Zucker aus der Ferne

Mithilfe von Maultieren wird Zuckerrohr transportiert. | Bild: Jonathan Lopez, Fairtrade Deutschland

„Regional“ – bezüglich dieser Anforderung macht die Bio-Branche beim Zucker meist eine Ausnahme. Laut Experten (siehe Interview S. XX) ist etwa 80 bis 90 Prozent des in Deutschland abgesetzten Bio-Zuckers Rohrzucker. Viele Verbraucher*innen bevorzugen den bräunlichen Exoten, der durch die an den Zuckerkristallen haften gebliebenen Melasse-Rückstände eine leichten Karamellgeschmack hinterlässt. Dieser wird aus dem Zuckerrohr gewonnen, ein Gras mit vier bis sechs Zentimeter breiten Stängeln, in denen der Zuckersaft fließt. 

 

Bereits im 5. Jahrhundert wurde das Zuckerrohr in Indien landwirtschaftlich genutzt. Kreuzfahrer brachten den daraus gewonnenen Zucker über Venedig nach Europa. Lange Zeit galt er als Luxusartikel. Eine weite Reise nimmt der Rohrzucker auch heute noch auf sich, wenn er aus fernen Ländern wie Brasilien, Kuba, Mauritius, USA, Südafrika, Australien und den Philippinen nach Europa importiert wird. Noch heute ist Zucker eines der wichtigsten Handelsprodukte weltweit. Doch die Zuckerrohr-Kleinbauernfamilien in den sogenannten Entwicklungsländern arbeiten meist unter prekären Bedingungen. Oft können sie nicht einmal ihre Produktionskosten decken und leben daher in Armut. 

 

Umstrittene Zucker-Politik

Laut der Organisation Fairtrade führt die EU-Zuckerpolitik zu einer schwierigen Konkurrenzsituation zwischen europäischen Zuckerproduzent*innen und Kleinbauernfamilien aus Afrika, Asien und Lateinamerika, deren Existenzgrundlage vom Zuckeranbau abhängt. Die neue EU-Zuckermarktverordnung, die 2017 in Kraft trat, habe die Lage noch verschlimmert. Seit 1967 wurde in der EU der Zuckermarkt einer Marktordnung unterworfen. Fast 50 Jahre lang wurden Quoten und Preise für Zuckerrüben über diese geregelt. Mit dem Fall dieser Verordnung vor drei Jahren wurde der weltweite Wettbewerb angeheizt. „Gerade Kleinbauernfamilien hatten und haben das Nachsehen: Sie besitzen in der Regel nur geringe Anbauflächen und können dem Preisdruck wettbewerbsstarker Konkurrenz aus Brasilien oder der EU nicht standhalten. Der intensive Wettbewerb, Wetterschwankungen und eine starke Preisvolatilität des globalen Zuckermarktes setzen den Kleinbauern und -bäuerinnen zu“, erklärt Hannah Radke von Fairtrade Deutschland.

 

Eine Zuckermühle presset den Saft aus dem Zuckerrohr. | Bild: Juan Manoz, Fairtrade Deutschland

Schutz für Mensch und Umwelt

Wer auf braunen Rohrzucker zurückgreift, sollte sich für fair produzierten Zucker entscheiden. Die Stärkung von Kleinbauern, Kleinbäuerinnen und Arbeiter*innen ist ein wichtiges Ziel der Organisation Fairtrade. Deren Kooperativen organisieren sich in demokratischen Gemeinschaften. Auf Plantagen werden sie in gewerkschaftlicher Organisation gefördert. Sie haben geregelte Arbeitsbedingungen, ausbeuterische Kinderarbeit und Diskriminierung sind verboten. Wer dagegen verstößt, dem wird der Fairtrade-Status aberkannt. Fairtrade-Zuckerkooperativen bringen viele Vorteile für die Erzeuger*innen: höhere Verhandlungsmacht, die Möglichkeit gemeinschaftlicher Anschaffungen, einen vereinfachten Zugang zu Finanzierung und gegenseitiges Lernen und Austausch.

