Bio oder konventionell?

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Kaum jemand kennt sich so gut mit Bio-Kartoffeln aus wie Carsten Niemann (62). 1987 hat er den ersten Kartoffel-Betrieb umgestellt. Als Geschäftsführer der Bio Kartoffel Nord GmbH und Co. KG in Lüchow in Niedersachsen und Ökolandwirt weiß er um die großen und kleinen Unterschiede zwischen dem konventionellen und dem biologischen Kartoffelanbau. Diese beginnen beim Denken und enden bei der Vermarktung. 

Systemunterschied

Der wesentliche Unterschied zwischen ökologischem und konventionellem Kartoffelanbau liegt laut Carsten Niemann im Denken. „Viele Konventionelle arbeiten so als wollten sie die Welt beherrschen und den Anbau mit den richtigen Hilfsmitteln und Gewalt durchsetzen“, sagt er. Als Öko dagegen müsse man die Strömung nutzen, die dem eigenen Ziel zuträglich sei. Beispiel Krautfäule-Bekämpfung: Sieben bis neun Mal werde im konventionellen Anbau mit systemischen Fungiziden gegen den Pilz vorgegangen, um das Blattwerk grün zu halten und den Maximalertrag zu erzielen. Und dann – im Extremfall werde einen Tag nach dem Spritzen gerodet und das Blatt chemisch abgetötet. „Erst Vollgas, dann Vollbremsung – anstatt die Pflanze in den letzten Lebensabschnitt hineingleiten zu lassen“, kritisiert Carsten Niemann diese Vorgehensweise. Im Ökolandbau gehe es im Gegensatz dazu darum, richtige Sorten, Zeitpunkte und Fruchtfolgen zu finden.

"Erst Vollgas, dann Vollbremsung – anstatt die Pflanze in den letzten Lebensabschnitt hineingleiten zu lassen."
carsten niemann

Sorte

Die Wahl der Sorten richtet sich im konventionellen Anbau nach dem gewünschten Endprodukt. Für Kartoffelchips werde beispielsweise die Sorte Saturna bevorzugt. Der erforderliche wirtschaftliche Ertrag könne aber nicht ohne chemischen Aufwand erzielt werden. Bio-Kartoffeln werden nach Geschmack, Robustheit und Lagerfähigkeit ausgewählt. Auch die Ertragserwartung ist bei den ökologischen Betrieben niedriger als bei den konventionellen. Trotzdem könne auch ein Öko-Betrieb mit Glück eine ähnlich große Ernte einer hochwertigen Speisekartoffel einfahren. 

Schädlingsbekämpfung

Der Kartoffelkäfer kommt jedes Jahr. Doch in den vergangenen Jahren habe sich der Bestand vermehrt. Im konventionellen Ackerbau werde chemisch alles tot gespritzt, im ökologischen Landbau setzt man auf Fruchtfolgen und die Verwendung des biologischen Mittels Neem Azal. „Es fällt mir persönlich schwer, mit der Spritze übers Feld zu fahren. Ich denke, in der Verbraucherschaft wird das ebenfalls kritisch beäugt“, gibt Carsten Niemann zu. Doch auch der Ökolandbau komme in diesem Fall nicht ums Spritzen herum. 

 

 

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Pilzbekämpfung

Die Kraut- und Knollenfäule ist der Pilz im Kartoffelanbau – und die Frage sei niemals, ob sie auftritt,  sondern wann sie auftritt. Je später, desto besser, denn umso größer ist die Knolle bereits. Auch wenn die Fäule im konventionellen Anbau chemisch bekämpft wird, trete sie auch dort auf, und am Ende höre man auch bei konventionellen Kolleg*innen immer wieder: „Mir ist eine Box hochgegangen“; das heißt die Fäule hat in der Lagerkiste die Knolle erwischt und sie zerstört.

 

Hier sei ein umfangreiches Wissen von Nöten, das damit beginnt, dass eine blattkranke Pflanze auch eine gesunde Knolle hervorbringen kann. Denn die Knolle wird nicht über den Saftstrom infiziert, sondern über Sporen von toten Blättern, die sich auf dem Damm verteilen und beim Roden durch die belastete Erde auf die Kartoffeloberfläche gelangen. Durch die Schale könne sie aber nur durch Schwimmen eindringen. Gerodet werden solle daher nie bei hoher Luftfeuchtigkeit oder Nieselregen, denn dann wird die Spore eingeschwemmt. „Wenn doch einmal eine Kiste vom Schauer erwischt wird, wird diese gekennzeichnet und extra gestellt. Hier kommt es immer zur Knollenfäule“, erzählt Carsten Niemann von seinen Erfahrungen. Der richtige Zeitpunkt der Ernte zähle also.

