Die Menschheit als Teil der Natur begreifen

Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland am Orinoco, Gemälde von Eduard Ender

Der Forschungsreisende und Naturwissenschaftler Alexander von Humboldt beschrieb schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts Zusammenhänge zwischen Natur, Landwirtschaft und Gesellschaft, die uns bis heute beschäftigen. Über einen Visionär und seine Beobachtungen. 

 

Gelegentlich wird uns schlagartig bewusst, dass manche der Krisen, die heute unsere ganze Aufmerksamkeit fordern, nicht nur schon lange in der Welt sind, sondern auch in ihrem Ausmaß längst als solche begriffen worden sind. Wie kann es sein, dass einstmals beherrschbare Probleme erst zur Krise werden müssen, bevor man als Gesellschaft zu der Einsicht gelangt, dass sich hier etwas ändern muss? 

Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

Ich hatte einen solchen Moment der Erkenntnis, als ich Andrea Wulfs Buch „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ las. Auch vor der Lektüre war mir der Name Alexander von Humboldt ein Begriff, aber mir war nicht klar, wie präzise der Forscher bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ökologische wie ökonomische Probleme beschrieben hat, die heute für uns zu akuten Krisen geworden sind. Er benannte die ökologischen Verheerungen einer rücksichtslosen Landwirtschaft ebenso wie die sozialen Auswirkungen einer rein exportorientierten Landwirtschaft. 

 

Eine 200 Jahre alte Warnung vor den verheerenden Folgen intensiver Landwirtschaft

Wer sich mit Alexander von Humboldt befasst, entdeckt einen ganzen Kosmos in einem Menschenleben. Der aus Berlin stammende Naturforscher befasste sich nicht nur mit Physik, Geologie, Mineralogie, Botanik, Zoologie, Klimatologie und Astronomie, sondern auch mit Politik, Soziologie und Ethnologie. Insbesondere seine Erkenntnisse über die Ökosysteme und über die Zusammenhänge zwischen Landwirtschaft, Umwelt und Gesellschaft prägen unsere Vorstellungen bis heute.

 

Grundlage für Humboldts Forschungsarbeit waren seine Reisen, insbesondere sein mehrjähriger Aufenthalt in Süd- und Nordamerika. Im Jahr 1799 reiste Alexander von Humboldt von Spanien über Teneriffa nach Neu-Granada im heutigen Venezuela. Es sollte fünf Jahre dauern, bis er nach Europa zurückkehrte. In dieser Zeit erkundete Humboldt unter anderem den Lauf des Orinoco und durchquerte die Andenregion zwischen Bogotá und Lima. Dabei beschrieb er gemeinsam mit seinem Begleiter, dem Botaniker Aimé Bonpland, unzählige Tier- und Pflanzenarten, Landschaften und Naturphänomene. 

„Zerstört man die Wälder, wie die europäischen Ansiedler allerorten in Amerika mit unversichtiger Hast thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab."

alexander von humboldt

Weniger bekannt ist, dass Humboldt in Südamerika auch Landschaften vorfand, die bereits massiv vom Wirken der europäischen Siedler*innen geformt waren. Ein Beispiel: Kurz nach seiner Ankunft besuchte Humboldt den Valenciasee im heutigen Venezuela. An seinen Ufern wurden Mais, Zuckerrohr und Indigo angebaut. Die Wälder, die den See einstmals umschlossen hatten, waren dafür gerodet worden. Die Anwohner*innen berichteten Humboldt bei seinem Besuch, dass der Pegel des Sees seit einiger Zeit immer weiter absank. 

 

Den Grund für den sinkenden Wasserstand erkannte Humboldt schnell: Weil mit dem Abholzen des Waldes auch die bodendeckenden Moose und Sträucher verschwunden waren, konnte der nunmehr offenliegende Boden das Regenwasser schlechter aufnehmen und speichern. Auch wurde Wasser abgeleitet, um die Felder zu bewässern. Der nur von kleinen Bächen gespeiste See trocknete schlichtweg aus. 

Humboldt stellte außerdem fest, dass durch die Abholzung nicht nur der See schrumpfte, sondern sich auch das Klima vor Ort dauerhaft veränderte: Weil der Wald fehlte, wurde es in der Region trockener. Erosion durch Wind und Regen waren die Folge, was wiederum zum Auslaugen der Böden führte. Langfristig sanken dadurch die Erträge. 

 

 

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Heute wissen wir, was Humboldt damals noch nicht im Detail erfassen konnte: dass ein großer Regenwaldbaum an einem einzigen Tag mehr als tausend Liter Wasser verdunstet, dadurch der Umgebung Energie entzieht und die Luft abkühlt. Aber auch ohne dieses Wissen entwickelte Humboldt am Valenciasee „den Begriff der vom Menschen verursachten Klimaveränderungen“, schreibt Andrea Wulf.

