„Heiner war der erste ‚Grüne‘ im Dorf“

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In seiner Heimat Gonnersdorf im Landkreis Fürth, Franken, ist Biokreis-Landwirt Fritz Stiegler (60) schon viele Jahre als Mundart-Dichter, Musical-Texter und zuletzt Roman-Autor bekannt. Zwei Bücher hat er bereits veröffentlicht, nun erschien sein Werk „Heiner“. Im Interview spricht er über den echten Heiner, die Botschaft seines Romans und die Landwirtschaft vergangener Tage.

 

Herr Stiegler, woher stammt diese Geschichte von Heiner?

Als das Haus unserer Nachbarn umgebaut wurde, fand man einige Briefe an Heiner, der hier bis in die 80er-Jahre gelebt hat. Es waren Briefe von Anna, mit der er wohl als junger Mann eine Verbindung eingehen wollte, und von anderen Frauen, die auf seine Bewerbungen für eine Ehe antworteten. Anhand dieser Briefe sieht man, dass Liebe damals nicht wichtig war. Es ging um das Ersparte und den christlichen Lebenswandel. Ich fand Heiners Lebensgeschichte spannend und recherchierte nach.

 

Kannten Sie Heiner persönlich?

Ja, ich kannte ihn als alten Mann, der sich lange nicht von seinen Tieren, mit denen er immer gesprochen hatte, trennen konnte. Manchmal schlief er tagsüber draußen vor seinem Haus auf einem Sack, und ich bin oft vom Schlepper gestiegen, um zu schauen, ob er noch lebt. Er sah immer so friedlich aus. Ich erinnere mich auch daran, dass er oft am Gartenzaun stand und mit meiner Mutter sprach. Mit seiner Frau konnte er nicht sprechen. Wir Kinder hatten Angst vor ihr.

 

Sie haben sich als junger Mann mit dem Schreiben ihr Taschengeld aufgebessert, weil Sie wenig Geld hatten. Wie viel von Ihnen steckt in der Figur des Heiners, der als junger Knecht auch immer wieder sein Geld zählt?

Es ist sicher auch was Biographisches in dem Buch. Die Lehrfahrt mit dem Rinderzuchtverein beinhaltet meine eigenen Erinnerungen. Anna habe ich nach dem Vorbild einer mir bekannten Frau beschrieben – eine alte herzliche Bäuerin, die ich beim Schreiben immer im Kopf hatte. Und der Nachbar ist mein Vater. Auch das Bild auf dem Buchumschlag zeigt meinen Vater.

 

Warum wollten Sie das Leben von Heiner unbedingt aufschreiben?

Ich wollte zum einen eine Geschichte der alten sterbenden Generation vor dem Verlorengehen bewahren. Zum anderen will ich mit diesem Buch eine Botschaft vermitteln: Wie leicht manipulierbar die Jugend in der Zeit der Weimarer Republik durch Propaganda war und wie begründbar diese Tatsache ist. Es gab kaum Arbeit, viele litten an Hunger, die Frauen – vor allem die Mägde – waren nichts wert. Es muss trostlos gewesen sein, als Zweitgeborener ohne Hof zu sein und sich nichts aufbauen zu können. Die damalige Empfänglichkeit für Hitler ist erklärbar. Obwohl es den Leuten heute besser geht, werden die Ideen des Nationalsozialismus wieder hoffähig. Das darf man nicht zulassen.

 

Auch wenn Sie über schwere Zeiten und ein hartes Leben schreiben, hat diese einfache Lebensweise und naturnahe Landwirtschaft auch etwas Schönes …

Ja, das Buch birgt auch ein Museum alter Landwirtschaft. Mein Vater ist hierfür ein guter Ratgeber. Die Bauern, Knechte und Mägde waren eng mit der Natur verbandelt. Heute fehlt dafür die Zeit. Ich kann mich daran erinnern, dass ich als Kind gemeinsam mit meiner Familie einen halben Tag Futter für das Vieh zusammengerecht habe. Da entwickelt sich einfach eine starke Verbundenheit mit der Erde. Heiner war der erste „Grüne“ im Dorf. Auch in den 70er- und 80er-Jahren wurde auf seinen Flächen nicht gespritzt.

 

Ein Landwirt als Autor: Wie geht das?

