„Bio ist von seinem Fundament her ethisch bestimmt“

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Prof. Franz-Theo Gottwald ist bekannt als Hochschullehrer für Agrar- und Umwelt-Ethik, als Politik- und Unternehmensberater sowie als Publizist und Autor. Ein Dialog über Moral und Fairness in der Bio-Branche.

 

Herr Prof. Gottwald, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Ethik in der Land- und Lebensmittelwirtschaft. Wie würden Sie hinsichtlich dieses Aspekts den Status-quo in der Bio-Branche beschreiben?

Die Bio-Branche war und ist von ethischen Überzeugungen angetrieben. Sie will vieles auf dem Acker, im Stall und in der Landschaft Schritt für Schritt immer besser machen. Und sie hat auch schon bewiesen, dass sie nicht nur moralische Ansprüche an die mitmachenden Unternehmen entlang der Kette stellt, sondern sie auch umsetzt, und zwar kontrollierbar! In weiten Teilen der Gesellschaft wird die Umstellung auf Ökolandbau, die Verarbeitung und Vermarktung von Bio-Produkten im Vergleich zur konventionellen Land- und Lebensmittelwirtschaft deshalb als ethisches Wirtschaften verstanden. Der Bio-Branche wird im Vergleich mit der konventionellen Lebensmittelwirtschaft eine relative moralische Vorzüglichkeit zugesprochen. Denn der Kern der Bio-Branche, der ökologische Landbau, zeichnet sich vor allem durch eine ressourcenschonendere, umwelt- und tiergerechtere Form der Landwirtschaft aus, die einen geschlossenen Nährstoffkreislauf anstrebt und vielfältige Fruchtfolgen anbaut. Damit werden viele gesellschaftliche Erwartungen an eine nachhaltige, enkeltaugliche, moralisch verantwortbare Landwirtschaft erfüllt.

"Mithin gehören für mich Ökolandwirtschaft und Fairness zusammen!"
Prof. Franz-Theo Gottwald

Die Bio-Branche hat sich vor allem den Schutz der Umwelt und der Tiere auf die Fahnen geschrieben: Wie sieht es mit dem Schutz des Menschen aus?

Ich bin sicher, dass alle drei Schutzanliegen in der Bio-Branche gepflegt, gehegt und immer weiter und zunehmend stärker den Bio-Markt prägen werden. Dass es Bio immer auch um den Menschen geht, belegt zum Beispiel das breit getragene Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. Bio ist ein streng genormtes und überprüftes System, das idealerweise nach vier Prinzipien funktioniert:

 

  1. Gesundheit
  2. Ökologie
  3. Gerechtigkeit
  4. Sorgfalt

Diese Prinzipien haben normativen Charakter. Sie prägen den menschlichen Umgang mit allen Marktpartnern und eine „Kultur des Wir“, die für alle Akteur*innen am Bio-Markt  ̶  nimmt man schwarze Schafe aus  ̶  mehr oder weniger verbindlich ist. Diese Prinzipien sind unteilbar. Sie gelten also für das Verhalten gegenüber allem Lebendigen. Bio ist dadurch von seinem Fundament her ethisch bestimmt. Mithin gehören für mich Ökolandwirtschaft und Fairness zusammen!

 

 

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Sollten Bio-Richtlinien auch ethische und moralische Werte beinhalten?

In einigen Verbänden gibt es Kriterien, um das Wirtschaften auf seine soziale Dimension hin zu überprüfen. Solche Sozialstandards und Auditierungs- und Zertifizierungssysteme für Fairness begrüße ich sehr. Hinter jedem Standard steht ein belastbares Ethos: Werte wie Gleichheit, Solidarität, Bildung, Gesundheit und Kinderarbeitsfreiheit werden auf diese Weise zu einer überprüfbaren Norm.

 

Wie sieht eine funktionierende Wirtschaftsweise aus, die nicht auf Kosten von Natur, Mensch oder Tier geht?

Diese Zukunftsvision ist in Teilen schon Gegenwart. Dies zeigt der sich außerordentlich gut entwickelnde Bio-Markt. Bio strebt an, zum Wohle von Natur, Mensch und Tier zu wirken. Diese Wirtschaftsweise würde noch einmal äußerst dynamisiert, wenn im Lebensmittelhandel eine Umstellung des Preissystems nach den Regeln der wahren Kosten eingeführt würde. Erste Beispiele dafür gibt es, und der Druck auf Politik und Handel, sich in diese Richtung zu verändern, wächst.

