Für die Artenvielfalt unverzichtbar: Gewässerrandstreifen

Image

Biodiversität beim Biokreis: Best Practice

Wolfgang Schmid lässt auf seinen Mähwiesen um Gewässer vier Meter Aufwuchs stehen. Den positiven Effekt dieser Maßnahme auf die Artenvielfalt hat er selbst untersucht und nachgewiesen. 

 

Bis 1920 floss die Geltnach im Ostallgäu noch wild durch das Tal bei Bertoldshofen. Dann wurde der Fluss begradigt und die Geltnach in ein neues Flussbett gelegt. Ein Schicksal, das in dieser Zeit viele Flüsse ereilte: Bäche wurden begradigt, um das Land urbar zu machen. Die Bewirtschaftung der Flächen verbesserte sich, doch der Artenreichtum nahm ab. 

 

Bei Bertoldshofen wurde der Aushub des neuen Flussverlaufs in das alte Flussbett gekippt, das auf diese Weise verfüllt wurde. Nur hat der Aushub nicht ganz ausgereicht, sodass in einer alten Mäanderschleife der Geltnach ein Feuchtlebensraum erhalten blieb, der heute auf den Flächen des Biokreis-Betriebs von Wolfgang Schmid liegt. Noch immer ist genug Wasser in dem alten Flussbett vorhanden, um Lebensraum für Libellen, Frösche und viele Pflanzenarten zu bieten. 

Futterbedarf und Artenvielfalt – wie kann beides gelingen? 

Dass so ein Feuchtlebensraum ein wahrer Glücksfall für die Artenvielfalt ist, das kann Wolfgang Schmid bestätigen. Der 23-jährige Hofnachfolger hat sich vor drei Jahren mit der Artenvielfalt in den Gewässerrandzonen seines Elternhofes befasst. Für sein Meisterarbeitsprojekt an der Fachschule Ökologischer Landbau Weilheim untersuchte er die Auswirkungen unterschiedlicher Bewirtschaftungsarten an den Gewässern auf die Artenvielfalt und den Ertrag. 

 

„Wir lassen bereits seit einigen Jahren an Gewässern einen Streifen von vier Metern stehen, den wir nur zwei Mal im Jahr mähen“, berichtet Wolfgang Schmid. „Um Fließgewässer und stehende Gewässer wie die verlandete Mäanderschleife der Geltnach belassen wir die Randstreifen.“

 

Die Artenvielfalt auf ihren Flächen zu erhöhen, dieses Thema liegt der Familie Schmid schon länger am Herzen. Ihr Milchviehbetrieb mit 63 Hektar Dauergrünland wird seit 2006 ökologisch bewirtschaftet. Umgestellt hat Wolfang Schmid sen., der schon Jahre vorher begonnen hatte, den Betrieb zu extensivieren. Der Stallneubau 2003 ermöglichte schließlich die Umstellung auf Ökolandbau. Diesen Weg will Wolfgang Schmid jun. fortsetzen, ganz bewusst entschied er sich bei seiner Ausbildung für eine Öko-Fachschule. 

 

Von den Flächen des Hofs wird knapp die Hälfte zur Winterfuttergewinnung genutzt. Um gute Futterqualitäten zu erzielen, werden diese in der Regel früh gemäht. Viele Pflanzenarten sind jedoch gerade im Frühjahr auf einen späten Schnittzeitpunkt angewiesen, um Samen ausbilden zu können. Das spricht für Randzonen, in denen Pflanzen länger aufwachsen können. 

 

Dazu kommt, dass die Familie Schmid mit organischen Düngemitteln mindestens vier Meter Abstand von Gewässern halten muss. Zwar würde die Ausbringung mit Schleppschuh eine Annährung ans Gewässer bis auf einen Meter erlauben, aber darauf verzichtet die Familie. So ergibt sich ein ungedüngter Streifen, auf dem auch weniger wächst. Welche Auswirkungen hat das auf die Wirtschaftlichkeit des Betriebs? Mit dieser Frage beschäftigte sich Wolfgang Schmid im Zuge seiner Meisterarbeit. 

 

Image

Die Nähe zum Wasser und der Verzicht auf Düngung erwecken die Pflanzenvielfalt 

Die Erkenntnis: Gewässerrandstreifen sind ein guter Kompromiss, um die notwendige Wirtschaftlichkeit für den Betrieb und eine naturnahe Bewirtschaftung zusammenzuführen. Wolfgang Schmids Untersuchung, bei der jeder Schnitt bestandsbeurteilt wurde, bestätigte ihn in dieser Entscheidung. Weil die Mahd bei jedem Schnitt auf der Fläche nicht viel mehr Futter einbringen würde, ist der Ertragsverlust zu verkraften. 

 

Der Nutzen für die Artenvielfalt ist dagegen eindrucksvoll: Die Zahl der Pflanzenarten ist in den Gewässerrandstreifen in etwa doppelt so hoch wie auf den Flächen daneben: Bei einer Fläche, die vier Mal gemäht wurde, fand er 27 Pflanzenarten auf der Fläche, und 59 Arten befanden sich im Randstreifen, der zwei Mal gemäht wurde. Eine fünf Mal gemähte Fläche wies 21 Arten auf der Fläche im Vergleich zu 48 Arten im Randstreifen auf. – Was der Natur hilft, ist neben der längeren Entwicklungszeit die Nähe zum Wasser, aber auch, dass dort schon jahrzehntelang nicht mehr gedüngt wurde. Dadurch siedeln sich mehr Pflanzenarten an. 

 

Und wie sieht es mit den Erträgen genau aus? Wird der Randstreifen nicht jedes Mal gemäht, sondern nur zwei Mal im Jahr, so bedeutet das etwa einen Verlust von einem Drittel Ertrag, hat Wolfgang Schmid ermittelt. Der Schnitt von den Randstreifen dient dann entweder als Pferdefutter oder er wird im Silo eingebracht. Beim Silo-Schnitt muss der Schnitt allerdings gut aufs ganze Silo verteilt werden, weil durch den gröberen Aufwuchs sonst die Verdichtung nicht gewährleistet ist und es zu Schimmel kommen kann. 

 

Der Gewinn für die Biodiversität durch die Gewässerrandstreifen ist so groß, dass der Verzicht auf etwas mehr Ertrag für den Bio-Betrieb eigentlich ein Muss ist. Die Randbereiche machen einen echten Unterschied für die dort lebende Flora und Fauna aus – das ist Motivation und Antrieb für Wolfgang Schmid jun.

 

„Mein Nachbar macht das auch“, erzählt Wolfgang Schmid – er hat sich von dem guten Beispiel inspirieren lassen. Langfristig läge es Wolfgang Schmid am Herzen, noch mehr Landwirt*innen zum Mitmachen zu gewinnen: „Wenn jeder seine Randstreifen stehen lässt, und seien es nur zwei Meter, dann kriegt man da schon einen richtigen Biotopverbund hin. Einer mäht eine Woche früher, in der Zeit steht der Streifen beim Nachbarn schon wieder höher. So gibt es immer Ausweichflächen für die Insekten.“ 

 

Von Stephanie Lehmann


Im Biokreis-Maßnahmenkatalog zur Förderung der Biodiversität werden Ufersäume an Gräben und Fließgewässern ab zwei Metern Breite je nach Länge mit 2 bis 5 Punkten bewertet.

Mehr Informationen zum Biokreis-Maßnahmenkatalog findet Ihr unter https://unser-biokreis.de