„Ich esse immer mit Freunden“

Am 11.11.21 begrüßte der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) seine neue Vorstandsvorsitzende: Tina Andres (51), Geschäftsführerin der Bio-Märkte „Landwege“ und BNN-Vorständin, tritt die Nachfolge von Felix zu Löwenstein an. Im „Tischgespräch“ spricht die Biologin über authentisches Essen, einen konsequenten Lebenswandel und ihre Ziele als BÖLW-Chefin.

 

Frau Andres, auf Sie wartet eine große Aufgabe. Konnten Sie sich davor noch ein bisschen Zeit für sich selbst nehmen?

Ja, ich habe mir in den Sommerferien Zeit für mich und meine Familie genommen. Da mein Mann Franzose ist, waren wir im Urlaub in Frankreich auf dem Land. Mir als mehr als Vollzeit berufstätiger Mutter von zwei Kindern ist diese Auszeit heilig. Die vertrauensvolle Partnerschaft und Doppelspitze mit Klaus Lorenzen in der Geschäftsführung von „Landwege“ machen diese Zeiten für mich auch möglich.

 

Gehört zu solchen Auszeiten auch gutes Essen?

Natürlich! Ich bin seit 15 Jahren Bio-Lebensmittel-Einzelhändlerin und sehr froh, dass wir so ein breites Angebot an fantastischen regionalen Bio-Produkten haben. Bei „Landwege“ machen wir 30 Prozent des Umsatzes mit Produkten unserer 30 bäuerlichen Partner-Betriebe. Wenn ich koche, esse ich also immer mit „Freunden“, denn ich kenne die Produkte und ihre Geschichten. Ich kann zu jedem Produkt, das ich aus dem Regal nehme, eine Geschichte erzählen. Auch die Menschen kennen sich in unserer kleinen Branche. Das ist eine unserer Stärken, und darum vertrauen uns unsere Kund*innen. Dies gilt es zu bewahren, entwickeln und weiter auszubauen. 

"Die Menschen trauen uns Ökos andere Kompetenzen zu als früher."

Tina Andres

Sie sind überzeugt von einer konsequenten Ernährungsweise. Versuchen Sie auch andere zu bekehren, oder essen Sie nur mit Gleichgesinnten?

Ich habe immer versucht zu bekehren. Auch in der eigenen Familie war das ein langer Weg. Früher versuchte ich es mit flammendem Schwert, heute über Genuss. Ich liebe es zu kochen, die Speisen und die Tafel zu inszenieren und Gäste zu bewirten. Unser Thema – Ernährung und Lebensmittelproduktion – ist ein so alltägliches, dass man immer darüber sprechen und dabei noch die Kurve zur Politik bekommen kann. Und wir Menschen aus der Bio-Branche hatten immer recht damit, diese Themen zu setzen, denn sie lassen sich gar nicht mehr ausblenden. Ich habe das Gefühl, dass es hier auch eine neue Offenheit gibt. Die Menschen trauen uns Ökos andere Kompetenzen zu als früher.

 

Mit welchen kulinarischen Spezialitäten verführen Sie Ihre Gäste?

Ich koche alles mit Leidenschaft, was meinen Appetit weckt. In meiner Familie habe ich den Namen „Dessert-Queen“ bekommen. Wenn ich Zeit habe, bereite ich mit großem Eifer Nachspeisen zu. Aber ich liebe auch Vorspeisen, vom französischen Aperitif bis zur asiatischen Küche, und alle Formen von Antipasti. Ich koche besonders gern mit Gemüse, Fleisch ist dann das i-Tüpfelchen. Und ich liebe Kräuter und Gewürze und frage mich, wie man ohne Zitronenzesten überhaupt kochen kann (lacht). Frische inspiriert mich, und ich habe das Glück, täglich was davon aus dem Laden mitnehmen zu können.

 

 

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Wahrscheinlich werden Sie künftig mehr auf Achse sein. Wie versorgen Sie sich außer Haus?

