„Wir sind Erstbetroffene auf dem Acker“

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Biokreis-Bäuerin Barbara Endraß betreibt mit ihrer Familie in Wangen einen 10-Hektar- 

Betrieb mit Legehennen, Junghennenaufzucht, solidarischer Landwirtschaft und Christbaumkulturen. Seit ihrem Studium der Landwirtschaft beschäftigt sie sich mit Gentechnik und sitzt seit Mai für den Biokreis in der AG Gentechnik des BÖLW. Im Interview spricht sie über die Geschichte des Widerstands, die Rolle der Lobbyisten und die Chancen, eine Deregulierung des geltenden Gentechnikrechts zu verhindern. 

 

Frau Endraß, Sie haben sich schon in jungen Jahren mit Gentechnik beschäftigt. Warum?

Ich hatte damals einen Professor, der ein starker Befürworter der Gentechnik war. Er baute auf Versuchsflächen der Hochschule Bt-Mais an, obwohl Agrogentechnik schon damals als Risikotechnologie eingestuft wurde und sehr umstritten war. Dies führte zum Widerstand der benachbarten Landwirt*innen und der Student*innen. Ab 2004 gab es in Deutschland, auch in unserer Region, vermehrt Erprobungsanbau mit gentechnisch verändertem Mais auf staatlichen Flächen. Über die Standorte wurde Stillschweigen bewahrt. Doch irgendwann kam das 

Thema auf den Tisch, und starker Widerstand regte sich. Als darüber diskutiert wurde, war schnell klar: Die Bevölkerung will keine Gentechnik auf dem Teller. Eine große europäische Bürger-

Bewegung sorgte dafür, dass der Anbau in fast allen Ländern Europas eingestellt wurde. 

 

Und doch stehen wir heute vor einer möglichen Deregulierung des Gentechnikrechts…

Mit den neuen Gentechnikverfahren können gezielt Veränderungen im Erbgut erreicht werden. Damit gehen Versprechen einher, schneller Lösungen für Hunger- und Klimakrise zu finden. Die gleichen Versprechungen gab es schon bei den alten Gentechniken. Sie wurden nie erfüllt. Denn das eigentliche Ziel der Saatgutkonzerne ist es, die Patentierung von Saatgut voranzutreiben. Und dabei geht es um sehr viel Geld. Da bekannt ist, dass die Gesellschaft gentechnisch veränderte Lebensmittel ablehnt, ist das Ziel der Unternehmen, diese sogenannten neuen Züchtungstechnologien nicht mehr als Gentechnik deklarieren zu müssen.

 

Im Juli 2018 entschied der Europäische Gerichtshof dennoch, dass die neuen Verfahren unter die Regelungen der Gentechnik fallen, was einen riesigen Gewinnverlust der Saatgutkonzerne zur Folge hatte. Seit 2018 versuchen interessierte Kreise daher, Gründe für die Legitimierung der Deregulierung bestimmter Formen der Neuen Gentechnikverfahren zu finden. Zwei der häufigsten Argumentationslinien: Neue Gentechnikverfahren bergen kein höheres Risiko als die bisherige Züchtung, weil sie von herkömmlichen Zuchtverfahren nicht zu unterscheiden seien. Die zweite: Die neuen Züchtungstechnologien seien wichtig zur Erreichung der Ziele des Green Deals. Und tatsächlich steht nun im Raum, dass die EU-Kommission die Neuen Gentechniken aus dem derzeitigen Gesetzesrahmen herausnimmt.

"Freie Zucht und freies Saatgut werden in Zukunft nur ohne diese Deregulierung möglich sein."
barbara endraß

Was kann man diesen Argumenten entgegensetzen?

Es ist wissenschaftlich mehrfach bewiesen, dass sich die neuen gentechnischen Verfahren deutlich von herkömmlichen Züchtungsmethoden unterscheiden und neuartige spezifische Risiken bergen.

Die Fachstelle Gentechnik und Umwelt im Bundesamt für Naturschutz dokumentiert laufend internationale Studien zu diesem Thema. Dabei zeigt sich ganz klar, dass auch kleine zielgenaue gentechnische Veränderungen weitreichende Auswirkungen auf Ökosysteme haben können. 

