Produzieren auf mehreren Stockwerken: Waldgartensysteme

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Der Autor Dr. Stephan Lehmann ist Leiter des Projekts WASYS (Waldgartensysteme als insektenfördernde, landwirtschaftliche Produktionsmethode) der STATTwerke e.V. Neuruppin.

Was ist ein Waldgarten?

Naturschutz, Landwirtschaft und Gartenbau kombinieren und damit zu Arten-, Klima- und Bodenschutz sowie zu einer ganzheitlichen Ernährung beitragen? Das ist mit der Anlage von Waldgartensystemen möglich. Waldgartensysteme als Anbauweise verbinden das Wissen aus der Forstwirtschaft, der Landwirtschaft, dem Gartenbau sowie dem Naturschutz. Sie basieren auf der Anlage von standortangepassten, klimaresilienten und fruchttragenden Bäumen, Sträuchern und mehrjährigen Pflanzen. Mit ihren verschiedenen Vegetationsschichten beherbergen sie somit eine Vielzahl an Pflanzen- und Tierarten, insbesondere Insekten. Derzeit existierende konventionelle Landwirtschaftsflächen, die vor allem durch wenig strukturierte Monokulturen geprägt und artenarm sind, könnten mit dieser Anbaumethode in insektenreiche, naturnahe und produktive Waldgartensysteme umgestaltet werden ‒ zur Produktion von Nahrungsmitteln und zur Schaffung von vielfältigen Lebensräumen.

 

Damit grenzen sie sich von anderen Landwirtschafts- und Agroforstsystemen vor allem durch ihre biologische Widerstandsfähigkeit, ihre hohe Flächenproduktivität, ihre geringe Pflegeintensität und durch den Verzicht auf Ackergifte, organische Düngung und Bodenbearbeitung ab. Sie bringen viele ökologische Vorteile auf den Acker: verbessertes Mikroklima, Umverteilung von Nährstoffen aus tiefen Bodenschichten, Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit, Aufwertung von Grenzertragsstandorten und natürliche Schädlingsregulierung.


Waldgartensysteme als Anbauweise verbinden das Wissen aus der Forstwirtschaft, der Landwirtschaft, dem Gartenbau sowie dem Naturschutz.


Wie sieht ein Waldgarten aus?

Um Waldgartensysteme wissenschaftlich hinsichtlich Insektendiversität, Klimaresilienz und Wirtschaftlichkeit zu untersuchen, legt der STATTwerke e.V. unter der Leitung von Stephan Lehmann und durch Förderung des Bundesprogramms Biologische Vielfalt fünf verschiedene Waldgartenproduktionsmethoden in Kyritz, Barenthin und Kolrep in Brandenburg auf einer Fläche von zwölf Hektar an. Untersucht wird die Artenvielfalt ausgewählter Insektengruppen wie Ameisen, Laufkäfer und Tagfalter bezüglich ihrer Anzahl und Häufigkeit – und zwar in den unterschiedlichen Produktionsmethoden und in ihrer Unterscheidung zu einer konventionell bewirtschafteten Probefläche. Dabei wird der zeitliche Verlauf beginnend ab der Pflanzung über die Etablierungsphase bis zur Ertragsphase (ab dem fünften Jahr) betrachtet. Außerdem werden die fünf Produktionsmethoden hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit gegenübergestellt und untersucht. Nach der Etablierung soll die hohe Produktionsleistung des Systems Waldgarten langfristig nachgewiesen werden und auch ein Bildungsangebot entstehen, das zum Nachahmen anregt.

 

 

Wirtschaftlichkeit und Artenvielfalt: Auf diese Potenziale hin werden derzeit verschiedene Waldgartensysteme untersucht.

Im Detail werden folgende Produktionsmethoden untersucht: 

 

1. Waldgarten: sukzessives System mit anschließendem Bestandesschluss

Ziel ist die Nachahmung eines geschlossenen Waldbestandes ohne Freiflächen in verschiedenen Sukzessionsphasen.

 

2. Klimawaldgarten: sukzessives System mit anschließendem Bestandesschluss unter Verwendung klimaresilienter Pflanzenarten
Der wesentliche Unterschied zur ersten Methode besteht in der Verwendung wärmeliebender, trockenheitstoleranter Gehölz- und Staudenarten, die die zukünftig wahrscheinlich eintretenden klimatischen Bedingungen widerspiegeln. 
 
3. Waldlichtungsgarten: silvoarabel
In dieser Methode werden Waldgartenstrukturen und Lichtungsflächen kombiniert. Diese Kombination sorgt für eine hohe, für Insekten attraktive, strukturelle Vielfalt und schafft ein besonders für den Gemüseanbau attraktives Kleinklima.
 
4. Waldlichtungsgarten: silvopastoral
Hier werden Waldgartenstrukturen, Weideflächen sowie der Anbau von Acker- und Gemüsekulturen kombiniert. Weide-, Acker- und Gemüseflächen unterliegen einem jährlichen Wechsel. Die Weideflächen werden angelehnt an das Konzept des „Holistic Farming“ und nochmals in verschiedene Weideabschnitte unterteilt, wobei drei Flächen zur Erhöhung der Artenvielfalt lediglich einmal jährlich beweidet werden.
 