Ich war auch bis jetzt durch die Vorstandschaft im Bundesverband Naturkost Naturwaren immer wieder unterwegs und nehme mir viel zu essen mit. Zum Glück bekomme ich aber heutzutage auch außer Haus meist eine vernünftige Bio-Versorgung. Ich esse sehr ungern konventionell, tierische Produkte bleiben mir regelrecht im Halse stecken.

 

In Ihrer Position müssen Sie eine Vorbildfunktion im Hinblick auf einen nachhaltigen Lebenswandel erfüllen. Setzt Sie das auch unter Druck?

Ich verlange diesen Lebenswandel schon lange von mir selbst und versuche, mein Leben so konsequent wie möglich zu gestalten. Aber natürlich hat jeder Mensch seine Schwächen, bei mir sind es zum Beispiel Kleider. Hier entsteht gerade eine Ökologisierung, die ich sehr schätze. Wenn ich jedoch für meine Kinder oder mich Kleidung online bestelle, muss ich alles doppelt und dreifach lesen, um sicher zu sein, dass es sich um nachhaltige Ware handelt. Daran sehen wir, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, so deutliche Kennzeichnungen wie in der Lebensmittelwirtschaft zu haben. Diese klaren Standards gibt es nicht in jeder Branche. 

Aber natürlich stelle ich mir auch die Frage: Bin ich angreifbar? Wir alle leben in einem System, das uns konterkariert in dem Versuch, so nachhaltig zu leben wie möglich. Wir sind stets zu Kompromissen gezwungen. Damit sich das ändert, sollten wir mit dem eigenen Lebenswandel einen Systemwechsel antizipieren, für Veränderung sorgen. Das ist seit Jahren mein Bestreben.

"Wir alle leben in einem System, das uns konterkariert in dem Versuch, so nachhaltig zu leben wie möglich."

Tina andres

Welches Ziel wollen Sie im BÖLW voranbringen?

Ich habe mir das Ziel gesetzt, mit oder trotz (!) der Politik am Aufbau eines tragfähigen und nachhaltigen Wirtschaftssystems innerhalb planetarer Grenzen mitzuwirken, mit dem es möglich ist, den Klimawandel noch zu beeinflussen. Die Ernährungswirtschaft hat daran einen enormen Anteil und die ökologische Lebensmittelwirtschaft hat valide Lösungsansätze zu bieten, die in diesem Umbau eine wichtige Rolle spielen müssen. Aktuell arbeite ich mich ein und werde meine persönlichen Fähigkeiten und Kompetenzen in den Dienst dieser Ziele stellen. Im BÖLW sehe ich eine unglaubliche Bündelung großer Kompetenz, Erfahrung und ein Höchstmaß an Motivation. Ich bin beeindruckt und motiviert durch das, was hier schon besteht. Gemeinsam müssen wir es schaffen, die Themen der ökologischen Lebensmittelwirtschaft  als Querschnittsthemen zu positionieren. Nicht nur Landwirtschaft, sondern auch Ernährung, Forschung, Wirtschaft, Gesundheit, Artenvielfalt und Klimaschutz sind unsere Themen. Ich denke, dass Peter Röhrig und ich uns in der gemeinsamen Vorstandsarbeit bei der Aufgabenverteilung gut ergänzen werden.

 

 

Tina Andres (51)

"Ich habe mir das Ziel gesetzt, mit oder trotz (!) der Politik am Aufbau eines tragfähigen und nachhaltigen Wirtschaftssystems mitzuwirken."

tina andres

Ihr Einstand ist am 11.11.21 Auf wen darf sich das Team des BÖLW freuen?

Das müssen Sie vielleicht das BÖLW-Team fragen, in ein paar Monaten ... Mit Felix zu Löwenstein geht ein Mann von unfassbarer Kompetenz und Menschlichkeit. Nun kommt eine Frau mit zwei kleinen Kindern, beruflich in allen drei Bereichen der ökologischen Wertschöpfungskette verankert  – wir werden sehen! 

 

Von Ronja Zöls-Biber