hof wurde damit zu einer runden Sache“, meint auch die stellvertretende Heimleiterin Rosemarie, „die Wohngemeinschaft trägt die Landwirtschaft.“ 

Erzeuger sind die Liebls seither nicht mehr. Doch das angebaute Gemüse und die Eier dienen der Selbstversorgung, die auf dem Hof beheimateten Tiere fungieren quasi als Therapietiere. Vor zwei Jahren wurden sogar noch sechs Hektar Land dazu gepachtet. „Wir helfen alle zusammen“, sagt Adrian (29) aus Schmidham, der seit zwölf Jahren auf dem Giglberg lebt, „ich mähe mit Rosemarie den Rasen, jäte Unkraut und gebe den Hasen frisches Gras.“ Auch in seiner Arbeit in den nahen Höhenberger Werkstätten ist er in der Landwirtschaft tätig. Nicole (28) lebt seit neun Jahren in der Wohngemeinschaft. „Es gefällt mir gut hier, weil alle so nett zu mir sind.“ Sie freut sich stets darauf, die Tiere zu füttern. In den Werkstätten arbeitet sie in der Küche, auch hier in ihrem Zuhause hilft sie gerne beim Kochen. Wie die meisten fährt sie alle zwei Wochen nach München zu ihrer Mutter.

Neue Ideen für die Landwirtschaft

Zwischen 19 und 63 Jahre alt sind die 29 Bewohner auf dem Giglberg. Das Besondere: Sie sollen ihr ganzes Leben hier verbringen können, also nicht irgendwann weiterziehen in ein Altenheim. 35 Mitarbeiter, die 16,5 Vollzeitstellen ausfüllen, kümmern sich um ihr Wohlergehen. „Unsere Devise lautet: Hilf mir, es selbst zu tun!“, erklärt Josef Liebl die Hauptaufgabe der Betreuer in seinem Haus. Zu denen gehören auch die drei Söhne Markus (43), der die Heimleitung übernommen hat, Wolfgang (38) und Josef (30), an den erst im vergangenen Monat die Landwirtschaft übergeben wurde. Alle drei haben freiwillig, wie Rosemarie betont, den Beruf des Heilerziehungspflegers erlernt. Dienstbeginn ist um 6 Uhr früh mit der Unterstützung bei der Morgenhygiene. Nach und nach frühstücken die Bewohner im Frühstücksraum: Zwischen 6.30 und 8 Uhr werden sie von Bussen abgeholt und in ihre Werkstätte gebracht. Tagsüber ist es eher ruhig auf dem Hof. Nur wer krank ist oder Urlaub hat, ist daheim. Der Rest kommt erst gegen 16.30 zurück. Nach einem gemeinsamen Kaffee gehen die einen zum Kochen, die anderen in den Stall. Um 19 Uhr wird gemeinsam zu Abend gegessen. Nach der begleiteten Abendhygiene um 21 Uhr gehen die Betreuer heim. Nachtbereitschaft haben Rosemarie und Josef, die sich gleich hinter dem Wohnheim ihr „Austragshäusl“ gebaut haben.

Josef ist seit Kurzem in Rente. Lange hat er es schwer gehabt als Bauer und Biobauer, heute genießt er es, sich zurückziehen zu können auf seine ruhige Terrasse, von wo aus er den Blick über die Wiesen und den Wald schweifen lässt, und schnell wieder inmitten der Menschen zu sein, für die er der „Hausvater“ oder „Vater Josef“ geworden ist. „Die Tiere, die Atmosphäre, die Freiheiten – das ist es, was die Menschen zu uns auf den Giglberg zieht“, weiß er um die Attraktivität seines besonderen Wohnheims. Freie Plätze gibt es nicht. Wer hierherziehen möchte, muss sich inzwischen auf eine Warteliste setzen lassen. Vergrößerung ist allerdings keine Option mehr für die Zukunft: „Da ginge das Familiäre verloren“, meint Rosemarie. Doch durchaus gehen auch den Söhnen der Liebls Zukunftsgedanken im Kopf herum. Der Wiederaufbau einer Mutterkuhhaltung mit Direktvermarktung, Bewohner, die hier auf dem Hof landwirtschaftlich arbeiten könnten… Neue Wege stehen auf dem Hof in Giglberg noch viele offen.