5. Aufgewertete Kurzumtriebsplantage: sukzessives System mit kurzen Umtriebsphasen (Coppicing)
Hierbei wird ein circa ein Hektar großer Hybridpappelbestand zur Energieholzgewinnung angelegt und durch Mehrfachnutzung mittels Waldgartenelementen, wie streifenweiser Einbringung von Esskastanienreihen und der Haltung von Hühnern, aufgewertet. Folgende Nutzfunktionen stehen im Fokus: Energieholznutzung, Eierproduktion und Waldgartenprodukte wie Gemüse- und Fruchtproduktion.

Wie gelingt ein Waldgarten?

Die praktische Umsetzung ist abhängig von verschiedenen Faktoren wie Betriebsziel, Betriebsgröße und standörtliche Begebenheiten und kann für jeden Betrieb individuell variieren. Generell gliedern wir im Vorhaben in drei Pflanzphasen: 1. Jahr: Pflanzung von Hauptbaumarten. 2. Jahr: Pflanzung von Sträuchern. 3. Jahr: Pflanzung von mehrjährigem Gemüse und Kletterpflanzen. Ziel ist ein Bestand mit möglichst vielen südwestwärts gerichteteten Waldrandzonen. Waldgärten sollten in Zukunft aus Gründen des Ressourcen-, Natur- und Klimaschutzes elementarer Bestandteil einer diversen Kulturlandschaft werden. Dazu bedarf es allerdings der Änderung einer Vielzahl von rechtlichen Vorgaben.

 

 

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Was wird gepflanzt?

Im Grunde eignen sich alle standortangepassten Bäume, Sträucher und mehrjährige staudige Pflanzen, die einen Nutzwert erbringen. Für besonders zukunftsträchtig erachte ich Nussbäume beziehungsweise Ertragssorten der Gattungen Carya und Juglans. Auf den angelegten zwölf Hektar des Projekts wurden mehr als 250 Kulturen, Sorten und Varianten gepflanzt, von denen jede auf ihre Weise unterschiedlich verwertbar ist. Um einen kleinen Einblick in die Pflanzenvielfalt zu bekommen, gibt es hier eine beispielhafte Auflistung der Pflanzen aus der Produktionsmethode 1.

 

  • Erste Baumschicht: großfrüchtige Eiche, Zirbe, Apfel, Birne, Pflaume, Süß- und Sauerkirsche, Walnuss, Schwarznuss und Eberesche
  • Zweite Baumschicht: schwarzer Holunder, Kornelkirsche, Haselnuss, Weißdornertragssorten, Kupfer-Felsenbirne und Mispel
  • Strauchschicht: Erbsenstrauch, Johannis- und Stachelbeerartige, Himbeer- und Brombeerartige, Apfelbeeren, Apfelrose, Hybrid-Ebereschen, Erlenblättrige Felsenbirne, Ginster und Schatten- und halbschattenvertragende Gemüse-, Gewürz- und Heilpflanzen
  • Kletterpflanzen:  Kaukasischer Spinat, Hopfen und Mini-Kiwi

Die Produktivität ist durch die Ausnutzung der verschiedenen Stockwerke des Waldes als Produktionsfläche pro Flächeneinheit weit höher als monokulturelle Anbausysteme ohne Gehölzanteil. Fördermöglichkeiten für reine Waldgärten mit flächigem Gehölzbestand bestehen zum derzeitigen Zeitpunkt im Rahmen der jetzigen Landwirtschaftsförderung nicht. Für Mischsysteme wie Waldlichtungsgärten können unter Umständen mit fachlicher Beratung Fördermittel in Anspruch genommen werden.

Mehr Insekten, sinkende Kosten

Erste fundierte Ergebnisse hinsichtlich der Untersuchung sind nach Abschluss des ersten Beprobungszeitraums im Herbst zu erwarten. Ein erster Trend lässt sich jedoch schon abschätzen. Bereits im ersten Jahr nach der Pflanzung ist eine deutliche Erhöhung der Insektenvielfalt der Waldgartenflächen gegenüber der konventionell bewirtschafteten Probefläche erkennbar. Zwischen den verschiedenen Waldgartenmethoden werden sich die Unterschiede in den nächsten Jahren ausdifferenzieren. Hinsichtlich unserer Untersuchung zur Wirtschaftlichkeit lassen sich noch keine Aussagen treffen. Wegen des späten Ertragseintritts bei Gehölzen gegenüber einjährigen Kulturen und aufgrund der Pflanzkosten ist von einer relativ hohen Anfangsinvestition in der Etablierungsphase auszugehen. Danach fallen im Gegensatz zu einjährigen Kulturen keine oder sehr wenig Kosten an, während die Erträge steigen und verlässlich Jahr zu Jahr anfallen.

 

 

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Bereits im ersten Jahr nach der Pflanzung ist eine deutliche Erhöhung der Insektenvielfalt der Waldgartenflächen gegenüber der konventionell bewirtschafteten Probefläche erkennbar.


Enormes Zukunftspotenzial

Das Zukunftspotential von Waldgartensystemen ist riesig. Waldgartensysteme gehen viele der aktuellen und akuten Probleme wie Biodiversitätsverlust, Klimakrise, Bodenverarmung und Ressourcenabfluss aus dem ländlichen Raum (Stichwort regionale Wertschöpfung) umfassend an. Sie sind damit zukunftsweisend für die Landwirtschaft und die Landbevölkerung. Wenn wir also davon ausgehen, dass die jetzigen Anbausysteme diese Problematiken nicht lösen und damit in Zukunft nicht ertragsfähig sind, lohnt sich die Anfangsinvestition in Waldgärten zur zukünftigen Ernährungssicherung in jedem Fall!

 

Von Dr. Stephan Lehmann