Viele Rinder auf wenig Weide

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Intensives Mob Grazing auf extensivem Grünland? Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNEE) führt seit einem Jahr ein Forschungsprojekt zum Thema Mob Grazing auf extensivem Dauergrünland durch. Hintergrund ist, dass die Ertragsfähigkeit und Ertragsstabilität von Grünland in Brandenburg zunehmend durch Trockenheit gefährdet ist. Dies bedeutet einen Produktivitätsverlust für die landwirtschaftlichen Betriebe, ist darüber hinaus aber auch aus naturschutzfachlicher Sicht ein Problem. Die für den Grünlanderhalt notwendige extensive Beweidung ist häufig finanziell wenig lohnend, da die Futterwerte des Aufwuchses meist zu gering sind, um produktive Zuwachsleistungen bei Rindern zu erzielen. Auch ist in vielen Fällen das Nachmulchen der Flächen erforderlich, zum Beispiel um Büsche und aufwachsende Bäume zurückzudrängen, was wiederum Kosten verursacht. Abnehmende Erträge durch die zu erwartenden Klimaveränderungen könnten die Attraktivität der extensiven Beweidung für die Landwirtschaft nochmals vermindern

 

Auf den Flächen des Kooperationspartners Weidewirtschaft Liepe GmbH im Nordosten von Brandenburg untersucht die HNEE die Weidestrategie Mob Grazing. Die sandige Untersuchungsfläche zeichnet sich durch steile Hanglagen, starke Verbuschung und niedrige Ertragsfähigkeit aus. Um diese Fläche auch weiterhin für die landwirtschaftliche Produktion rentabel nutzen zu können, hat sich der Betrieb für die Erprobung der Weidestrategie Mob Grazing entschieden. Dabei soll einerseits erreicht werden, dass die Tiere gute Tageszunahmen bei guter Tiergesundheit vorweisen können. Andererseits sollen durch den intensiven Tritt auch Büsche und nicht gefressene Pflanzen durch Umknicken zurückdrängt werden. Der Betrieb verspricht sich durch die dickere Mulchschicht die Wasserhaltekapazität und damit möglichst auch das Graswachstum zu verbessern. Die HNEE möchte des Weiteren herausfinden, ob sich durch die Weidestrategie ökologische Parameter wie Biodiversität, Infiltrationsleistung des Bodens oder die Aktivität des Bodenlebens ändern. 

 

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Erstes Versuchsjahr

In der Weideperiode 2021 wurden auf einer Fläche von 20 Hektar Grünland 25 Angus-Mutterkühe samt ihren Kälbern im Mob-Grazing-System beforscht. Das Grünland wurde in zwei Beweidungsperioden (Mai-Juni und August-September) an insgesamt 78 Tagen bestoßen. Die 20 Hektar teilten sich in jeder Weideperiode in 80 Kleinparzellen. Die Herde hatte, je nach Größe der Kälber, ein Gewicht von 18.000 bis 21.500 Kg LM. Da in dem ersten Versuchsjahr darauf hingearbeitet wurde, auf der gesamten Fläche eine mächtige Mulchschicht zu etablieren, wurde die Parzellengröße so gewählt, dass circa 50 Prozent des Aufwuchses heruntergetreten und circa 50 Prozent von den Rindern gefressen wurde. Die Parzellengröße betrug folglich 2500 m2 bei einem Umtrieb, der alle zwölf Stunden erfolgte. Damit ergab sich eine Besatzdichte von 80.000 kg/ha je Parzelle. Die Aufwuchshöhe beim Bestoßen betrug zwischen 22 und über 110 Zentimeter.

