„Jede Generation braucht ihren eigenen Herd!“

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Jung, weiblich, Landwirtin – seit Kurzem sitzt die 24-jährige Lisa Lemke im Vorstand des Biokreis Erzeugerring Nord-Ost. Sie lebt in Wittstock im Landkreis Ostprignitz-Ruppin im Nordwesten von Brandenburg auf dem Hof ihrer Eltern, wohin sie nach dem Studium der Agrarwissenschaften in Rostock zurückgekehrt ist. Ursprünglich 1998 als Agrar- und Gartenbaubetrieb gegründet, betreiben die Lemkes ihren Betrieb seit 2011 in vollem Umfang als Bio-Hof mit rund 6.000 Hühnern, einer eigenen Eierpackstelle und der Aufzucht von Gemüsejungpflanzen und Kräutern. Im „Tischgespräch“ erzählt Lisa vom Einkaufen und Kochen, ihrer Stellung im Betrieb und der Rolle der Frauen in der Landwirtschaft.

 

Lisa, Bio-Lebensmittel haben mit Corona einen enormen Aufschwung erfahren. Kannst Du das nachvollziehen?

Ja, denn ich selbst habe auch mein Einkaufsverhalten geändert. Viele Verpflichtungen fielen plötzlich weg, so dass mehr Zeit und Ruhe blieb, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Für mich persönlich fiel diese Zeit mit meiner Rückkehr in mein Elternhaus zusammen und bedeutete daher auch gleichzeitig einen Neubeginn. Ich koche öfter, wähle gesündere Lebensmittel und frage mich beim Einkauf: Was kaufe ich? Woher kommt es?

 

Wer kocht bei Euch zu Hause und wer isst mit?

Aufgrund der Berufstätigkeit meiner Mutter kocht unter der Woche meine Oma, die auch auf dem Hof lebt. Diejenigen Personen, die zur Mittagszeit zu Hause sind, nehmen dann die Mahlzeit gemeinsam am Tisch ein. Zumeist sind das mein Vater, meine Oma und ich. Am Wochenende hingegen kochen meine Mutter oder ich, gerne auch gemeinsam, und Oma isst bei uns mit. Dabei probiere ich mich oft an neuen Rezepten aus. Ich erinnere mich aber auch noch an die Zeit, als vier Generationen bei uns daheim zusammen an einem Tisch saßen, neben meiner Schwester und mir war unsere Uroma als ältestes Familienmitglied dabei.

 

Du bist erst vor Kurzem zurück auf den Betrieb Deiner Eltern gekommen. War das immer klar für Dich, dass Du nach dem Studium hier in der Landwirtschaft arbeiten wirst?

Für mich war eigentlich von Kindertagen an klar, dass ich den Betrieb weiterführen möchte. 

Nach dem Abitur war ich jedoch vielseitig interessiert und fing nach einem einjährigen Auslandsaufenthalt in Neuseeland zunächst ein Studium der medizinischen Biotechnologie an.

Erst dann habe ich gemerkt, dass ich doch zurück zu den Wurzeln will und wechselte den Studiengang auf Agrarwissenschaften. Dass ich allerdings schon so bald wieder daheim sein werde, war nicht vorherzusehen. Eigentlich wollte ich noch den Master absolvieren, aber aufgrund der Corona-Pandemie hat mir das Studieren keinen Spaß mehr gemacht. Mir fehlten der persönliche Kontakt sowie zahlreiche fachliche Diskussionen. Der Distanzunterricht kann dies in meinen Augen in keinster Weise ersetzen. Daher passte ich meine Zukunftspläne den aktuellen äußeren Gegebenheiten an, kehrte heim und habe bei uns auf dem Hof unter anderem die Eierpackstelle übernommen. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass ich stets frei in meiner Berufswahl war und meine Eltern mich auf jedem Weg unterstützt hätten. Es war mein freier Wille, mich für die Landwirtschaft und für den elterlichen Hof zu entscheiden.

 

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Welche Rolle hast Du damit eingenommen? Bist Du Tochter? Oder Studienabsolventin? Oder Landwirtin? 

Ein bisschen von allem, denke ich. In einem Familienbetrieb ist das nicht trennbar. Einerseits bin ich Tochter, andererseits gut ausgebildet, und letztendlich muss ich meinen Lebensunterhalt hier verdienen und bin auch Landwirtin. Wichtig ist, dass wir daheim alle an einem Strang ziehen.

