Erlebnis Bio-Bauernhof: Menschen auf dem Hof empfangen

Image

Für uns Bauern und Bäuerinnen ist es eigentlich einfach: In der Direktvermarktung kennen wir unsere Preise fürs Kilogramm Rindfleisch, wir kennen die Tarife, für die die Milch abgeholt wird. Oder wir streiten uns mit Großabnehmern und versuchen, fairere Preise auszuhandeln. Doch wer mit Menschen – vielleicht gar mit Kindern – auf dem Hof arbeitet und sich ein neues Standbein aufbaut, muss neu und anders denken.

 

Es fing ganz klein an: Irgendwann vor Jahren fragte eine Mutter an, ob sie einen Kindergeburtstag auf unserem Hof feiern könne. Klar, das ging – wir kannten uns gut, das Honorar war eher eine Kostenerstattung. Und ebenso klar: Der Kindergarten aus dem Dorf, der darf auch kommen, wenn er will. Geld verdienen wollten wir damit – damals – nicht. Das ist lange her. Heute ist die Arbeit mit Menschen bei uns auf dem Hof eine wesentliche Erwerbsquelle. Das haben wir gerade in den vergangenen drei trockenen Jahren schätzen gelernt. Wir haben Futter zugekauft, was nicht gerade preiswert war. Und wir konnten die Workshops und Bauernhof-Erlebnisangebote intensivieren. Das brachte guten, absichernden Umsatz und rettete uns ein wenig über die Trockenzeit.

Die ersten Schritte

Dass dieser Betriebszweig mal existenziell sein könnte, hätten wir früher nicht gedacht – die ersten Schritte waren schlicht. Wir haben zunächst zwei Dinge geklärt:

 

Versicherungsschutz: Sind die Veranstaltungen mit Kindern überhaupt in unserer Betriebshaftpflicht mit versichert? Die Frage hat sich gelohnt, denn die Antwort war: Im Prinzip jein. Einzelne Veranstaltungen – also mal ein Kindergeburtstag – würde die Haftpflicht abdecken, nimmt es einen größeren Umfang ein, dann muss der Versicherungsschutz erweitert werden. Das haben wir recht bald erledigt. Denn je intensiver man das Thema „Bauernhof-Erlebnis-Angebote“ bearbeitet, desto mehr Angebote werden auch erfolgreich platziert.

 

Honorar: Wenig zahlen wollen alle, doch als Hobby können wir solche Angebote nicht anbieten. Ehrenamtlich sind wir gerne dabei – eben für die Kindertagesstätte am Ort zum Beispiel. Aber Jahreskurse, Ferienprogramme, Workshops, all dies muss sauber kalkuliert sein. Schnell kommt für eine Vorbereitung der gleiche Zeitaufwand hinzu wie für die eigentliche Veranstaltung. Ein Anhaltspunkt kann sein: Pro Veranstaltungsstunde sollte der Umsatz schon 50 Euro betragen. Einen Kindergeburtstag – wie dies ein Hof in der Nähe macht – für 80 Euro am Nachmittag mit Verpflegung, Kuchen und Kakao anzubieten, das ist schon Selbstausbeutung und eben nicht mehr nachhaltig.

Die Zertifizierung

Letztlich aber hat ein solches Projekt langfristig gute Erfolgsaussichten, wenn auch ein wenig Wissen und pädagogische Eignung dazu kommt, vielleicht auch eine bunte Ideensammlung von Unterhaltungselementen und ein immer wieder nutzbares Netzwerk netter Erlebnis-Pädagog*innen. Hier in NRW bietet die Landwirtschaftskammer seit längerer Zeit Zertifikatskurse zum Bauernhof-Erlebnis-Pädagogen, zur Bauernhof-Erlebnis-Pädagogin an. Kostenpunkt aktuell: mindestens 300 Euro für mehrere Unterrichtsblöcke. Diese Investition kann sich rechnen, wenn man dieses neue Tätigkeitsfeld wirklich beackern will. Ähnliche Kurse werden auch andernorts angeboten.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Wichtig ist, auf jeden Fall die rechtlichen Rahmenbedingungen zu klären und im Blick zu haben.