 

Nicht nur der Mensch, auch die Umwelt soll beim Anbau des Zuckerrohrs geschont werden. Der Schutz natürlicher Ressourcen, das Verbot gefährlicher Pestizide und gentechnisch veränderten Saatguts sowie die Förderung des Bio-Anbaus sind wichtige Grundlagen von Fairtrade. Auch konkrete Anforderungen an Händler*innen und Hersteller*innen gibt es. Dazu gehören die Bezahlung von Fairtrade-Mindestpreisen und Fairtrade-Prämien, der Nachweis über Waren- und Geldfluss, Richtlinien zur Verwendung des Siegels, transparente Handelsbeziehungen und Vorfinanzierung. Die Fairtrade-Standards beinhalten immer – egal um welches Produkt es sich handelt – eine Fairtrade-Prämie. „Oft reicht das Einkommen nicht, um die Familien zu versorgen oder um Arbeitskräfte zu bezahlen, geschweige denn, um die Produktionskosten zu decken. Auch notwendige Investitionen in nachhaltige Produktionspraktiken sind ohne finanzielle Aufschläge wie die Fairtrade-Prämie kaum möglich. Sie umfasst einen Preisaufschlag von 60 US-Dollar pro Tonne Zucker. Diese können Produzent*innen in Gemeinschaftsprojekte wie Bildung, den Ausbau von Transportwegen oder eben in nachhaltige Produktionspraktiken investieren“, so Hannah Radke. 

 

Im Jahr 2019 lag der Anteil von Bio-Fairtrade-Zucker bei abgepacktem Fairtrade-Haushaltszucker bei 12 Prozent. Für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ist die Umstellung auf Bio mitunter schwierig. Oft sinken die Erträge in den ersten Jahren. Einige Produzent*innen besitzen zu wenig Land, um den wirtschaftlichen Verlust auffangen zu können. Auch Mindestabstände zu Nachbargrundstücken, die konventionelle Landwirtschaft betreiben, können nicht immer eingehalten werden. „Gerade aus wirtschaftlichen Gründen ist Fairtrade daher oft der erste Schritt auf dem Weg zu einer Bio-Zertifizierung“, erklärt Hannah Radke. Ein Drittel der Fairtrade-Standards für Kleinbauernfamilien beziehen sich auf den Schutz der Umwelt, wodurch viele im Bio-Anbau geforderte Kriterien bereits eingehalten werden. Fairtrade fördert die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft außerdem aktiv mit der Zahlung eines Bio-Aufschlags. Pro Tonne Zucker erhalten Produzent*innen 20 US-Dollar – zusätzlich zur Prämie und unabhängig von den Rohstoffpreisen. 

 

Rückverfolgbarkeit und Mengenausgleich

Wird der Zucker in jeder Phase der Produktion von nicht-zertifiziertem Zucker getrennt weiterverarbeitet und gehandelt, so ist er physisch rückverfolgbar. Als entwicklungspolitisches Instrument der Armutsbekämpfung ist laut Fairtrade-Standards auch die indirekte Rückverfolgbarkeit im Rahmen eines Mengenausgleichs erlaubt: Zuckerrohr wird von Fairtrade-Bauernfamilien geerntet und kann bereits am Produktionsort im globalen Süden oder während des Verarbeitungsprozesses im globalen Norden mit nicht-zertifiziertem Zucker gemischt werden. Hintergrund ist, dass das geerntete Zuckerrohr rasch verarbeitet werden muss. Die Bauernfamilien sind daher auf lokale, große Produktionsanlagen angewiesen, welche die oftmals nur geringen Fairtrade-Mengen mahlen. Im globalen Norden wiederum würde ein erheblicher logistischer Mehraufwand entstehen, würde man den Mengenausgleich dort nicht auch zulassen. Der Mengenausgleich stellt sicher, dass sich die eingekaufte und verkaufte Menge an Fairtrade-Produkten in der gesamten Lieferkette entspricht. Der Waren- und Geldfluss wird schriftlich dokumentiert und von einer Kontrollorganisation unabhängig überprüft. Der Hinweis „Mengenausgleich“ ist auf der Verpackung vermerkt.

 

Quellen: Fairtrade, Wikipedia, Wirtschaftliche Vereinigung Zucker e.V.