“Gegen jede Monokultur ist eine Crowd gewachsen”

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Landwirtschaft zu betreiben, bedeutet auch im Bio-Bereich inzwischen das Agieren in einem immer enger werdenden Rahmen. Die Abhängigkeit von Subventionen, der wirtschaftliche Druck bei der Vermarktung und zunehmende Wetterextreme beschränken den Handlungsspielraum, um von der Erzeugung gesunder Lebensmittel eine Familie und Investitionen in den Hof zu finanzieren. Bei der bevorstehenden Transformation, um der Arten- und Klimakrise zu begegnen, müssen die Landwirt*innen mitgenommen werden. Denn die Landwirtschaft ist zwar ein Treiber der Entwicklung, kann aber auch Teil der Lösung sein.

Worum geht es?

An dieser Stelle knüpft die Idee der Ackercrowd an. Sie will Landwirtschaft zukunftsfähig machen. Über ein Baukastensystem mit verschiedenen Biodiversitätsmaßnahmen sollen Ökosysteme aufgebaut werden, die nicht nur Lebensmittel produzieren, sondern die vielfältig, widerstandsfähig und bunt sind und die langfristig zum wirtschaftlichen Erfolg des Betriebs beitragen.

 

Momentan befindet sich die 2018 gegründete Initiative in der Pilotphase. Das Team aus Expert*innen und Praktiker*innen aus Landwirtschaft und Wissenschaft arbeitet weiterhin rein ehrenamtlich an der Erarbeitung essbarer Agroforstkonzepte. Bis das eigentliche Finanzierungsmodell umgesetzt ist, werden die drei Pilotprojekte in Brandenburg und Sachsen-Anhalt mittels Crowdfunding finanziert.

 

Es geht darum, lebendige Landschaften aufzubauen, die ohne Chemie bewirtschaftet werden, die Tieren Nahrung und Schutz bieten und die CO2 binden und Humus aufbauen. Manch einem sandigen ostdeutschen Boden mit massiver Erosion und geringem Wasserhaltevermögen hilft nur noch Naturschutz, zum Beispiel durch Schaffung kleinteiliger Gehölzstrukturen, um überhaupt weiter Ackerbau und Tierhaltung betreiben zu können. Um Agrarwüsten in widerstandsfähige, artenreiche Kulturlandschaften umzuwandeln, die noch dazu CO2 speichern, braucht es viel Pflege und einen langen Atem. 

Die ersten Schritte

Frank Nadler und Selina Tenzer vom Ackercrowd Team bezeichnen die „essbaren Windschutzhecken“ gern als den perfekten Einstieg in ihre Biodiversitätsprojekte. Sie bieten Landwirt*innen eine niedrigschwellige Möglichkeit, die natürlichen Ressourcen des Ackers zu erhalten und aufzubauen und mit den gesammelten Erfahrungen später vielleicht ein größeres, komplexeres Projekt anzugehen, zum Beispiel einen Waldgarten oder eine Baumfeldwirtschaft über Dutzende Hektar mit ganzheitlichem Weidemanagement. Unabhängig vom Projektumfang bietet die Ackercrowd für die Umsetzung regional angepasste Beratung und Planung sowie die langfristige Begleitung bei der Umsetzung und Pflege der Landschaftssysteme. 

Was ist das Ziel?

Ziel der Ackercrowd ist es, aufbauende, regenerative Landwirtschaft zu fördern. Allen Betrieben soll es möglich sein, unabhängig(er) von EU-Subventionen zu werden. Statt der Teilnahme an kurzfristigen Programmen werden dauerhafte Ökosystemleistungen unterstützt, denn die Gehölze haben einen Bestandsschutz von mindestens 20 Jahren. Über die höhere Bodenqualität ist die Bewirtschaftung einfacher und der Ernteertrag steigt. Zusätzlich können Einnahmen über den Verkauf der Früchte generiert werden. 

 

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Wie funktioniert die Finanzierung?

Hier kommt das sogenannte Ökologische Grundeinkommen ins Spiel. Das Anlegen von Hecken oder Gehölzstreifen ist teuer, der finanzielle Nutzen liegt in der Zukunft, und nebenbei mangelt es aktuell an bio-zertifizierten Gehölzen. Die Rechnung der Baumschule übernimmt die Ackercrowd und der Betrieb erhält das quasi als direkten Kredit. Dieser Kredit wird dann nach und nach „getilgt“ über die Ökosystemleistungen in Form von Artenschutz, sauberem Wasser, gesünderem Boden und dem Erhalt der Kulturlandschaft. Neben dieser finanziellen Unterstützung gibt es über die „Crowd“, also die Menschen, die das Crowdfunding unterstützt haben, die der Ackercrowd auf den Social-Media-Kanälen folgen oder die sich im Dunstkreis der Initiative befinden, auch mal Unterstützung durch Einbringen ihrer Arbeitskraft bei Pflanzeinsätzen. Außerdem versteht sich die Initiative als Vermittlerin und Netzwerkerin. Zum Beispiel könnten mehrere Ackercrowd-Betriebe die Ernte ihrer Gehölze bündeln und dann gesammelt vermarkten. Auch kooperative Ansätze über die gesamte Wertschöpfungskette sind vorstellbar.

 

Die Ackercrowd finanziert ihre Aufwendungen aus unterschiedlichen Quellen:

  • über regional ansässige Unternehmen, Institutionen oder Kommunen, die Biodiversitätszertifikate von den Betrieben kaufen,
  • über die Beantragung der Ausgleichszulage im Rahmen der Agrarförderung,
  • über weitere Instrumente wie Ökopunkte gegen Flächenversiegelung und Gehölzpatenschaften 
  • über das Crowdfunding als Form der gesellschaftlichen Teilhabe.

Laut Selina Tenzer wird Letzteres vorerst als elementarer Baustein des sich zukünftig selbst tragenden Finanzierungskonzepts erhalten bleiben. Da die Gesellschaft von den Umweltleistungen profitiert, leisten Einzelne auch immer gerne einen Beitrag.

Die Menschen machen den Unterschied

Ob der Ackercrowd-Slogan „Gegen jede Monokultur ist eine Crowd gewachsen“ jetzt die vielfältigen Pflanzenarten, die unterschiedlichen Tiere in den Hecken und Baumreihen oder die verschiedenen Finanzierungsideen meint, eins ist klar: Die Menschen machen den Unterschied. Momentan gibt es eine Warteliste an Betrieben, die gern mitmachen wollen, was aber auch daran liegt, dass der Fokus noch auf den Pilotprojekten liegt. Bei den Bäumen und Sträuchern dauert es eben ein paar Jahre, bis verwertbare Ergebnisse vorliegen. Wer auch Ideen hat, kann sich gerne per E-Mail bei der Ackercrowd melden.

Von Jana Werner