„Für eine Kuh, die keine Plastikreste gefressen hat, gibt es kein Label zur Vermarktung!“

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Der NABU (Naturschutzbund Deutschland) gab 2019 eine Studie zu Plastik in der Landwirtschaft in Auftrag, in der das Fraunhofer UMSICHT und Ökopol erstmals Quellen für Kunststoffeinträge in landwirtschaftlich genutzte Böden in Deutschland identifizierten und die Mengen der Kunststoff-Emissionen abschätzten. Im Interview erklärt Katharina Istel, NABU-Referentin für Ressourcenschutz, das Ausmaß von Plastik in der Erzeugung von Lebensmitteln. 

 

Frau Istel, mehr als 13.000 Tonnen Kunststoffe werden in Deutschland jährlich durch landwirtschaftliche Aktivitäten freigesetzt. Wie passiert das?

Den größten Eintragsweg stellt der Klärschlamm dar. Nicht nur Hormone, sondern auch Polymere aus Kosmetik, Textilien und anderen Quellen werden in diesem Schlamm gebunden und dann auf die Böden ausgebracht. Dazu kommen vor allem umhüllte Düngemittel. Diese Umhüllungen haben natürlich auch Vorteile, wenn so weniger oft gedüngt, das heißt mit dem Traktor gefahren und der Boden verdichtet wird. Wichtig ist zukünftig aber, dass sie vollständig abgebaut werden.

 

Das heißt aber, dass die ökologische Landwirtschaft nicht so massiv für die Kunststoffeinträge verantwortlich ist wie die konventionelle…

Das ist sicher richtig. Trotzdem haben wir bei der Durchführung der Studie gesehen, dass die Bio-Verbände sich noch nicht systematisch mit dem Thema Plastik beschäftigt haben. Die Vorgaben sind oft nicht stringent und nachvollziehbar. Es wäre empfehlenswert, sich im Rahmen der Richtlinien-Arbeit unsere Studie anzusehen.

 

Welche Rolle spielt Plastik im Kompost?

Beim Klärschlamm ist es klar: Hier wollen wir als NABU die Monoverbrennung und Rückgewinnung des Phosphors, da Klärschlamm auch noch mit toxischen Stoffen verseucht ist. Beim Kompost verhält es sich anders. Wir brauchen ihn als Ersatz für erdölbasierte und synthetisch hergestellte Düngemittel. Die Frage ist nur: Wie können die Kunststoffe darin vermieden werden? Für den Bio-Müll aus den Haushalten braucht es strengere Grenzwerte und vor allem bessere Kontrollen.

 

"Wenn wir nicht so viel Futter erzeugen würden, wäre mehr Platz für zum Beispiel biobasierte Kunststoffe."
Katharina Istel

Ein weiteres Thema in der Landwirtschaft sind Plastik-Verpackungen…

In den 13.000 Tonnen Kunststoff, die in die Umwelt und zum größten Teil in die Böden gehen, sind Verwehungen von außen oder vom Betrieb noch gar nicht enthalten. Das Fraunhofer Institut schätzt, dass hier noch weitere 5.800 Tonnen hinzukommen. 

 

Wie sieht es mit Plastikfolien als Betriebsmittel aus?

Wir haben natürlich die Problematik der Spargelfolien. Hier werden Unmengen Plastik verbraucht, aber solange die Menschen weißen Spargel essen wollen, werden sie wohl benötigt. Der NABU setzt sich jedoch dafür ein, sie in Vogelschutzgebieten zu verbieten, da die Tiere keine Nahrung mehr auf dem Boden finden. Auch Silage-Folien und Mulch-Folien produzieren viel Plastik-Müll.

 

Wären biologisch abbaubare Kunststoffe hier eine Alternative?

Bei den Mulch-Folien ja – und hier gibt es neue Entwicklungen. Auch Naturfasern statt Kunststoff-Garne sind sinnvoll. Da Spargel-Folien und Silage-Folien viele Jahre genutzt werden und entsprechend stabil sein müssen, ist Abbaubarkeit hier keine Option. Abbaubarkeit bedeutet ja, dass die Verbindungen wieder auseinanderbrechen sollen. Empfehlenswert ist, diese Folien so lange wie möglich, aber nicht zu lange einzusetzen! Durch Witterung, UV-Strahlung und Vogelpicken werden sie bei zu langer Nutzung spröde und landen wieder als Plastikpartikel im Boden. 

 

Ist Recycling bei diesen landwirtschaftlichen Folien auch ein Thema?

Es gibt die Organisation ERDE Recycling, die ein bundesweites Rücknahme- und Verwertungssystem für Erntekunststoffe betreibt. Bei der Nutzung entstehen den Landwirt*innen natürlich zusätzliche Kosten. Um hier Fairness zu erzielen, treten wir dafür ein, die Teilnahme an so einem Recycling-System verpflichtend zu machen. Das Konzept könnte man auf weitere Bereiche erweitern, zum Beispiel auf Netze. Hier ließen sich Netze aus der Landwirtschaft und der Fischerei verbinden. Es gibt jedoch nicht viele Unternehmen, die ein solches Recycling überhaupt beherrschen, und Warenströme müssten erst einmal geschaffen werden.

 

 

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Sind abbaubare Kunststoffe teurer in der Produktion?

Bisher ja. Es gibt bio-basierte und erdölbasierte Stoffe, die abbaubar sind. Ein Nachteil der bioabbaubaren Kunststoffe ist, dass es hier noch keine Kreislaufsysteme gibt. Daher sollten sie nur dort eingesetzt werden, wo man davon ausgehen muss, dass sie in der Natur verbleiben und für das Recycling ohnehin verloren sind. Bei biobasierten Kunststoffen haben wir natürlich die Problematik der Konkurrenz auf dem Acker. Die Frage ist aber allgemein: Was will die Welt? Wofür will sie ihre Böden nutzen? Und schon sehen wir, dass das Ganze auch wieder etwas mit Fleischkonsum zu tun hat: Wenn wir nicht so viel Futter erzeugen würden, wäre mehr Platz für zum Beispiel biobasierte Kunststoffe. 

 

Wie sieht es mit Naturmaterialien als Alternative aus?

Sicherlich könnte man hier viel mehr einsetzen wie zum Beispiel Sisal- statt Plastikgarne für Heuballen. Schließlich haben auch die Landwirt*innen kein Interesse daran, dass ihre Kühe über das Heu Plastikfäden fressen. Darauf scheinen aber die Maschinen nicht ausgerichtet zu sein. Und die Mehrkosten für Naturmaterialien werden ja nicht ausgeglichen durch höhere Verkaufspreise. Für eine Kuh, die keine Plastikreste gefressen hat, gibt es schließlich kein Label zur Vermarktung!

 

Fügen die Plastikreste im Boden uns Lebewesen Schaden zu?

Niemand weiß bisher abschließend, wie sich die Kunststoffe auswirken. In Laborversuchen gibt es aber schon besorgniserregende Hinweise auf geschwächte Vitalität, gehemmtes Wachstum, Beeinflussung von Enzymaktivität, Immunsystem und Fortpflanzungsfähigkeit von Organismen. Das Labor lässt sich nicht eins zu eins ins Freiland übertragen. Dennoch kann man die Kunststoffe nicht mehr aus dem Boden zurückholen – daher muss hier das Vorsorgeprinzip gelten!

 

Von Ronja Zöls-Biber

 

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Katharina Istel,

NABU-Referentin für Ressourcenschutz