„Wir dürfen Biokreis-Lebensmitteln einen Wert geben!“

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Anja Ettner ist im Biokreis als Wertschöpfungskettenmanagerin für den Osten Deutschlands tätig, Anna Sophie Feigl erfüllt diese Aufgaben im Süden. Für den Biokreis e.V. vernetzen sie Akteur*innen aus Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel. Im Gespräch erklären die beiden Frauen, wie ihre Arbeit aussieht, welche Chancen sie in regionalen Wertschöpfungsketten sehen und die Herausforderungen in Zeiten von Corona und Krieg. 

 

Was hat Euch beide am Job „Wertschöpfungskettenmanagerin“ gereizt?

Anja: Ich war vorher im Fachhandel tätig und dachte, dass ich meine Erfahrung mit der Endverbraucherschaft hier gut einbringen kann. Das hat sich auch als richtig erwiesen. Aber es war mir auch ein persönliches Anliegen. Da ich aus der Landwirtschaft komme, ist es schön, wieder näher an der Landwirtschaft zu sein und mit den Menschen zusammenzuarbeiten, die unsere Lebensmittel erzeugen.

 

Anna Sophie: Ich bin mit Bio aufgewachsen, und kleinbäuerliche Strukturen aufzubauen ist das, was ich seit längerer Zeit lebe. Vor einiger Zeit habe ich eine Handelsplattform für Lebensmittel und handwerkliche Erzeugnisse von kleinen Betrieben gegründet, um Produkte sichtbar zu machen, die im Einzelhandel unsichtbar sind, und Verbindungen zwischen Menschen herzustellen. Das ist das, was mir Spaß macht und was ich jetzt auch als Wertschöpfungskettenmanagerin im Biokreis leiste.

"Die Lösung liegt oft darin, Projekte nicht bei sich allein zu lassen, sondern gemeinsam an ihnen zu arbeiten."

anja ettner

Wie bewertet Ihr das vorhandene Wertschöpfungskettenmanagement im Biokreis?

Anna Sophie: Die Frage ist, über welche Ketten man spricht. Jeder Betrieb hat seine eigene Wertschöpfungskette, und Betriebe sind miteinander verbunden. Wertschöpfungsketten sind also schon immer vorhanden. Unsere Aufgabe ist es, neue flexible Strukturen zu erarbeiten und Menschen miteinander zu vernetzen, sodass sich stabile, faire und persönliche Lieferketten bilden. Eine weitere Herausforderung besteht darin, Thematiken wie „Brudertiere“ neu zu formieren und Verbraucher*innen zu sensibilisieren. Wir sind quasi das „Kommunikationsbündelzentrum“, um eine Netzwerkstruktur aufzubauen.

 

Anja: Ich denke, Anna Sophie und ich haben das Glück, dass es dieses Berufsbild generell und beim Biokreis noch nicht so lange gibt. Somit haben wir hier maximale Möglichkeiten, uns selbst einzubringen.

 

Was sind gerade in diesen Zeiten besondere Herausforderungen?

Anna Sophie: Es liegen drei besondere Jahre hinter uns. Coronabedingt war es weitaus schwieriger, Nähe zueinander zu schaffen, da sich kaum jemand hautnah getroffen hat. Die aktuelle Situation bringt uns nochmals an ganz andere Grenzen und Problematiken. Die Rohstoff- und Tierfutterbeschaffung erschwert sich, Preisspannen verändern sich gefühlt täglich, was das Einkaufsverhalten der Verbraucherschaft stark beeinflusst – ein Wandel, welcher derzeit überall stattfindet. Umso wichtiger finde ich es, dass wir näher zusammenkommen und uns gegenseitig unterstützen.

 

Anja: Durch Corona stiegen der Bedarf und die Nachfrage nach Bio-Produkten an, und Betriebe stellten um. Durch den Krieg wird das ausgebremst. Die Leute wollen erstmal auf sicherem Terrain bleiben… Aber sinnvolle Wertschöpfungsketten zu etablieren war schon immer wichtig. Viele Menschen sind froh, dass sie in uns nun Ansprechpartnerinnen haben, die sich darum kümmern und Kontakte herstellen. Es ist ein anderes Gefühl, mit jemand Fremdem zusammengeführt zu werden als sich selbst vorzustellen.

 

 

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Wie geht Ihr dabei vor?

