Mein Bruder darf lebenvon Bruderhähnen und zweinutzungshühnern

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Warum gibt es eigentlich Bruderküken?

„Mancher gibt sich viele Müh mit dem lieben Federvieh: Einesteils der Eier wegen, welche diese Vögel legen; zweitens, weil man dann und wann einen Braten essen kann..."
Was Wilhelm Busch einst in „Max und Moritz“ als selbstverständlichen Teil des Landlebens beschrieb, hat sich seitdem deutlich verändert. Bis etwa zur Mitte des letzten Jahrhunderts gab es auf den meisten Bauernhöfen Hühner. Die Hennen legten um die 120 Eier im Jahr und die Hähne wurden als Fleischlieferanten aufgezogen.
Dass diese traditionelle Form der Hühnerhaltung heute jedoch eher die Ausnahme ist, hängt mit einer grundlegenden Wende nach Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen. Damals waren Lebensmittel in Deutschland knapp und die Versorgungssicherheit der Bevölkerung stand im Mittelpunkt. Darum wurde eine intensive Tierhaltung gefördert, die vor allem große Mengen an Fleisch und Eiern produzieren sollte. Mittels gezielter Leistungszucht wurden aus den traditionellen Hühnerrassen spezialisierte Hybrid-Linien entwickelt. Sie legen entweder viele Eier – bis zu 300 im Jahr – oder setzen viel Fleisch an: Legehennen und Masthähnchen.

 

Während bei Masthähnchen beide Geschlechter aufgezogen werden, war es mit der Etablierung von Hybrid-Linien lange Zeit normal, die Brüder der Legehennen nach dem Schlüpfen zu töten. Weil sie nur wenig Fleisch ansetzen, lohnte sich die Aufzucht der Bruderhähne wirtschaftlich nicht.Nun steht fest: Ab 2022 ist das Töten männlicher Eintagsküken in Deutschland gesetzlich untersagt. Als Biokreis e.V. begrüßen wir das Verbot ausdrücklich – und sehen zugleich die Notwendigkeit, einen Schritt weiterzugehen, um der ursprünglichen Form der Landwirtschaft wieder ein Stück näher zu kommen.

Was passiert nun mit den Küken?

Der technische Weg: Die In-Ovo Geschlechtsbestimmung

In den letzten Jahren wurden verschiedene Verfahren entwickelt, um das Geschlecht der Küken bereits während des Brütens zu bestimmen. Mithilfe der sogenannten In-Ovo-Selektion können männliche Tiere schon vor dem Schlupf identifiziert werden. Sie werden dann nicht fertig ausgebrütet, sondern getötet.
Dieser Weg ist vor allem für die intensive Tierhaltung geeignet. Er zementiert die auf Effizienz ausgerichtete Hybrid-Züchtung und steht für eine Fortsetzung des bestehenden Systems in der Landwirtschaft. Schon lange ist Lebensmittelknappheit in Deutschland kein Thema mehr – und dennoch werden industrielle Betriebe größer, während traditionelle Höfe verschwinden. Die In-Ovo-Selektion befördert diese Entwicklung, weil sie große Strukturen und technische Lösungen favorisiert, statt auf kleine Strukturen in bäuerlicher Hand zu setzen.
Als Biokreis haben wir eine klare Haltung: Wir lehnen die Geschlechtsbestimmung im Ei ab, da wir für eine Landwirtschaft einstehen, die im Einklang mit der Natur arbeitet und das Wohl der Tiere respektiert.

 

 

Der ökologische Weg: Der Bruder darf leben

Wirtschaften im Einklang mit der Natur – das ist der Leitgedanke des Ökolandbaus. Um diesem gerecht zu werden und eine Kreislaufwirtschaft zu fördern, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Aufzucht der Bruderhähne und der Einsatz von sogenannten Zweinutzungsrassen.Bereits seit etwa zehn Jahren gibt es Initiativen, die sich für die Aufzucht von Bruderhähnen einsetzen. Doch die Aufzucht der Bruderhähne bedeutet einen größeren Aufwand und ist mit höheren Kosten für Landwirt*innen verbunden. Diese Kosten lassen sich nicht allein durch die Vermarktung des Fleisches decken. Deshalb kosten Eier mit Bruderhahnaufzucht etwas mehr als andere Eier, denn der höhere Preis der Eier finanziert das Leben der Brüder.Obwohl diese Praxis derzeit gut umsetzbar ist, spricht auf Dauer einiges dagegen. Denn die fortgesetzte Ausrichtung auf Mast- oder Legelinien führt dazu, dass die Tiere genetisch auf einseitige Hochleistung gezüchtet werden. Und auch die schlechtere Futterverwertung der Bruderhähne steht nicht für eine nachhaltige und effiziente Ressourcennutzung. Deshalb verstehen wir die Aufzucht der Bruderhähne als einen Übergang hin zu einer ganzheitlichen Nutzung der Tiere.

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Für eine ganzheitliche Nutzung steht das Zweinutzungshuhn, das Eier und Fleisch liefert. Es repräsentiert die Ziele und Ideale des Ökolandbaus am besten – hier gibt es keine überzähligen Tiere oder nebensächliche Produkte. Die Zweinutzungshenne legt zwar weniger, aber dennoch genug Eier. Und der Hahn setzt ausreichend Fleisch an. 

Einige Biokreis-Höfe mit Direktvermarktung gehen diesen Weg bereits. Sie arbeiten mit traditionellen Hühnerrassen, die teilweise sogar vom Aussterben bedroht sind. Für große Betriebe fehlen aktuell noch die ausreichenden Aufzuchtkapazitäten und passenden Vermarktungsstrukturen, um diesen Weg zu gehen. Wir als Biokreis haben uns dafür ausgesprochen, diese Strukturen zu entwickeln.

Auch Du bist gefragt!

Um den Zweinutzungshühnern in der heutigen Zeit eine Chance zu geben, braucht es bewusst und nachhaltig handelnde Verbraucher*innen, die unser Anliegen verstehen und unterstützen. Denn um Tierwohl ganzheitlich zu betrachten, muss sehr viel weiter geschaut werden als nur über die Fleischtheke. Das Zweinutzungshuhn mag derzeit noch einen Nischenplatz haben, doch der bewusste Kauf dieser Produkte ist jedes Mal auch eine Entscheidung darüber, welche Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung Ihr Euch wünscht. 
Wenn Ihr künftig wieder Hahn und Henne gemeinsam am Bauernhof sehen möchtet, dann solltet Ihr beim Einkauf nach Eiern mit Bruderaufzucht fragen.

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