Wir alle können Klimaschutz!

Foto: Jana Werner

Ich bin 41 Jahre alt und seit meiner Teenagerzeit engagiert im Umweltschutz. Es begann mit Krötenretten an der Landstraße und der Erklärung des elterlichen Haushalts zur thunfischfreien Zone (Stichwort: Delfinschutz). Mit 28 gab ich das Rauchen auf und wurde Mitglied einer Bio-Einkaufsgemeinschaft, um das gesparte Geld in gesunde Ernährung zu investieren. Die Diskussionen und Projekte während meines Lebens in einer Berliner 7er-WG sorgten dafür, dass ich viele „Gesetzmäßigkeiten“ meines BWL-Studiums zugunsten des Gemeinwohls hinterfragte. Der Berufseinstieg in die Bio-Branche auf einem Demeter-Milchviehbetrieb führte dann zur Erkenntnis, dass Menschen, die um der Tiere willen auf Fleisch verzichten, auch Milchprodukte meiden oder wenigstens einmal im Monat Salami essen sollten. Seitdem ernährt sich mein Partner vegan, mit der Folge, dass Fleisch- und Milchproduktalternativen seit zehn Jahren wachsender Teil unseres Speiseplans sind. Auch bei Wohnen, Transport und Freizeitaktivitäten achten wir stets auf Nachhaltigkeit, kompensieren etwa den CO2-Ausstoß unserer Flugreisen.


„Ich wusste, der Klimawandel und die Erderwärmung sind menschengemacht und dachte, wir tun unser Bestes, wenn wir umweltfreundlich leben. Die gewaltige Dimension der Krise wurde mir erst durch die Lektüre eines Interviews mit dem Wissenschaftsjournalisten Dirk Steffens bewusst.“


Das war im Corona-Sommer 2020. Seitdem hatte ich einige niederschmetternde Aha-Erlebnisse. Angefangen bei dem Fakt, dass 50 Prozent des CO2-Budgets gerechnet seit 1850, das uns bis circa 2030 bleibt, in den letzten 30 Jahren emittiert wurde; über die Kipppunkte und die Wichtigkeit um jedes Zehntelgrad, auf das wir die Erderhitzung begrenzen; bis zu der Gewissheit, dass das Artensterben die Menschheit in ihrer Existenz bedroht und im Gegensatz zu einigen Klimaaspekten irreversibel ist. Die Vorstellung, dass meine Töchter ihren Kindern im Sommer wegen Wasserrationierung keinen noch so kleinen Pool füllen dürfen und meine Enkelkinder keine größeren Säugetiere mehr in der freien Wildnis erleben können, ist beklemmend. Hinzu kommt die Gewissheit, dass Pandemien als auch Naturkatastrophen wie Hochwasser, Starkregen, Stürme, Dürresommer und Flächenbrände nicht mehr nur einmal im Jahrhundert, sondern alle paar Jahre auftreten.

 

Meine wichtigste positive Erkenntnis: Wir Verbraucher*innen können es nicht (alleine) richten. Kaum jemand weiß, dass das Konzept des ökologischen Fußabdrucks vom Energiekonzern BP kommt. Die Karte mit dem Motto: „Ändere du deinen Verbrauch, dann bekommen wir die Industrie schon umgebaut“ spielt leider auch die Politik allzu gern. Fakt ist: Ohne Druck von oben und neue Rahmenbedingungen in Form von Vorgaben, Anreizen und auch Verboten, kann ein Bewusstseinswandel in der Bevölkerung keine gesellschaftliche Veränderung bringen.

 

Deshalb ist es so wichtig, dass wir alle die politische Debatte zur Klimakrise weiter anheizen. Es braucht gemeinsame Proteste, aber auch Aktionen einzelner. Noch ist es physikalisch und technisch möglich, die 1,5 Grad einzuhalten. Leider ist das Klimaschutzgesetz auch nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts dazu nicht in der Lage und keine Partei hat ein Wahlprogramm, welches konform mit dem Pariser Klimaschutzabkommen ist.

 

Handlungsempfehlungen (vom einfachen zum schwierigen)

  1. Nutze dein Wahlrecht auf Landes-, Bundes, und EU-Ebene!
  2. Unterschreibe den „Klima-Pledge“ (campact.de/klimaschutz/klima-pledge) und gib dein Versprechen ab, bei der Bundestagswahl für Klima- und Artenschutz zu stimmen!
  3. Gehe zu Klimastreiks und Demonstrationen, die einen grundlegenden Umbau fordern, wie „Wir-haben-es-satt“!
  4. Unterzeichne die Erklärung der Farmers for Future als Biokreis-Landwirt*in, Imker*in, Gärtner*in oder Winzer*in!
  5. Melde dich bei deiner Fridays for Future Ortsgruppe und frag, wie du dich engagieren kannst!
  6. Leiste zivilen Ungehorsam, etwa im Rahmen der „Rebellion of One“-Aktion von Aufstand gegen das Aussterben (extinctionrebellion.de), bei der du mit einem Schild, warum du Angst vor der Klimakrise hast, einige Minuten eine Straße blockierst!
  7. Beteilige dich an der Kampagne „Handabdruck“! Anhand der Beantwortung von sechs Fragen gibt es Handlungsempfehlungen entsprechend der eigenen Stärken und Interessen, zum Beispiel wie du deine Stadtwerke dazu bewegst, als Standardtarif 100 Prozent Ökostrom einzuführen.
  8. Sei Teil des Bürgerrats Klima! Hier beraten 160 zufällig ausgeloste Menschen aus Deutschland mit wissenschaftlicher Unterstützung darüber, wie wir die Pariser Beschlüsse einhalten können. Das Empfehlungspapier wird der Politik zu den Koalitionsverhandlungen übergeben. (Zugegeben: die Ehre, hier dabei zu sein ist nicht selbst beeinflussbar und der Klimarat tagt auch schon seit Mai 2021. Es wird sicher weitere geben und da wird neu gelost.)

Zum Schluss noch ein hoffnungsvoller Aspekt zum Thema Verzicht. Viele Menschen haben Angst um ihr guten Lebens, wenn die Politik drastische Klimaschutzmaßnahmen ergreift. Der Transformationsforscher Harald Welzer fragt hier: Verzichten wir auf etwas in der Zukunft, wenn wir Veränderungen umsetzen oder verzichten wir in der Gegenwart auf etwas, wenn wir nichts verändern? Beispielhaft nennt er 50 Prozent städtischer Fläche, die für Autos vorgesehen sind; ein Verkehrsmittel, das nicht mal alle besitzen. Damit verzichten wir schon heute auf Ruhe, saubere Luft und Sicherheit für unsere Kinder.