 

Welche Rolle spielen dabei regionale Wertschöpfungsketten? 

Der Bio-Markt ist international. Auch wenn es zunehmend Beispiele für die zukunftsweisende Bildung regionaler Wertschöpfungsketten gibt. Aber bei Obst und Gemüse, bei Tee, Kaffee, Gewürzen, Ölen und teils auch bei sogenannten Superfoods aus Südamerika oder anderen Kontinenten sind internationale Lieferketten und deren Nachhaltigkeit entscheidend. Für diese braucht es, genauso wie bei regionalen Wertschöpfungsketten, faire Regeln oder die schnelle Umsetzung des Lieferkettengesetzes.

"Es geht um die Neuordnung für Tier-, Klima-, Biodiversitäts-, Boden- und Gewässerschutz."
PROF. FRANZ-THEO GOTTWALD

Die meisten Menschen würden spontan sagen: Ich möchte mich so ernähren, dass es der Natur, den Menschen und den Tieren gut geht. Dem stehen meist wirtschaftliche Gründe entgegen. Wie können Gefühl und Intuition die ökonomische Perspektive bezwingen? 

Wir entwickeln uns gesamtgesellschaftlich mehr und mehr in Richtung eines umfassenden Verständnisses von Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit wird für immer mehr Menschen zu einer erstrebenswerten Realität, da in ihr die Sehnsüchte der meisten Menschen nach einer gesamtheitlich günstigen Entwicklung von innerem und äußerem Wohlstand vereint sind: Die Befriedigung sozialer, ökologischer, ökonomischer und kultureller Bedürfnisse wird dementsprechend bei Interessenskonflikten mittels klugem Abwägen gemeinsam angestrebt und bei entsprechenden Entscheidungen wie etwa beim Stallbau, beim Tierwohl-Management oder beim Einkauf seitens der Kundschaft zu einer neuen, anziehenden Wirklichkeit. Man erlebt sich besonders selbstwirksam, wenn man nicht nur ökonomische Interessen verfolgt. 

 

Kann man mit regionaler und fairer Bio-Landwirtschaft die Welt ernähren?

Wenn man die Vielfalt agrarökologischer Ansätze und tradierter bäuerlicher Anbausysteme auf allen Kontinenten dazurechnet, dann sagt zumindest der Weltagrarbericht, dass die Welt auch bei 10 Milliarden Menschen mit Bio satt werden kann  ̶  allerdings unter sehr voraussetzungsvollen Bedingungen, was die Zugänge zu Land, Landnutzungsänderungen, Technisierung und Bildung angeht, aber auch, was die Änderungen der Konsumgewohnheiten, etwa deutlich weniger Produkte tierischen Ursprungs, das Vermeiden von Ernteverlusten, von Lebensmittelverlusten und 

-verschwendung betrifft. Es wird zunehmend von einer „planetary health diet“ gesprochen, also von einem Speiseplan für eine gesunde und nachhaltige Ernährung, der Hunger, Mangel- und Fehlernährung verbannt  ̶  weltweit!

 

Welchen Rat würden Sie gerne dem neuen Landwirtschaftsminister erteilen?

Mit Ratschlägen bin ich immer sehr vorsichtig! Der Bundeslandwirtschaftsminister und sein Team haben durch den Koalitionsvertrag klare Handlungsaufträge bekommen, insbesondere zum Schutz der landwirtschaftlich genutzten Tiere. Die Hauptaufgabe ist aber komplexer: Es geht um die Neuordnung und zusätzliche Schaffung von Fördermitteln für Tier-, Klima-, Biodiversitäts-, Boden- und Gewässerschutz. Nur wenn alle Zielstellungen auch wirklich von den Landwirt*innen umgesetzt werden können, weil das gesellschaftlich Gewollte endlich einkommenswirksam wird, nur dann hat die neue Regierung gezeigt, was sie zu leisten vermag. Es muss dafür deutlich mehr Geld auf die Betriebe, die die Nahrungsgrundlagen erzeugen und zugleich Lebensräume erhalten.

 

Von Ronja Zöls-Biber

 

Prof. Franz-Theo Gottwald war von 1987 bis 2020 Vorstand der Schweisfurth Stiftung und ist als Publizist und Autor von Fachpublikationen in den Bereichen Ethik, Nachhaltige Entwicklung, Corporate Responsibility, ökologische Agrar- und Ernährungskultur sowie Bewusstseins- und Zukunftsforschung.