Zusammen weniger allein

Markus Berl ist wichtig, dass seine Kälber bei der Mutter oder Amme trinken dürfen.

Ein Kälbchen war schuld daran, dass Markus Berl und seine Familie vor fünf Jahren auf muttergebundene Milchviehhaltung umstellten. In der Nacht wurde es geboren, trank bei seiner Mutter, und als es am nächsten Tag von dieser getrennt wurde und den Eimer zum Saufen vorgesetzt bekam, verweigerte es diesen. Das Kalb wurde immer schwächer, der Tierarzt kam, es war nix zu machen. Und als man es schon fast aufgegeben hatte, öffnete es sich in der Nacht selbst die Gattertür und sauste zur Mutter hinüber. „Als ich das gesehen habe, habe ich alle anderen Kälber auch rausgelassen“, erzählt Markus Berl lächelnd. Das Kalb überlebte, aber Markus Berl hatte plötzlich ein anderes Problem. Die Kälber soffen, es blieb kaum mehr Milch übrig, die Kälber verwilderten und wurden den Menschen gegenüber schreckhaft. „Ich musste eine Kompromisslösung finden“, sagt der Biokreis-Landwirt. Seitdem setzt er bei seinen 50 Rindern auf eine gut geplante mutter- und ammengebundene Milchviehhaltung und hat in den vergangenen Jahren ein funktionierendes System dafür entwickelt.

 

Eine Woche lang trinkt jedes seiner jährlich rund 40 Kälber bei der Mutterkuh, um von der gesunden Biestmilch zu profitieren. Die ersten zwei bis drei Tage bleiben sie durchgehend zusammen, dann folgt eine stundenweise Trennung. In dieser Zeit beobachtet Markus Berl seine Tiere ganz genau und findet so heraus, welche Kuh ihr Kälbchen braucht und sich kümmern will und welche weniger für die Aufzucht geeignet ist. „Das ist wie bei den Menschen – die Charaktere sind unterschiedlich.“ Nach drei bis vier Wochen kommen sechs bis zehn Kälbchen zusammen in eine Gruppe. Jeder Gruppe ordnet er zwei bis drei Ammen zu – eben jene, die einen besondere Mütterlichkeit aufweisen. Nun muss er wieder viel beobachten. Trinkt jedes Kalb genug? Müssen die Mütter zusätzlich noch gemolken werden? Welches Kalb fängt schon an, Gras zu fressen?

 

Langsame Trennung ohne Drama

Nach und nach steigen die Kälber selbst aufs Gras um und trinken immer weniger Milch. Will eines überhaupt nicht fressen, wird die Mutter nach drei Monaten auch mal „leer“ zu den Kälbern gelassen. Aber zusammen sein dürfen sie auch weiterhin. „Diese langsame Trennung und Entwöhnung von der Milch funktioniert ohne Drama. Früher schrien die Kälber und auch die Kühe, weil man ihnen ihre Aufgabe nahm. Vor allem wenn man Kinder hat, tut einem das selbst weh“, erklärt der Vater von drei kleinen Kindern.

 

Einen wirtschaftlichen Nachteil bringe ihm seine Art der Milchviehhaltung gesamtheitlich gesehen nicht. Die Kälber seien langfristig gesünder. Da sie immer frische Milch bekommen, gibt es keine Verkeimung. Der Arbeitsaufwand sei insgesamt geringer, denn er muss keine Milch mehr warmmachen. Auch wird keine übrig gelassene Milch mehr weggeschüttet. Und im Beobachten der Tiere werde man nach ein, zwei Jahren geübter und brauche viel weniger Zeit als am Anfang. Nur der Platzbedarf sei zuweilen höher. Manchmal könne er zum Beispiel nur drei oder vier Kälber in einer Box unterbringen. Sie müssen etwas gleich alt sein, denn sonst bestehe die Gefahr, dass die Großen die Kleinen wegdrücken.

 

Wie unkompliziert sein Verfahren abläuft, zeigt sich, als Markus Berl das Gitter zur Box, in dem zwei Kälber im Stroh liegen, öffnet und danach rübergeht zu den Milchkühen. Sobald er auch hier das Tor öffnet, macht sich die richtige Kuh auf den Weg zu ihren beiden Kälbern. Alle anderen bleiben brav in ihrem Stallbereich. Dort angekommen, stehen die Kleinen sofort auf. Das leibliche Kind sucht gleich die Nähe zur Mutter und die Zitze, das angenommene Kalb braucht ein bisschen Anleitung von Markus Berl, trinkt dann aber auch brav und gierig. Nach dem Trinken legen sie sich noch ein bisschen zur Mutter, bevor diese wieder zurück in ihr Stallabteil trottet.

 

 

Auch die männlichen Kälber bleiben erst mal da, aber problematisch ist das schon, wie Markus Berl stirnrunzelnd erklärt. Ab und zu geben sie ein Milchkalb in die Fleischtheke des Hofladens, in dem sie vorwiegend die in der eigenen Hofmolkerei hergestellten Milchprodukte wie Milch, Joghurt, Butter und verschiedene Käsesorten, verkaufen. Manch eines wird selbst verwertet. Dem Viehhändler gibt er mittlerweile nur ungern eins mit, „kaum“, sagt der Landwirt, „nur wenn es gar nicht anders geht und wenn es hier bei uns in der Gegend bleibt und nicht kilometerweise transportiert wird.“

 

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Tierhaltung muss honoriert werden

Die Art und Weise, wie er mit seinen Kälbern umgeht, sollte normal sein, findet Markus Berl, doch sie müsse auch honoriert werden. „Ich habe einfach angefangen, ohne einen angemessenen Preis für meine Tierhaltung zu bekommen. Das muss von einem selbst kommen, nicht weil die Richtlinien es vorschreiben.“ Nach und nach habe er jedoch durch die Eröffnung der hofeigenen Molkerei, in der neben ihm auch seine Frau Sonja und zwei Angestellte tätig sind, sowie durch die Direktvermarktung in Hofladen, Ökokiste und umliegende Geschäfte einen anständigen Preis für das, was er tut, entwickeln können. Neben der ammengebundenen Milchviehhaltung produziert er auch Heumilch, streut dick mit Stroh ein und verarbeitet in seiner Molkerei seine Lebensmittel besonders schonend. „Die Verarbeitung findet acht Meter vom Melkstand entfernt statt, das Fett wird nicht beschädigt“, sagt er stolz. Seine Milch enthalte 99,96 Prozent ungesättigte Fettsäuren. 

„Ich hab´ eine Zeit erwischt, in der die Leute umdenken“, meint er. Viele wüssten zwar gar nichts über Landwirtschaft, aber andere wollen mehr wissen, kommen zu ihm auf den Hof und schauen sich die Tiere an. „Man könnte noch tausend Sachen besser machen“, sagt er und fängt an aufzuzählen, aber ein Ende findet er nicht und schüttelt letztendlich nur lachend den Kopf.