Dazu zählen:

 

  • Genehmigungen des Bauamtes; selbst eine neue Toilette am Stall ist leider genehmigungspflichtig.
  • Falls notwendig: Umnutzungsgenehmigungen für landwirtschaftliche Gebäude/Räumlichkeiten
  • Hygieneschulung und notwendige Vorgaben im Bereich der Lebensmittelverarbeitung. Denn sollte es geplant sein, mit Kindern auch mal Marmelade zu kochen, dann braucht es einen Verarbeitungsraum und die jeweiligen hygienerechtlichen Bescheinigungen. Da diese von Landkreis zu Landkreis unterschiedlich sein können, ist das also vor Ort zu klären.
  • Eventuell Gewerbeanmeldung, denn Bauernhof-Erlebnisse sind eine Dienstleistung, keine landwirtschaftliche Tätigkeit.
  • Vorsicht: Einkommensfalle, denn die erlebnispädagogischen Leistungen sind steuerrechtlich getrennt von der Landwirtschaft zu betrachten. Hier fallen beispielsweise 19 Prozent Mehrwertsteuer an. Dafür lassen sich interessante Möglichkeiten entwickeln, wie der Landwirtschaftsbetrieb vom Bauernhof-Erlebnis profitieren kann, zum Beispiel durch die Vermietung von Räumlichkeiten. Der Kreativität sind da nur finanzamtliche Grenzen gesetzt.
  • Versicherungen: Wenn das Thema größeren Umfang einnimmt, ist eine Versicherungsberatung eventuell notwendig. Denn Mitarbeiter des Betriebes (nicht Gewerbes) wären beispielsweise automatisch in der landwirtschaftlichen Sozialversicherung und Berufsgenossenschaft mit zu versichern. Beratung lohnt sich – ebenso zu den Themen Berufshaftpflicht und Rechtsschutz.

Kindersicherer Bauernhof

Wichtig ist es auch, den Bauernhof kindersicher zu machen. Dazu hat unter anderem der Bundesverband der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften (BLB) ein Merkblatt herausgegeben. Wir aber haben festgestellt, dass dieses Merkblatt nicht dazu verführen soll, mit einer schematischen Beantwortung der Fragen das Thema als erledigt zu betrachten.

 

Denn jeder Hof ist anders: Bei uns fängt es damit an, alle Schafgatter und Rinderpanels gut festzubinden, und hört damit auf, kleine Kinder vor jungen Schafböcken zu schützen, ohne gleich den Kontakt zu Tieren zu verbieten. Denn zum Streicheln sind die Jungen und Mädchen ja gekommen. Die Plakette „Kinder sicher und gesund auf dem Bauernhof“ dokumentiert der besorgten Elternschaft dann, dass sich das Hof-Team um die Unversehrtheit kümmert. Vergeben wird die Plakette von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG).

 

Unabhängig von der Plakette: Klare Regeln gehören genauso dazu wie der Hinweis darauf, dass ein Bauernhof nicht nur ein Spielplatz ist. Bei uns gilt dann die Regel: Wenn Bäuerin oder Bauer sagt „Nein“ oder „Das jetzt nicht“, dann wird zuerst gehorcht, und dann gefragt… Was übrigens meistens kein Problem ist, sonst wäre dieser Unternehmenszweig bei uns nicht zur Erfolgsgeschichte geworden.


Zielgruppen

Es ergeben sich mit einer solchen Qualifizierung zahlreiche Zielgruppen, die angesprochen werden können, weil die eben eine pädagogische Begleitung wünschen oder sogar verlangen. Neben Kindergeburtstagen, Jahreskursen oder Ähnlichem wären potenzielle Ansprechpartner:

Schulen – zum Beispiel im Rahmen von Projektwochen oder -tagen

Offene Ganztagsschulen – denn Landwirtschaft/Ernährung/Kulturlandschaft kann ein gutes Thema sein für den Nachmittag

Bildungsträger – mit Fachangeboten zu verschiedenen Themen (die Volkshochschulen sind hier nur eine Möglichkeit)

Unternehmen, die das Bauernhof-Erlebnis-Angebot in ihr Ferienprogramm integrieren und die qualifizierte Aufsicht sichergestellt wissen wollen

Inklusiv arbeitende Einrichtungen – das ist vielleicht ein Klientel mit besonderen Herausforderungen, aber auch Potenzial, da auf dem Hof auch Menschen/Kinder mit Förderbedarf ihre Tätigkeits- und Spielmöglichkeiten finden