Apfelsaft gestaltet Landschaft

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Zur Erfrischung im Sommer ein Glas kühle Apfelsaftschorle? Oder ein wärmender Apfelpunsch im Winter? Apfelsaft lässt sich auf vielen Wegen genießen. Wer zur naturtrüben Variante greift, tut seiner Gesundheit etwas besonders Gutes, denn Forscher*innen fanden heraus, dass naturtrüber Apfelsaft fünfmal so viel gesundheitsfördernde Stoffe enthält wie klarer. Wenn der Apfelsaft dann noch aus der Region – am besten von einer Streuobstwiese – kommt, dann hält man ein naturbelassenes Unikat in den Händen.

 

Streuobstwiesen bieten eine Vielzahl an Apfelsorten, die es im herkömmlichen Obstbau gar nicht gibt. Dabei ist jede Wiese individuell und beherbergt die Sorten, die zu den Umweltbedingungen passen. „Im Vergleich zu den acht bis zehn Apfelsorten aus dem Supermarkt, können auf bayerischen Streuobstwiesen bis zu 1500 verschiedene Sorten entdeckt werden“, erzählt Alexandra Klemisch, Kreisfachberaterin für Gartenkultur und Landespflege in Bamberg. Die regionalen Unterschiede entstehen durch eine Vielzahl von Natureinflüssen: Bodenbeschaffenheit, Klimazone und der Blick auf die umgebende Landschaft gepaart mit dem Ziel, die Fläche nachhaltig zu gestalten und somit auch zu schonen, lassen einzigartige Biotope entstehen.

Eine andere Form der Rentabilität

Die genetische Bandbreite der Sorten ist dabei enorm, im 19. Jahrhundert gaben Apfelkundler*innen an, bis zu 4000 Sorten zu kennen. Heute sieht das alles anders aus. Streuobstwiesen sind selten geworden, ihre Bewirtschaftung ist finanziell unrentabel. Streuobstwiesen sind ein sehr gutes Beispiel, um über eine andere Form von Rentabilität zu sprechen“, führt Astrid Gelaudemans aus. Sie ist Biokreis-Imkerin und mit der Thematik vertraut. 

„Der Profit von Streuobstwiesen liegt in der Schaffung von geschützten Lebensräumen für Pflanzen und Tiere. Die Wiesen bremsen Wasser und bieten Nahrung.“

Astrid Gelaudemans

Über 200 Jahre prägten Obstbäume die bayerische Landschaft, bis viele von ihnen gerodet wurden, um Platz für eine intensivere Landwirtschaft oder Bauplätze zu machen. So reduzierten sich in Bayern die Bäume von etwa 22 Millionen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf etwa fünf Millionen heute. Streuobstwiesen sind ein ganz besonderes landwirtschaftliches Element. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten finden nur hier ihre ökologische Nische, und ihr Erhalt ist an die Existenz dieser Wiesen gebunden, weiß die Expertin Alexandra Klemisch. „Die reiche Struktur aus Hecken, Gehölz und Wiese, der Wechsel von Licht und Schatten, verbunden mit feuchten und trockenen Bereichen, bilden ein hochwertvolles Biotop.“

 

Noch vorhandene Bestände sollen deshalb geschützt und erhalten bleiben, was jedoch viel Zeit und Arbeit bedeutet. Besonders für Privatpersonen mit Streuobstbeständen müssen Anreize geschaffen werden, diese zu pflegen. Sinnvoll ist es auch, wenn Angehörige von Vereinen, Verbänden oder Gemeinden ehrenamtlich und für einen kleinen Betrag mitgebrachtes Obst zu individuellen Säften pressen. So kam es, dass auch Karl Haberzettl vom BUND Naturschutz vor vielen Jahren im Landkreis Passau eine mobile Saftpresse ins Leben rief.

 

 

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Belohnung für die Arbeit

Der Einfluss, den eine Saftpresse auf den Erhalt von Streuobstwiesen hat, ist enorm. „Es ist etwas ganz Besonderes, wenn der Apfelsaft, den ich zu Hause trinke, aus meinen eigenen Äpfeln stammt“, erzählt Astrid Gelaudemans, Biokreis-Landwirt*in und BUND-Mitglied, die vergangenes Jahr unter den wachsamen Augen von Karl Haberzettl bei der mobilen Saftpresse mithalf. „Das ist der Inbegriff von Nachhaltigkeit: Die Äpfel kommen von hier, von den eigenen Bäumen. Das ist regionaler Saft.“ Außerdem sei der Saft eine Belohnung für all die Arbeit, die bis zum Pressen investiert wurde. Denn die Wiesen müssen gemäht, die Bäume zurechtgeschnitten und zuletzt die Äpfel geerntet werden.