Mit extremer Disziplin. Ein Buch zu schreiben, kostet einen Großteil der Freizeit. Daher schaue ich auch kaum fern. Ich habe keine guten schulischen Voraussetzungen für das Schreiben, habe einen mittelmäßigen qualifizierenden Hauptschulabschluss. Die Schule war nicht wichtig, da mein Weg vorbestimmt war. Ich sollte den Hof übernehmen. Natürlich ist für das Schreiben Talent nötig. Ich habe ein gutes Bauchgefühl für den Satzbau. Aber man lernt, indem man verbessert wird und Ratschläge annimmt. Man lernt schreiben, indem man es zulässt.

 

Was ist lukrativer: die Landwirtschaft oder das Schreiben?

Die Landwirtschaft. Vom Schreiben zu leben – das wäre ein armes Leben. Nur die Spitze des Eisbergs verdient mit Büchern viel Geld.

 

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"Man lernt schreiben, indem man es zulässt."

Fritz Stiegler

 

Sein drittes Werk Heiner, erschienen im Volk Verlag 2021, umfasst 336 Seiten und kann für 22€ erworben werden.

Fritz Stiegler. Bild: Mathias Schäfer

Über das Leben eines Bauernsohns in einer sich verändernden Welt und Landwirtschaft. Eine Rezension.


Heiner ist kein Held. In Fritz Stieglers 2021 erschienenem Roman mit der gleichnamigen Titelfigur geht es um einen Mann, der einmal viel wollte, aber nicht alles davon erreichen konnte. Und wir als Leser*innen begleiten Heiner auf seinem Weg von der Knechtschaft bis zum fränkischen Kleinbauerntum, auf dem Heiner vieles passieren lässt, oftmals die bequemeren Schritte wählt und an anderen Stellen für das einsteht, was ihm wichtig ist – authentisch eben.

 

Heiners Geschichte ist nicht erfunden. Hinterlassene Briefe und historische Tatsachen bilden Grundlage und Gerüst für diesen Roman über einen zweitgeborenen Bauernsohn, der klug, lernbegierig und fleißig ist und dem doch nichts anderes zu bleiben scheint als die Knechtschaft auf den umliegenden Höfen. 

Noch zu Zeiten der Weimarer Republik findet er eine Anstellung auf einem ärmlichen Hof. Morgens muss er im Stall aus dem Milcheimer trinken, um satt zu werden. Von Station zu Station ergeht es ihm besser, und er kommt zu Bauern, bei denen er seinen Hunger stillen und auch noch etwas lernen kann. Seinen lang gehegten Traum, auf die Landwirtschaftsschule zu gehen, ordnet er jedoch mehr und mehr der Realität unter. Das Geld reicht nicht, der Krieg kommt dazwischen – und irgendwann sieht Heiner die einzige Möglichkeit, sein eigener Herr zu werden, in einer wirtschaftlich vorteilhaften Eheschließung. Dafür allerdings muss er seine Liebe zu der Magd Anna aufgeben. 

 

Bauer wird er – und darin findet er seine Berufung. Er arbeitet im Einklang mit den Tieren und der Natur – und hält bis zum Tod daran fest. Auch wenn die Nachbarschaft irgendwann mit Giftspritzen aufs Feld hinausfährt, Heiner bleibt bei seinen Überzeugungen. Doch den Einklang mit den Menschen zu finden – das fällt ihm schwer. Mit seiner Frau kann er sich das ganze Leben nicht arrangieren – bis zuletzt denkt er an Anna. Und dass er den Nazis immer nur zugesehen hat, dass er auch zwei jüdischen Frauen aus dem Dorf nicht zu Hilfe gekommen ist, verfolgt ihn bis zum letzten Tag.

 

Die detailreichen Schilderungen der Interieurs, der ursprünglichen Natur und der kleinen Alltagshandlungen ziehen uns Leser*innen rasch in Heiners Welt hinein. Lebhafte Dialoge und ein feiner Humor bringen Farbe in die schnörkellosen, bescheidenen Kulissen. Nicht zuletzt lässt uns dieses Buch erleben, wie vielschichtig Entscheidungen den eigenen Weg gleichzeitig in die richtige und in die falsche Richtung lenken können. Es zeigt, dass das Leben – schaut man mit ehrlichem Blick darauf – unerfüllt bleiben muss und das Hadern dazugehört. Doch wenn Heiner immer wieder das kleine Glück bei seinen Tieren, bei Rühreiern mit Schinken oder am warmen Kachelofen findet, führt uns das Buch auch vor, wie viel Zufriedenheit in der Einfachheit liegen kann.

 

Von Ronja Zöls-Biber