 

Zum zweiten Argument: Es gibt Staaten wie die USA , in denen diese Gentechnikverfahren nicht reguliert sind, aber in Richtung Ernährungssicherheit wurde dort nichts entwickelt. Man muss hier besonders auf die Wortwahl achten. Es heißt immer: „Die neuen Techniken haben das Potenzial, zu den Zielen des Green Deals beizutragen.“ Das sind völlig unbewiesene Behauptungen. Bei der Neuen Gentechnik handelt es sich um tiefgreifende Eingriffe ins Genom, bei denen immer wieder neue unbeabsichtigte Probleme auftauchen. So werden etwa Schädlinge oder Unkräuter befördert. 

 

Die EU-Kommission forderte die Bevölkerung zur Teilnahme an einer Befragung zur Neuen Gentechnik auf. Dabei war unschwer erkennbar, dass die Befragung einseitig zugunsten einer Deregulierung ausgerichtet war. Wie kann sowas passieren?

Tatsächlich handelte es sich um keine sachliche Befragung, sondern um einen Versuch der 

Manipulation. Schon im Herbst wurde eine Konsultation durchgeführt, zu deren Teilnahme mehrere NGOs mobilisiert hatten. Sie gaben den Menschen Textbausteine als Unterstützung für die Teilnahme zur Hand, weil es bei diesem Thema einfach an Expertise mangelt. 70.000 Personen nahmen teil, am Ende wurden sämtliche Beiträge, die textlich denselben Inhalt hatten, als eine Stimme gewertet! Meiner Meinung nach haben wir es hier mit eindeutigen Tendenzen der Entdemokratisierung zu tun. Das Wahlrecht zu entscheiden, was wir auf dem Teller haben wollen, soll uns genommen werden.

 

Wie bei anderen finanzstarken Wirtschaftszweigen wie der Energie- oder Automobilindustrie platzieren die Chemie- und Saatgutmultis ihre Interessensvertreter*innen in den Gremien selbst oder in der Zuarbeit dieser Gremien. Wenn dem aus der Bevölkerung nichts entgegengesetzt wird, gilt das Wort derer, die in der Lobbyisten-Hochburg Brüssel sitzen. Ich habe auch mit Abgeordneten gesprochen, die bestätigen: Der Lobbyismus ist massiv. Wirtschaftspsychologen sind im Einsatz, die Botschaften schön verpacken und die negativen Aspekte einfach weglassen. Ihre Botschaften sind allgegenwärtig, und zu deren Vermittlung konnten auch Wissenschaftsvereinigungen gewonnen werden. Vor dieser Art von Manipulation sind auch Politiker*innen nicht gefeit. 

 

Die Petition „Nicht hinter unserem Rücken“ von europäischen Verbänden, die sich gegen die 

Deregulierung des Gentechnikrechts richtet, lief verhalten an. Wie erklären Sie sich das?

Ich denke, dass das Thema viel zu wenig öffentlich diskutiert wird. Themen wie der Klimawandel, der Ukraine-Krieg und Corona mit ihren Folgen stehen im Vordergrund und beschäftigen die Menschen sehr. Viele haben auch keinen Bezug zur Landwirtschaft. Zudem werden von Seiten der Gentechnikbefürwortenden gezielt viele Falschinformationen und Halbwahrheiten verbreitet. Die sozialen Netzwerke bieten dazu das ideale Feld. Einfache Botschaften wie „Das ist die Zukunft“,  „Gentechnisch veränderte Organismen sind ohnehin schon überall drin“, „Wir können es uns angesichts der Probleme der Welt nicht leisten, auf so eine Technik in der Landwirtschaft zu verzichten“ haben es da leichter. Sachliche Diskussionen werden dort bewusst niedergemacht. Gentechnik-Kritisierende werden als wissenschaftsfeindliche Ideologen verhöhnt. Erschwerend kam hinzu, dass die großen Umweltorganisationen aus organisatorischen Gründen erst einmal nicht in die Petition mit eingestiegen sind.