 

„Die Pflege einer Streuobstwiese ist äußerst wichtig. Besonders der fachgerechte Erziehungsschnitt, denn er sorgt für ein stabiles Kronengerüst und Licht- und Luftdurchlässigkeit, womit die Ernte erleichtert und Krankheiten vorgebeugt wird“, erklärt Alexandra Klemisch die Bedeutsamkeit. Wie erfüllend die Belohnung in Form von Saft ist und was für die Nutzer*innen der mobilen Presse alles dahintersteht, hat Astrid Gelaudemans erfahren: „Viele Menschen, die zur Saftpresse kamen, hatten eine enge Bindung dazu. Viele waren schon als Kinder mit ihren Eltern zum Saftpressen. Oder die Oma hatte immer selbstgepressten Apfelsaft, und diese Kindheitserinnerung wurde durch die Teilnahme wieder wachgerufen.“

„Das ist der Inbegriff von Nachhaltigkeit: Die Äpfel kommen von hier, von den eigenen Bäumen. Das ist regionaler Saft.“

Astrid Gelaudemans

So vielfältig wie die Apfelsorten, die gepresst wurden, waren auch die damit verbundenen Bedeutungen. Bei einigen war die Rückbesinnung auf regionale Lebensmittel verbunden mit dem Erlebnis in der Natur im Vordergrund, andere suchten Anschluss an ihre Vorfahren, und auch der Gedanke, der Natur etwas zurückzugeben, war präsent. Eines war jedoch bei allen gleich: Dieser eigene Apfelsaft ist etwas ganz Besonderes.

„Jeder Saft ist einzigartig“

Astrid Gelaudemans erzählt, dass die Nutzer*innen einen ganz anderen Bezug zu Apfelsaft haben: „Sie wissen, wie viel Arbeit es von der Blüte bis zum Saft braucht, haben am eigenen Körper erfahren, wie schweißtreibend und energieaufwändig der Prozess des Pressens und wie lang der Weg bis zur ersten Verkostung ist. Aber dann schließlich der lang ersehnte Moment, der einen ganzen Jahreskreislauf schließt: der erste Schluck vom eigenen, frisch gepressten Saft. Und der Gedanke: Wow, das ist unserer! Es sei wirklich beeindruckend gewesen, dass jede Pressung anders roch, anders aussah, anders schmeckte. „Egal ob sortenreiner Saft gepresst wurde oder eine Mischung verschiedener Sorten – jeder Saft war einzigartig.“

 

 

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Die Verwendungszwecke der Apfelsorten sind vielfältig. Einige sind besser zum Saft pressen geeignet, andere empfehlen sich zum Backen, und wieder andere können gut gedörrt werden. Je später die Jahreszeit, desto vielfältiger sind auch die Apfelsorten und ihr Geschmack. „Alles hat wochenlang nach Äpfeln geduftet“, erzählt Astrid Gelaudemans. „Du gehst als Apfeltasche schlafen und wachst als Apfeltasche auf.“ Besonders die Gemeinschaft, die sich durch die mobile Saftpresse gebildet habe und jedes Jahr dafür sorge, dass das Saftpressen wieder stattfinden kann, hat Astrid Gelaudemans begeistert. „Was wir essen und trinken, gestaltet unsere Landschaft“, sagt sie. „Angebote wie die mobile Saftpresse bringen zudem Menschen zusammen und gestalten unser Miteinander.“

 

Jeder Apfel einer Streuobstwiese oder eines privaten Obstbaumes, der gepflückt wird, schützt unsere heimische Landschaft und so die Natur. „Naturschutz ist kein Luxus, den wir betreiben, weil wir bestimmte Äpfel besonders schön finden“, fasst die Gartenkultur- und Landespflege-Kreisfachberaterin Alexandra Klemisch die Wichtigkeit von Artenschutz zusammen. „Wir tun das, was wir tun, um uns selbst und unseren nachfolgenden Generationen ein lebenswertes Umfeld zu erhalten.“

Von Laura Küpper