Die teils dramatischen Folgen der Abholzung sah Humboldt auf seinen Reisen in Südamerika immer wieder. Er beschrieb sie später in seinen Reiseerinnerungen so: „Zerstört man die Wälder, wie die europäischen Ansiedler allerorten in Amerika mit unversichtiger Hast thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab. Die Flußbetten liegen einen Teil des Jahres über trocken und werden zu reißenden Strömen, so oft im Gebirge starker Regen fällt.“  

Exportorientierung und Preisabhängigkeit gingen immer schon Hand in Hand

Auf Kuba stellte Humboldt fest, dass große Teile des Landes abgeholzt worden waren, um Zuckerrohr anzubauen. Die Pflanze wurde als sogenannte „Cash Crop“ ausschließlich für den Export nach Europa angebaut. 

 

„Cash Crop“ ist ein Begriff aus der Agrarökonomie. Er beschreibt landwirtschaftliche Güter, die nicht für die Versorgung der Bevölkerung vor Ort gedacht sind, sondern auf dem Weltmarkt verkauft werden sollen. Der Verkauf dieser Waren kann für die wachsende Wirtschaftsleistung eines Landes oder einer Region sorgen, aber ihr Anbau bedeutet auch, in Abhängigkeit von den Preisen des Weltmarkts zu geraten. Um Gewinne zu maximieren, werden Cash Crops tendenziell als Monokulturen angebaut. Das wiederum führt nicht nur zur Zerstörung ehemals intakter Ökosysteme, sondern auch zu ausgelaugten Böden, die dann intensiv gedüngt werden müssen. 

Humboldt konnte die Folgen der Exportorientierung auf Kuba direkt sehen: Weil die Menschen vor Ort fast ausschließlich Zuckerrohr pflanzten, waren sie gezwungen, Lebensmittel aus dem Ausland zu importieren – ideale Voraussetzungen für Abhängigkeit und Ungerechtigkeit. Dabei hätten die Menschen ihre Lebensmittel auch selbst vor Ort erzeugen können. 

 

 

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„Die einzigen Kapitalien, deren Wert mit der Zeit wächst, (sind) die Produkte des Ackerbaus“, schrieb Humboldt und plädierte für eine in erster Linie existenzsichernde Wirtschaft. Im Vordergrund sollten der Bedarf und die Selbstversorgung der Menschen vor Ort stehen. Darum empfahl er, möglichst viele verschiedene Nahrungsmittel zur Versorgung der Bevölkerung anzubauen: zum Beispiel Bananen, Quinoa, Mais und Kartoffeln. Denn: „Allzu oft hatte Humboldt gesehen, dass die Bevölkerung hungerte, und einst fruchtbares Land schonungslos ausgebeutet war“, kommentiert Andrea Wulf. 

Humboldt hat uns auch heute viel zu sagen

Was mir beim Lesen dieses Buches naheging, war die Tatsache, dass wir heute kaum ein Stück weiter sind. Wir bearbeiten als Biokreis gemeinsam mit der ganzen Bio-Branche die gleichen Probleme, die in ihren fatalen Auswirkungen schon vor 200 Jahren für Alexander von Humboldt so offensichtlich waren. Warum, so frage ich mich, ist es so schwer, diese Erkenntnisse zu vermitteln? 

Humboldt warnte unter anderem vor den Folgen der landwirtschaftlichen Techniken seiner Zeit, unter denen die zukünftigen Generationen leiden würden, denn er sah, wie durch sie stabile Ökosysteme ins Wanken gerieten. Die Schlüsse, die er aus seinen Beobachtungen zog, sind so erstaunlich, weil er in einem Jahrhundert lebte, in dem die Herrschaft des Menschen über die Natur nicht zur Debatte stand. Ordnung und Unterwerfung der Natur waren zu seiner Zeit Grundprinzip menschlichen Handelns. 

 

Heute wissen wir, dass wir mit dieser Herangehensweise in den letzten 200 Jahren Vieles unwiederbringlich zerstört haben. Tier- und Pflanzenarten sind ausgestorben, unser Klima ändert sich schneller als wir es wahrhaben wollen und selbst im Marianengraben ist Mikroplastik nachweisbar. 

 

Ich meine, dass wir uns Humboldts Erkenntnisse zu Herzen nehmen sollten. Für ihn war klar: Der Mensch kann die natürliche Welt nicht nach Belieben zu seinem eigenen Vorteil verändern, denn er ist Teil der Natur und auf sie angewiesen. Die Konsequenzen unseres Handelns ohne Rücksicht darauf bekommen wir heute mehr und mehr zu spüren. 

Von Stephanie Lehmann

 

 

Weiterlesen: 

Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur, München 2015, Bertelsmann Verlag. 

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