 

Was genau sind Deine Aufgaben?

Neben der Leitung der Eierpackstelle übernehme ich viele administrative Aufgaben wie Projekte, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing. Nach kurzer inhaltlicher Rücksprache kann ich weitestgehend frei agieren und mir meine Aufgaben und meine Zeit selbst einteilen. Ich habe dafür eigene Büroräumlichkeiten zur Verfügung. Ich denke auch in die Zukunft und möchte den Hof weiterentwickeln. Auf jeden Fall möchte ich die Mobilställe für die Hühner weiter betreiben, daneben schwebt mir vor, eigene Schlachträumlichkeiten am Hof zu schaffen und in die Direktvermarktung einzusteigen. Bauernhoftouristik würde mich auch interessieren. 

Nebenbei möchte ich mir sukzessive eigenen Wohnraum schaffen. Da die Entscheidung, auf den Hof zurückzukehren, relativ spontan war, bin ich vorübergehend in mein altes Kinderzimmer gezogen. Meine Oma sagt, dass es wichtig ist, dass jede Generation ihren eigenen Herd hat.

Mit einem eigenen Herd in jedem Haushalt verbinde ich auch die Möglichkeit, sich zurückzuziehen.

 

Was würdest Du zubereiten, wenn ich zu Dir zum Essen kommen würde?

Ich würde auf Kartoffeln und Gemüse aus eigenem Anbau zurückgreifen und einen leckeren Auflauf zubereiten. Alternativ Frikassee oder eine Gemüsesuppe mit Fleischeinlage vom hofeigenen Suppenhuhn. 

 

Wie sieht es bei Euch mit dem Fleischkonsum aus?

Meine Oma kocht mittags eher deftig, das heißt: Kartoffeln, Gemüse und ein Stück Fleisch. Ich bin zwar keine Vegetarierin, gehöre aber zu der Generation, die den Fleischkonsum reduziert. 

 

Sind es derzeit noch überwiegend die Frauen, die in der Landwirtschaft am Herd stehen?

Ich denke, dass das noch die Realität ist. Aber mit dem Generationenwechsel, der momentan in vielen Betrieben ansteht, durchmischt es sich mehr und mehr. Wenn bei uns ein Traktor durchs Dorf fährt, sitzt nicht selten eine Frau am Steuer. Aus Erzählungen weiß ich, dass die Frauen auch früher neben dem Dienst am Herd und der Kinderbetreuung in der Feldarbeit gearbeitet haben. Ich denke, das Berufsbild darf heute nicht mehr am Geschlecht festgemacht werden, wichtiger ist das persönliche Interesse. Man muss einfach mit dem Herzen dabei sein.

 

Gibt es eine „weibliche“ Landwirtschaft?

Hm, ich denke, Frauen legen doch mehr Wert auf Ordnung und auf das vernünftige Erscheinungsbild ringsherum.

 

Du engagierst Dich als eine von wenigen Frauen in der Verbandsarbeit des Biokreis. Warum?

Wir sind dem Anbauverband Biokreis erst im August 2020 beigetreten und waren zuvor viel im gegenseitigen Austausch, damit wir gut zueinander finden. Durch die Verbandsarbeit sehe ich die Chance, hinter die Kulissen zu blicken, in Entscheidungsprozesse involviert zu sein, meine Gedanken zu teilen und Gehör zu finden. Momentan versuche ich mich in die verschiedenen Themen einzuarbeiten. Besonders im vergleichsweise jungen Erzeugerring Nord-Ost erhoffe ich mir, die Weiterentwicklung und Zukunft aktiv mitzugestalten, um den Verband zukunftsfähig aufzustellen.

 

Warum ist es wichtig, dass es die Öko-Verbände gibt?

EU-Bio geht mir an manchen Stellen einfach nicht weit genug. Ich denke, wir brauchen strengere Richtlinien, wenn wir unsere Umwelt, unsere Tiere und unsere Ressourcen schützen möchten. 

Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass auch kleinbäuerliche Familienbetriebe ihre Existenzberechtigung in der modernen Agrarlandschaft wahren können und Unterstützung finden.

Ich denke, dass der Biokreis gut zu unserem Betrieb passt. Wir haben das Gefühl, dass hier auch Kleinbauern und -bäuerinnen aus Familienbetrieben wie unserem Gehör finden. 

 

Von Ronja Zöls-Biber