Schwänzeltanz und Brauseflug: Die Sprache der Bienen fasziniert

Prof. Dr. Jürgen Tautz löste vor gut zehn Jahren einigen Unmut in der Bienenforschung aus: Mit seiner Aussage, dass der Schwänzeltanz bei Honigbienen stark überschätzt sei, brachte er bis dahin fest verankerte Annahmen ins Wanken. Nun hatte der renommierte Bienenexperte im Rahmen des Biokreis-Imkereitags die Gelegenheit, die Ergebnisse seiner langjährigen Forschungsarbeit zu präsentieren. 

Faszinosum Honigbiene: Manches wissen wir noch nicht

Nach einer Einführung ins Thema durch Biokreis-Imkereiberater Marc Schüller erklärte Jürgen Tautz zunächst die kommunikativen Herausforderungen eines Honigbienenvolks. Als Superorganismus könne sich ein Bienenvolk gleichzeitig um Futter kümmern, Feinde abwehren und neue Nistplätze suchen. Doch diese Vielfalt und Gleichzeitigkeit der Tätigkeiten erfordere eine präzise Abstimmung zwischen den Individuen. Teils, so Jürgen Tautz, wüssten wir schon recht gut, wie das funktioniert. Vieles sei uns aber auch noch gänzlich unbekannt. 

 

Unter der Fragestellung „Was wissen wir? Was vermuten wir? Was wissen wir noch nicht?“ nahm Jürgen Tautz seine Zuhörerschaft zunächst mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Ein kurzer Abriss der Forschungsgeschichte zur Biene machte deutlich, dass die Faszination an der Honigbiene keineswegs etwas Neues ist. Schon lange gehen Menschen mit allerlei ausgefeilten Methoden der Frage nach, wie sich Bienen eigentlich verständigen. 

 

Ein Schlüssel zum Verständnis der Kommunikation ist der Schwänzeltanz, für dessen Erforschung und Entschlüsselung Karl von Frisch 1973 den Nobelpreis erhielt. Jürgen Tautz brachte im zweiten Teil des Vortrags seine Kritik an dessen etablierter Darstellung vor. So würde der Schwänzeltanz in der Literatur weitgehend idealisiert dargestellt. In Wirklichkeit sei der Tanz chaotischer und weniger präzise als meist angenommen. Die Entfernungs- und Richtungsangabe durch den Schwänzeltanz sei keineswegs so genau, dass Bienen allein aufgrund dessen in der Lage seien, einen Futterplatz zu finden, so Jürgen Tautz. 

 

Prof. Jürgen Tautz | Foto: Ingo Arndt
"Der Tanz ist enorm wichtig, aber er ist nur ein Baustein einer lückenlosen Zielführungskette.“
Jürgen Tautz

Der Schwänzeltanz ist nur ein Baustein in der Zielführungskette

„Der Tanz zeigt eben nicht die Richtung an“, erklärte Jürgen Tautz, sondern nur „einen Bereich, einen groben Sektor“. Diese grobe Ortsangabe zeige den anderen Bienen nur den ungefähren Weg, in deren Verlauf sie sich weiter orientieren müssen. Eine Suchphase löst den ersten zielgerichteten Abflug ab. Beim Auffinden der Futterstelle helfen dann zielführende Reize, zu denen der Duft der Blüten gehört, aber auch die Brauseflüge der bereits erfahrenen Sammlerinnen, die um die Lage des Futterplatzes wissen. Brausefliegende Bienen umschwirren die Blüten mit einer sichtbar geöffneten Duftdrüse an ihrem Hinterleib und entlassen den Duftstoff Geraniol, um den Futterplatz zu markieren. Die Brauseflüge zielen sowohl auf das Bewegungssehen als auch auf den Geruchssinn der anderen Bienen ab.

 

„Es geht nicht darum, dem Tanz eine Funktion abzusprechen“, stellte Jürgen Tautz klar, „im Gegenteil: Der Tanz ist enorm wichtig, aber er ist nur ein Baustein einer lückenlosen Zielführungskette.“ Erst durch den Brausetanz ergäbe sich ein genaueres Bild von der Bienenkommunikation. 

 

Im Anschluss an den Vortrag nutzten die teilnehmenden Imker*innen ausführlich die Gelegenheit, ihre Fragen an Jürgen Tautz zu richten. Von allerlei Fachfragen rund um die Imkerei ausgehend, kamen die Anwesenden auch auf grundlegende ökologische Fragen zu sprechen. Jürgen Tautz wies eindringlich darauf hin, dass die Bienen nur in gesunden und stabilen Ökosystemen ein Zuhause hätten; dazu gehörten zum Beispiel lichte Mischwälder. „Alles hängt mit allem zusammen, das hat uns schon Alexander von Humboldt vermittelt“, sagte Jürgen Tautz abschließend und plädierte für ökologisches Engagement im Interesse der kommenden Generationen. 

 

Trotz des Zuspruchs zu dem Online-Format stand auch die Hoffnung im virtuellen Raum, sich im kommenden Jahr wieder einmal im Naturkundehaus im Nürnberger Tiergarten versammeln zu können. In jedem Fall wird der Biokreis-Imkereitag wohl auch im kommenden Jahr ein wichtiger Treffpunkt für die ökologische Imkerei sein. 

 

von Stephanie Lehmann