 

Wie erwartet führte das Etablieren der Mulchschicht in diesem ersten Jahr zu einer geringeren Weideleistung. So betrug der Trockenmasseertrag auf der Fläche etwa 3 t/ha TM, von denen 1,5 t/ha TM durch die Tiere verwertet wurden. Vorteile in Bezug auf die Ertragsfähigkeit waren 2021 noch nicht bemerkbar, was vermutlich einerseits durch das Etablierungsjahr und andererseits durch die im Jahr 2021 für Brandenburger Verhältnisse günstige Niederschlagsverteilung bedingt ist, sodass sich mögliche Vorteile einer Mulchschicht in Trocken- und Hitzephasen noch nicht zeigen konnten. Auffallend war die durch Mob Grazing gleichmäßigere Beweidung der Fläche. Vor dem Versuch wurde das Grünland in einem Mischsystem aus Koppel- und Standweide genutzt, bei dem die Mutterkühe zwischen zwei und fünf Wochen auf den gesamten 20 Hektar blieben. Dabei etablierten sich auf der einen Seite übernutzte Bereiche und ausgetretene Pfade ohne deckende Vegetation sowie auf der anderen Seite unternutzte Bereiche mit starker Verunkrautung. Durch die gleichmäßige Beweidung aller Parzellen konnte 2021 diese Über- und Unter-Beweidung vermieden werden. 

 

 

Bilder: HNEE, Carsten Ertel

Die Etablierung der Arbeitsroutinen war in diesem ersten Versuchsjahr für das Forscherteam eine ähnliche Aufgabe, wie sie auch jede*n Landwirt*in beim Einstieg ins Mob Grazing erwarten könnte. Hier mussten Wege gefunden werden, wie die kleinen Parzellen ohne viel Zeitaufwand für die Rinder gezäunt und die Versorgung mit Tränkwasser sichergestellt werden konnten. Bei den Zäunen haben wir uns für lange Weide-Korridore entschieden, die weiter unterteilt werden, um die gewünschte Parzellengröße zu erhalten. Der zweite Umtrieb pro Tag wurde mit einem automatischen Zaunöffner (Batt Latch) realisiert, der das Tor zur nächsten Parzelle zu einer bestimmten Uhrzeit öffnet. Das Tränkwasser wird durch eine überirdisch verlegte PE-Leitung, welche an das Hauswassernetz angeschlossen ist, zu den Parzellen und dort in mobile Wannen geleitet.

Ausblick auf 2022 und 2023

Im Versuchsjahr 2021 wurde die Beweidung mit einer geringeren Besatzdichte durchgeführt als in Mob-Grazing-Systemen üblich, da in der Planung von zwei Umtrieben am Tag ausgegangen wurde. Durch die niedrige Ertragsfähigkeit des Standortes musste dann die Fläche der einzelnen Parzellen größer werden, um ausreichend Futter für die Tiere und Biomasse für die Mulchschicht zu erhalten. 2022 wird es nun zwischen drei und vier Umtriebe am Tag, jedoch auf kleineren Parzellen geben, sodass die Besatzdichte bei 120.000 kg/ha bzw. 160.000 kg/ha liegen wird. Davon versprechen wir uns einen stärkeren Trampeleffekt, sodass dadurch auch kleinere Büsche niedergetreten werden könnten. Zusätzlich wird der Arbeitszeitbedarf für das Mob Grazing erfasst.

 

In den nächsten Jahren werden die Auswirkungen der etablierten Mulchschicht genau beobachtet. Dazu werden das Infiltrationspotenzial sowie auch die Feuchtigkeit in den Böden auf der Mob- Grazing-Fläche sowie einer Vergleichsfläche untersucht. Diese Bodenparameter sind besonders interessant während längerer heißer Trockenperioden, wie sie im Nordosten Brandenburgs üblich sind. Zudem wird spannend sein, inwiefern sich Veränderungen in der Vegetationszusammensetzung und eventuell auch im Naturschutzwert ergeben.

 

Von Carsten Ertel, Nils Zahn und Inga Schleip 

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Förderhinweis: Das Projekt „Mob Grazing in Nordost-Deutschland“ wird von 2021-2023 durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt gefördert.