Machst Du mir den Hof?

Bildquelle: pexels

Liebe in der Landwirtschaft – ist sie noch komplizierter als anderswo? Fast scheint es so, wenn man die zahlreichen Partnerbörsen für Bauern und Bäuerinnen im Internet, etliche Kontaktanzeigen in Zeitungen und sogar extra TV-Formate, in denen Landwirt*innen ihre*n Traumpartner suchen, beachtet. Einer, der vor vielen Jahren in der ersten Staffel von „Bauer sucht Frau“ nach seiner Herzensdame suchte, war Biokreis-Bauer Karl Preissler (54) aus Hinterschmiding im Landkreis Freyung-Grafenau (Niederbayern). 

 

Früh heiraten, gemeinsam den Hof übernehmen, Kinder bekommen – Stationen, die das Leben vieler Landwirt*innen in geregelte Bahnen lenken. Karl Preissler hat eine solche Kontinuität in seinem Leben nicht erfahren. Auf und ab ging es, mit den Frauen, mit dem Hof, mit dem Leben … Erst mit 46 Jahren wurde ihm der elterliche 30-Hektar-Betrieb übergeben, zu denen noch 40 Hektar Naturschutzfläche und 15 Pacht-Hektar hinzukommen. Von klein auf hat er hier gearbeitet, hat den heruntergewirtschafteten Hof aufgebaut, den der Vater mit seinem Holzfuß und die Mutter mit sechs Kindern nur noch notdürftig betreiben konnten. „Ich hatte lange Zeit keinen Besitz und keine Planungsmöglichkeiten“, erklärt er, „das sind schlechte Voraussetzungen, um zu heiraten und eine Familie zu gründen.“ Freundinnen hatte er immer wieder. Die erste Liebe – zwei Jahre lang ließ sie ihn auf Wolke sieben schweben. Als Kind habe er wenig Elternliebe erfahren, daher habe ihn die erste Liebe umgehauen. Aber sie ging weg, die Liebe, wie so oft. Wohin, das weiß er nicht. Karl Preissler schaut in die Ferne, als würde er immer noch nach ihr Ausschau halten. Denn erfahren hat er sie so danach nie wieder.

„Bauer sucht Frau“: Inszenierung mit Hallodri

Es sei nie leicht gewesen, Frauen kennen zu lernen. Dass er Bauer sei, habe er oft gar nicht erst gesagt, „da hätte ich gar kein Land gesehen“, meint er. Leidenschaftlich gern ging er tanzen, aber er sei keiner gewesen, der die Frauen in der Diskothek angesprochen habe. Sex und Liebe – eigentlich gehören sie für ihn zusammen. Wenn zwei nicht zueinander passen, sauge einem der Sex nur Energie heraus. Auch das hat er erlebt. 

 

2005 suchte RTL Teilnehmer für die Sendung „Bauer sucht Frau“. Ein Bekannter riet ihm, sich zu bewerben. Karl kannte nicht einmal den Sender – er hatte ja daheim nur fünf Programme. Und er konnte nicht abschätzen, was auf ihn zukommen würde. Eine ganze Woche lang wurde 70 Stunden auf seinem Hof, im Stall mit dem Milchvieh, im kleinen hofeigenen Bioladen gedreht. Nur noch vier Stunden pro Nacht kam er zum Schlafen. Mehr als 100 Zuschriften erhielt er nach der Ausstrahlung. Die Dates allerdings folgten erst ein Jahr später – da hatte er gerade eine Freundin. Unter vier Blondinen, die ihm auf Video gezeigt wurden, durfte er damals wählen, obwohl er ausdrücklich keine Blonde wollte, weil er sich mit den Blonden nie gut verstanden habe. Er nahm am Ende die, die am weitesten weg wohnte, in Hamburg, die würde ihm nicht zu nah kommen. „Geschnitten wurde das Filmmaterial so, dass nichts mehr aussah wie es wirklich gewesen ist. Ich habe mich geschämt, bin nur noch in den Wald gegangen“, erzählt Karl Preissler. „Sie brauchten in dem Format einfach einen Hallodri, und dafür wählten sie mich.“

Scheidepunkt: Geld und Arbeit

Ein Hallodri wollte er nicht bleiben. Mit 44 schließlich wurde der Kinderwunsch sehr groß. Mit der Vaterschaft klappte es, mit der Beziehung trotz vieler Bemühungen nicht. Sieben Jahre später wurde er noch einmal Vater, auch diese Beziehung blieb problematisch. „Ich arbeite viel in der Landwirtschaft. Da mein Vater körperlich massiv beeinträchtigt war, mussten wir Buben auf dem Hof arbeiten, die Mädchen im Haushalt“, erinnert er sich. Dass er viel arbeite, dass er wenig im Haushalt könne, das störe die Frauen. Und dass er ein Waldler sei, der gar nicht anders kann, als zu sagen, was er denkt, auch das störe die Frauen. Aber auch ihn stört vieles an den Frauen und an den Menschen überhaupt: „Den meisten geht es darum, viel Geld zu haben und wenig zu arbeiten. Das passt nicht zu mir.“ Seine tiefe Verbundenheit zur Natur und zu seinen Tieren – das ist es, was er mit einem Menschen teilen möchte. Gemeinsam seinen Hof zukunftsfähig zu machen, für die Gesundheit dieser Erde eintreten, eine gemeinsame Ideologie entwickeln … Karl Preissler ist nicht nur ein Hallodri. Er sagt diese Worte ausdrucksstark, mit enthusiastischer und zugleich ruhiger Stimme. Er hält inne und blickt einem offen in die Augen. Auch als er hinzufügt, dass er diesen Traum aufgegeben hat. Irgendwas passt immer nicht. Als er auf einer Plattform für Ökos eine Frau kennen lernt, von der sich schließlich herausstellt, dass sie zu den Hare-Krishnas gehört und Pfannkuchen ohne Eier macht, ist es wieder mal vorbei für ihn.

 

Er hat neue Pläne für die Zukunft geschmiedet. Eine SoLaWi auf seinem Hof schwebt ihm vor – wie in Tempelhof, mit gemeinschaftlicher Landwirtschaft und Wohnen. Den Hof nur für sich bewirtschaften und im Alter allein sein möchte er nicht. Er will seinen Kindern was hinterlassen. Auch wenn die Liebe nicht in sein Leben passt, die Vaterliebe, die er selbst nicht bekommen hat, geht ihm über alles. Und ein Gutes habe das Leben ohne die Liebe zu einer Frau: Die Angst sei weniger. Er habe viele Freunde sterben sehen in den vergangenen Jahren. „Das tut weh. Wenn man liebt, hat man auch immer Angst, dass der geliebte Mensch sterben könnte.“ 

 

Liebe ist … Liebe ist … Diesen Satz sollte Karl Preissler einst für RTL zu Ende führen. Noch heute sagt er: „Liebe ist, wenn man für einen Menschen sterben würde.“

 

von Ronja Zöls-Biber