Was kann diese Petition überhaupt bewirken?

Sie ist zunächst ein Instrument von vielen und in erster Linie eine Mobilmachung. Alle, die sie 

unterschreiben, haben sich das Thema bewusst gemacht. Die Unterschriften werden ans 

Landwirtschaftsministerium weitergegeben, also an die Zuständigen, die später für oder gegen 

die Deregulierung stimmen werden. Deutschland hat sich schon einmal enthalten – und eine 

Enthaltung kommt einer Zustimmung gleich. Wir erhoffen uns vom grünen Landwirtschafts- und Verbraucherministerium eine klare Stellungnahme dagegen, aber sicher ist diese aufgrund des Drucks aus der Industrie nicht.

 

Sie arbeiten seit Mai in der AG Gentechnik des BÖLW mit. Haben Sie das Gefühl, hier 

voranzukommen?

Ehrlich gesagt, es ist schwierig. Die Bio-Verbände sind nach außen und innen noch zu leise. Einige

Verbände haben sich bisher zögerlich verhalten – und die Problematik, die mit einer Deregulierung auf die Betriebe zukommen würde, kommt somit bei den Mitgliedern nicht an. Ich bin auch in anderen Gremien zum Thema Agrogentechnik aktiv, oft als einzige Landwirtin. Jemand meinte dort zu Recht: „Ich verstehe nicht, dass die Bauern nicht auf die Barrikaden gehen!“

 

Was würde eine Deregulierung konkret für die Öko-Landwirt*innen bedeuten?

Wir Öko-Bauern und -Bäuerinnen sind Erstbetroffene auf dem Acker. Unsere Felder werden zu 

Versuchslaboren. Wenn die Regeln aufgeweicht werden, weiß niemand mehr, was sein Nachbar 

macht und was im eigenen Saatgut steckt. Und das wäre für die ökologische Landwirtschaft und alle bäuerlichen Betriebe, die gentechnikfrei wirtschaften, eine Katastrophe. Trotzdem würde es 

natürlich Analysen hinsichtlich Verunreinigungen geben, die wir Landwirt*innen bezahlen müssten, 

und es würde sich herausstellen, dass der Ökolandbau nicht mehr gentechnikfrei und damit nicht 

mehr konform mit der EU-Öko-Verordnung ist.

 

Warum sollten die Menschen dann noch Bio kaufen?

Der deutsche Ökolandbau wäre wirtschaftlich am Ende, denn in unseren kleinstrukturierten Flächen 

wäre gentechnikfreier Anbau nicht mehr möglich. Die Hersteller des gentechnisch veränderten 

Saatguts würden gewinnen – und wir würden bezahlen. 

 

Kann man jetzt überhaupt noch was tun – oder ist der Zug schon abgefahren?

Es ist noch nicht zu spät! Jeder kann dazu beitragen, dass das Thema wieder stärker in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Wir selbst platzieren als Direktvermarktende Einleger an unseren Verkaufsstellen und in unseren Eierschachteln mit dem Hinweis auf die Petition. Landwirt*innen können ihre Kundschaft und ihr Umfeld auf das Thema und die Petition aufmerksam machen. Es besteht die Möglichkeit, Unterschriften-Listen auszulegen, Schilder aufzustellen, auf Hoffesten jemanden zum Thema sprechen zu lassen. Berater*innen können das Problem auf den Stammtischen ansprechen und vieles mehr...

 

Wichtig ist, dass das Thema wieder in den Fokus gerät. Durch den Generationenwechsel auf den Höfen geht viel Erfahrung mit dem Thema verloren. Die Jüngeren kennen die Geschichte der Gentechnik oft nicht. Nach wie vor steht fest: Freie Zucht und freies Saatgut werden in Zukunft nur ohne diese Deregulierung möglich sein. Und jede Stimme zählt.

 

Von Ronja Zöls-Biber

 

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Barbara Endraß (57) sitzt für den Biokreis in der AG Gentechnik des BÖLW