Motorkraft neu gedacht – alternative Energie für den Traktor?

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Die EU hat es festgeschrieben: Ab 2035 sollen keine Autos mit Verbrennungsmotoren mehr zugelassen werden. Und was ist mit unseren Landmaschinen – mit Traktoren und Erntemaschinen? Nun ja, das Verbot gilt auch für leichte Nutzfahrzeuge bis 3,5 Tonnen, allerdings sollen Traktoren und Erntemaschinen ausgenommen sein.

 

Trotzdem: Den klassischen Antrieben geht es auch in der Landwirtschaft an den Zylinderkopf. Aktuell tobt die Diskussion, dass der Acker Lebensmittel hergeben soll und keine Kraftstoffe – das Aus für Biosprit und Co scheint vorgezeichnet – was aus heutiger Sicht zunächst mal nach viel neuer Forschungsarbeit aussieht. Denn noch sind Diesel und Bio-Diesel unschlagbar in Sachen Reichweiten und Leistung. Heute lässt sich mit keiner anderen Technik so viel Leistung in einen vergleichsweise kleinen Tank – also Energiespeicher – hineinstecken.

Ein PS reicht nicht

Wie also weiter? Ein Zurück zu Pferd ist zwar eine romantische Vorstellung, aber für die Landwirtschaft nur in Einzelfällen eine Lösung. Auch wenn es – hauptsächlich aus den USA, aber auch von einigen Herstellern aus Deutschland – interessante technische Lösungen gibt, die Industrie arbeitet lieber an alternativen Antrieben. Was ja auch logisch ist – mit dem Pferd verdient sich in der Industrie zu wenig. 

 

Zugeben muss man: Per Huf lässt sich mehr bewegen als manch einer so denkt, Vorderwagen mit Motor können auch Ballenpressen und ähnliches antreiben. Leider kann man damit rechnen, dass in der aktuellen Diskussion diese klassische Art der landwirtschaftlichen Arbeit keinen wirklichen Schub erfährt – zu hoch sind personelle Anforderungen, zu schwierig, die Pferdearbeit auf den heutigen agrarischen Verhältnissen umzusetzen. Entweder sind die Flächen zu groß oder die Mittel- und Hochgebirge werden zurück in die Sensenzeit katapultiert. Das soll ja auch nicht sein.

"Wer konsequent ist wird schnell zu dem Schluss kommen: Den Energiehunger unserer Gesellschaft können wir irgendwann nicht mehr befriedigen."
peter schmidt

Kleine vollelektrische Traktoren

Muss auch nicht – die ersten Lösungen aber bringen nicht die Großen der Branche auf den Markt. Die Schweizer, die haben sich hier ganz nach vorn geschoben. Mit dem Rigitrac hat die Sepp Knüsel AG Ende 2022 einen ersten vollelektrischen Traktor in die Serienfertigung gebracht. Der Rigitrac 40 SKE ist zunächst mal ein Schmalspur-Schlepper, der sich im Bereich der Landwirtschaft eher für den Obst- und Weinbau eignet. Aktuell wird er für die deutschsprachigen Staaten gefertigt, demnächst wird er auch an Kundschaft außerhalb dieser Sprachgrenzen ausgeliefert. 

 

Der Schlepper ist nach heutigen Standards nicht so ganz günstig, rund 170.000 Euro kostet der 50 kW-starke Mitarbeiter (rund 68 PS). Rein finanziell ist das sicherlich erst dann lohnenswert, wenn der grüne Strom vom eigenen Stalldach stammt. Zudem rechnet Knüsel mit wesentlich geringeren Unterhaltskosten von etwa einem Viertel – denn der Elektro-Motor ist einfach wartungsfreier als der klassische Diesel. Das wird zwar die Werkstatt nicht freuen, die Bäuerinnen und Bauern schon.

 

Der schmalspurige Schlepper wird in etwa drei Jahren, das ist der Schweizer Plan, Gesellschaft bekommen: „Dann wollen wir einen breiteren Schlepper auch für die Landwirtschaft anbieten“, so Firmen-Mitgründerin Marlis Knüsel. Und mit den passenden leichteren Anbaugeräten wird der dann auch vollwertige Arbeiten – zum Beispiel im Grünland – leisten: Das ökologisch sinnvolle Doppelmesser-Mähwerk beispielsweise braucht weit weniger Kraft vom Treckermotor und lässt mehr Insekten am Leben. Ein Vorteil also für alle Seiten.

 

Ein Blick auf die Nischenhersteller lohnt: So präsentierte der indische Traktorenhersteller Solianka, in Deutschland mit der Marke Solis präsent, im vergangenen Jahr den ersten elektrischen Traktor auf einer niederländischen Landmaschinen-Ausstellung. Der Solis 26 ist zugegebenermaßen ein Kleinschlepper, doch für Arbeiten auf dem Hof allemal nutzbar, ebenso im Gartenbau.