Anna Sophie: Ich tausche mich mit meinen Partner*innen aus, höre ihnen zu und versuche Menschen noch näher zusammenzubringen, um sich besser zu vernetzen. Wir alle sitzen in einem Boot und leben und vermitteln einen Wert. Mir ist es wichtig, unsere Kräfte zu bündeln, um auch gemeinsam durch Krisen zu gehen.

 

Anja: Mir persönlich hilft es schon sehr weiter, mich innerhalb des Verbands, etwa mit Anna Sophie austauschen zu können und Ideen zu entwickeln. Außerhalb des Verbands fordere ich die Zusammenarbeit ein, das heißt, ich rufe an, gehe offensiv auf Akteur*innen zu und lasse nicht locker.

 

Fällt Dir das schwer?

Anja: Es ist für mich die größte Herausforderung, anderen auf die Nerven zu gehen (lacht), aber es ist nötig! Denn nur durch die Zusammenarbeit kommen wir weiter. Die Lösung liegt oft darin, Projekte nicht bei sich allein zu lassen, sondern gemeinsam an ihnen zu arbeiten. Durch Zusammenschlüsse können wir was erreichen!

 

Welche Rolle spielt dabei der Bio-Fachhandel?

Anna Sophie: Der Bio-Fachhandel möchte ein Alleinstellungsmerkmal haben, und somit sind für ihn Regionalität, kurze Lieferketten, Verlässlichkeit, Fairness, Nachhaltigkeit und Preis-Garantien zentrale Faktoren. Mit diesen Anliegen passt er sehr gut zu unserem regionalen Bio-Verband. Einige Fachhändler*innen sind sehr interessiert an uns, wollen Netzwerke aufbauen, Projekte umsetzen und gemeinsam mit dem Biokreis ein besseres Bio zeigen.

 

Anja: Ohne den Bio-Fachhandel können wir unsere Ideen nicht verkaufen, daher brauchen wir eine sehr enge Zusammenarbeit.

"Das Lebensmittel, das wir auf dem Teller sehen, ist so viel mehr als „nur“ unser Nahrungsmittel, es ist das Resultat aus dem Umgang mit unseren Mitmenschen und unserer Umwelt."
anna sophie feigl

Ist die Zusammenarbeit des Biokreis mit dem Fachhandel förderlich für Eure Arbeit?

Anja: Ja, denn mit Discountern würde es nicht funktionieren. Jedes einzelne Glied in der Kette ist wichtig und soll gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Der Discounter würde allein aufgrund der Größenordnung diesen Anspruch nicht erfüllen, es gäbe ein Gefälle in der Kette.

 

Anna Sophie: Aufgrund unserer Regionalität und des Handwerks hätten wir gar nicht die Ressourcen, um die Discounter zu bedienen. Unsere Kooperation mit dem Fachhandel erlaubt uns, den Biokreis-Lebensmitteln einen Wert zu geben. Mit unseren Partnern aus dem Fachhandel können wir Lebensmitteln aus den unterschiedlichen Regionen ein Gesicht verleihen und vermitteln, was wir alles „vor unserer Haustüre“ haben und wie es produziert wird.

 

Profitiert am Ende auch die Verbraucherschaft von regionalen Wertschöpfungsketten?

Anna Sophie: Die Verbraucher*innen können sich sicher sein, in Deutschland produzierte Produkte zu erhalten, den heimischen Boden am Leben zu halten, dem Klimawandel entgegenzuwirken und faire Preise zu bezahlen.

 

Anja: Menschen, Tiere und Regionen profitieren von regionalen Wertschöpfungsketten.

 

Werden sich Wertschöpfungsketten in Zukunft verändern?

Anna Sophie: Ich hoffe es, und das müssen sie auch. Das Lebensmittel, das wir auf dem Teller sehen, ist so viel mehr als „nur“ unser Nahrungsmittel, es ist das Resultat aus dem Umgang mit unseren Mitmenschen und unserer Umwelt.

 

Anja: Ich hoffe, dass das Thema Wertschöpfungsketten auch in Zukunft eins bleiben wird. Wir dürfen nicht weiter machen wie bisher und den Fokus darauf legen, dass alles möglichst günstig bleibt, sondern müssen unsere Ressourcen optimal nutzen.

 

Von Ronja Zöls-Biber

 

Anja Ettner, ettner@biokreis.de
Anna Sophie Feigl, feigl@biokreis.de