 

Und dieser sei im konventionellen Anbau oft brutal auf ein bestimmtes Datum festgelegt. Ist der Kraut- und Knollenfäule gar nicht mehr beizukommen, wird auch im Ökolandbau ein Mittel eingesetzt: das umstrittene Kupfer. „Wenn man bedenkt, dass auf einem Schlag nur alle vier bis fünf Jahre Kartoffeln angebaut werden und 750 Gramm dieses natürlicherweise im Boden vorhandenen Stoffs pro Hektar erlaubt sind, sind die negativen Auswirkungen hier viel geringer als mit Chemie gegen die Fäule vorzugehen“, weiß Carsten Niemann. Trotzdem: Diese Lücke sei im Ökolandbau vorhanden. Bio sei in der Entwicklung, und hier werde derzeit auch geforscht. Durch den Anstieg der Bodentemperatur um etwa 1 Grad habe es im Boden zudem einen Strukturwandel gegeben und damit eine Vermehrung von Pilzen.

"Es fällt mir persönlich schwer, mit der Spritze übers Feld zu fahren."
carsten niemann

Düngung

Im konventionellen Anbau werden 160 bis 200 Kilo Stickstoff pro Hektar gedüngt, im Ökolandbau etwa die Hälfte, also 80 bis 100 Kilo. „Diesen Unterschied schmeckt man“, betont Carsten Niemann. Aufgrund der mangelnden Qualität sei etwa in den vergangenen Jahren bei den Discountern der Absatz konventioneller Kartoffeln zurückgegangen und man habe in der Folge zunehmend auf Bio-Kartoffeln gesetzt. 

Wasser

Mittlerweile gibt es einen hohen Teil an Beregnungsbetrieben – Tendenz zunehmend. Denn durch den Klimawandel dringe die Beregnung in neue Gebiete vor wie etwa Richtung Emsland, wo sie früher nicht nötig war. In den Dürrejahren 2018 und 2019 hätten diese Betriebe gutes Geld verdient. Beregnung betreffe konventionelle als auch Öko-Betriebe. „Bei der Beregnung ist auch Bio sehr konventionell“, bekennt Carsten Niemann.

 

 

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Lagerung

Ein Kistenlager ist heute Standard, die Ökos hätten hier frühzeitig investiert. Bei sämtlichen Bio-Betrieben, die er kenne, seien gute Lagerbedingungen vorzufinden. Und einzelne Direktvermarkter*innen, die ihre Kartoffeln in der Scheune lagern, hätten diese einfach anders im Blick und würden damit auch zurechtkommen. Und doch haben Konventionelle mit der Begasung der Ware noch einmal andere Möglichkeiten der Lagerung und Lieferfähigkeit. Einige Bio-Betriebe entschieden sich für das System der Druckbelüftung, das Carsten Niemann jedoch nicht so gut gefällt. „Mit Gewalt Kartoffeln trocken zu pusten und dabei viel Energie zu verschwenden – das geht auch einfacher.“

 

Nach der Ernte müssten die Kartoffeln erst einmal draußen stehen, bevor sie eingelagert werden. Man müsse natürlich den nötigen Platz dafür haben, es dürfe nicht regnen, und dieses Verfahren bremse womöglich auch die Rodung. Dennoch werde hier die natürliche Zirkulation der Luft in der Kiste genutzt – und diese sei durch nichts zu ersetzen. „Aber das ist keine Mehrheitsmeinung und darf auch diskutiert werden“, fügt Carsten Niemann hinzu. Er könne kaum glauben, wie sich die Herausforderung der Lagerung in den vergangenen 20 Jahren verändert habe. Damals musste er die Kartoffeln vor Frost schützen, heute muss er sie gegen die Wärme isolieren. 

Vermarktung

Momentan gibt es genügend Anbaufläche und Bio-Kartoffeln. „Wenn Cem Özdemir es richtig machen will, muss er die Schälkartoffeln in die Außer-Haus-Verpflegung, also in die Kantinen und Mensen, bringen“, ist für Carsten Niemann klar. Dort würden die Bio-Kartoffeln dann die konventionellen in Pommes und Co ersetzen. Die Produktion könne bei Bedarf problemlos und schnell hochgefahren werden. 

 

Von Ronja Zöls-Biber

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"Viele Konventionelle arbeiten so als wollten sie die Welt beherrschen und den Anbau mit den richtigen Hilfsmitteln und Gewalt durchsetzen."
carsten niemann, Geschäftsführer bio kartoffel nord gmbh und co. kg