 

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Bayerischer Wasserstoff-Traktor

Und was machen die großen Anbieter? Sie forschen noch, sie zeigen Prototypen oder auch Vorserien-Fahrzeuge. Aufgrund der Probleme mit dem Elektro-Motor – besonders die großen und schweren Speicher mit den vergleichsweise geringen Reichweiten und den möglichen Kilowatt-Leistungen – setzen sie auf andere Lösungen. Ein New Holland baut einen methanbetriebenen Schlepper, der in den USA vorgestellt wurde. Von Steyr/Case hört man, dass dort an einem hybriden Motor geforscht werde. Ebenfalls in den USA wurde ein John-Deere-Schlepper vorgestellt, der mit Ammoniak abgasfrei fahren soll. Und in Bayern probt ein Fendt Vario die wasserstoffbetriebene Zukunft. Der erste Wasserstoff-Traktor wurde genau zum Redaktionsschluss von Fendt vorgestellt – es wird also langsam Realität.

 

Noch ist der Weg in die Zukunft nicht ausgemacht – doch für viele gilt der Wasserstoff als potenzielle Lösung. Aus dem Rohr tropft ein wenig Wasser, die Brennstoff-Zelle wandelt den Wasserstoff in brauchbare Energie um. Insgesamt soll es vier solcher Prototypen geben. Und der Motorenbauer Deutz plant die Serienfertigung eines Motors immerhin für 2024 – aktuelle Leistung rund 200 kW (271 PS). Was zeigt: Da sind auch höhere Leistungen möglich, der umfassende Platzbedarf für die dicken Akkus ist nicht notwendig, manch einer träumt schon von der Umrüstung älterer Traktoren. Neuer Tank, neuer Motor – fertig wäre der wasserstoffbetriebene Schlepper.

 

Das Spannende an der Deutz-Entwicklung: Deutz spart sich einen energetischen Umwandlungsschritt. Üblicherweise funktioniert die „klassische“ Wasserstoff-Technologie so, dass in der Brennstoffzelle Wasserstoff mit Sauerstoff reagiert, so wird Strom produziert, der den Elektromotor antreibt. Deutz dagegen will einen Sechszylinder-Motor entwickeln, der statt des Diesels jetzt direkt den Wasserstoff im Zylinder explodieren lässt. Bei der Verbrennung entsteht ebenfalls nur Wasserdampf – wie bei der Brennstoffzelle. Also ist auch dieses System CO₂-neutral.


Ein Dieselverbrauch pro Hektar des gesamten Betriebes von unter 40 Litern ist anzustreben.


Energieverbräuche reduzieren!

Es tut sich also etwas – tatsächlich sind alternative Antriebe langsam in Sichtweite. Lang genug hat es gedauert. Der politische Druck hat hier also schon etwas bewegt.

Trotzdem kommt hier noch ein Aber, und zwar ein ordentliches: Auch wenn die Sonne direkt den Strom vom Dach in den Schlepper speist – die Rohstoffe für die Akkus sind rar und werden vielfach unter menschenunwürdigen Bedingungen gewonnen. Allein die Vorräte der raren Rohstoffe deuten an: schon wieder nur ein Zwischenschritt. Und Wasserstoff ist nur dann wirklich regenerativ, wenn er mit ebensolchen regenerativen Energien erzeugt wird. Darum reiste Minister Robert Habeck kürzlich nach Namibia. Ein – größerer? – Teil des grünen Wasserstoffs wird nicht aus Deutschland stammen…

 

Wer konsequent ist, gründlich nachdenkt, wird schnell zu dem Schluss kommen: Den Energiehunger unserer Gesellschaft können wir irgendwann nicht mehr befriedigen. Dann kommen Entscheidungen: Wer wird bevorzugt bei der Verteilung, zum Beispiel des Wasserstoffes? Da hat die Landwirtschaft eventuell gute Karten – trotzdem bleibt die Herausforderung: Energieverbräuche nicht durch andere Energien ersetzen, sondern reduzieren. Im Nachhaltigkeits-Check NaLa der Landwirtschaftskammer, der in Niedersachsen gerne als Basis genommen wird, um die Nachhaltigkeit von Betrieben zu bewerten, gilt: Ein Dieselverbrauch pro Hektar des gesamten Betriebes von unter 40 Litern ist anzustreben. Denn wer heute schon energiearm seine Arbeiten organisiert, spart jetzt schon Bares und ist der Entwicklung wichtige Schritte voraus. Künftig ist auch bei landwirtschaftlichen Arbeiten Energieeffizienz ein wichtiges Schlagwort – egal, ob mit Ammoniak, Wasserstoff oder vollelektrisch.

 

Von Peter Schmidt