Licht aus!

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Mit den Hühnern aufwachen und schlafen gehen: Das macht heute kaum noch einer. Doch vor der Industrialisierung und der Erfindung der Glühbirne im Jahr 1879 war es nicht nur für das Huhn, sondern auch für den Menschen üblich, bei Sonnenaufgang aufzustehen und sich bei Einbruch der Dämmerung zurückzuziehen. Das Sonnenlicht bestimmte den Biorhythmus. Höchstens ein paar Kerzen dienten dazu, den Tag ein wenig zu verlängern, doch für die meisten Menschen waren Kerzen zu teuer, um sie lange brennen zu lassen. Nur der Nachtwächter erhellte mit seiner Laterne streunend die Nacht.

 

Heute beendet kaum jemand seinen Tag zur gleichen Zeit wie die Hühner. Die späten Stunden werden genutzt, die Nacht wird erhellt und weicht immer mehr der zunehmenden Lichtverschmutzung: Die Städte strahlen, das Licht blendet, die Energie wird verschwendet. Das Museum Wald und Umwelt in Ebersberg nahe München widmet sich mit der kleinen Ausstellung „Lichtverschmutzung. Verlust der Nacht“ von Jochen Carl, Astrid Geweke, Ursel Kunz und Dr. Rudolf Schierl diesem großen Thema und stellt dabei die Fragen: Was macht sie mit dem Himmel? Was macht sie mit der Natur? Was mit uns? Und was können wir dagegen tun?

Insekten brauchen die Nacht

„Haben Sie schon mal die Milchstraße gesehen?“: Mit dieser Frage startet Rudolf Schierl vom Förderverein des Museums an diesem Tag die Führung. Einst kannten viele Menschen den Sternenhimmel, heutzutage tun sich sogar die Astronomen zunehmend schwer bei der nächtlichen Himmelsbeobachtung. Vor allem über Großstädten wie München haben sich sogenannte Lichtkuppeln gebildet, so dass die Sterne kaum mehr erkennbar sind. Das Licht von Straßenlaternen, Leuchtwerbung und angestrahlten Objekten erhellt den Himmel über den Städten. „Es steht für Wohlstand und Geld“, weiß Rudolf Schierl die Psychologie hinter diesem Phänomen, „helle Einkaufsstraßen sucht man lieber auf als dunkle.“ Dahinter stecke außerdem ein wachsendes Sicherheitsbedürfnis. Dunkelheit sei emotional mit Angst besetzt. Auch wenn in Wahrheit die Angst vor der nächtlichen Helligkeit viel angebrachter wäre ...

 

Denn der Verlust der Nacht hat schwerwiegende Folgen. Sie macht nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch den Menschen krank. Das alles wurde vielfach wissenschaftlich untersucht und festgestellt. So trägt die Lichtverschmutzung etwa eine große Verantwortung beim Insektensterben. Wie groß sie genau ist, ist schwer zu sagen. Fest steht, dass sich das Licht mehrfach auswirkt. So schwärmen Insekten um Laternen und verbrennen sich daran oder sterben bei der Umkreisung an Erschöpfung. Darüber hinaus wirken Lichtstrahlen wie Brücken, über die sich Insekten nicht hinüberwagen. Das heißt, dass sie als Barrieren den Lebensraum der Insekten einschränken und eine Vermischung mit anderen Genen verhindern. Außerdem produzieren viele Insekten nur in der Dunkelheit Sexualhormone als Voraussetzung für die Fortpflanzung. Durch die Helligkeit wird ihnen das verwehrt.

Es wird heller: um 6 Prozent pro Jahr

Andere Tiere, die stark unter der Erhellung der Nacht leiden, sind Meeresschildkröten, die in die falsche Richtung laufen, weil sie die Strandbeleuchtung mit der am Horizont untergehenden Sonne verwechseln. Fledermäuse, die hierzulande vor allem in Kirchtürmen leben, trauen sich angesichts der angestrahlten Baudenkmäler nicht mehr nach draußen. Die Folge: Sie können kein Futter für die Jungen suchen und müssen diese verhungern lassen. Insgesamt sind etwa 30 Prozent der Wirbeltiere nachtaktiv, bei den wirbellosen Tieren sind es sogar 64 Prozent. Die Lichtüberflutung konfrontiert sie mit Lebensbedingungen, auf die sie sich im Laufe der Evolution nicht einstellen konnten.

 

Die wissenschaftliche Prognose für die Zunahme von Lichtverschmutzung liegt derzeit bei 6 Prozent pro Jahr. Das heißt: Die Nacht wird heller − Jahr für Jahr. Und auch der Mensch erkrankt daran. „Dass alle menschlichen Zellen einen eigenen Zeitgeber haben, weiß man noch nicht lange“, erklärt der pensionierte Diplomchemiker Rudolf Schierl, der unter anderem in der Umweltmedizin tätig war. Wird der Tag-Nacht-Rhythmus dauerhaft gestört, kommt es zu Beeinträchtigungen von Schlaf und Hormonhaushalt. Auch Brust- und Prostatakrebserkrankungen werden in einen Zusammenhang mit nächtlicher Kunstbeleuchtung gesetzt.

Immenser Energieverbrauch

Und noch ein weiteres Problem bringt die Lichtverschmutzung natürlich mit sich. Sie verschwendet Geld und Energie. „Wenn wir das künstliche Licht verantwortungsvoll einsetzen würden, könnten wir Atomkraftwerke abschalten“, ist sich Rudolf Schierl sicher. Nachts weniger Strom zu verbrauchen, passe auch zum Konzept der Erneuerbaren Energien, da die Photovoltaik nur tagsüber Strom erzeuge. Politische Rahmenbedingungen hierfür gibt es kaum. Nur Bayern hat als einziges Bundesland eine Vorschrift, nach der bauliche Anlagen der öffentlichen Hand nach 23 Uhr und bis zur Morgendämmerung nicht beleuchtet werden dürfen. Aktuell gibt es noch keine Untersuchungen darüber, wie viel Energie durch Lichtquellen und Gebäudebeleuchtung verbraucht wird. Für die USA wird geschätzt, dass bereits in den 1990er-Jahren knapp eine Milliarde Dollar pro Jahr für die nächtliche Beleuchtung ausgegeben wurde.


Was kann jede*r Einzelne gegen die Lichtverschmutzung tun?

Beleuchte den eigenen Garten von April bis Oktober nur so viel wie unbedingt nötig!

Richte die Strahler nicht nach oben und beleuchte Bäume und Sträucher nicht von unten!

Benutze nur Beleuchtungskörper mit einer Farbtemperatur von 2700 bis höchstens 3000 Kelvin!

Begrenze den Lichtkegel auf den relevanten Bereich!

Schließe Lampengehäuse, damit keine Insekten eindringen können!

Schirme beleuchtete Fenster nach außen ab!